+
Stefan George mit den Brüdern (v.re.) Berthold und Claus von Stauffenberg im Pfoertnerhaeuschen in Berlin-Grunewald.

Literatur

Vor 150 Jahren wurde in Bingen am Rhein Stefan George geboren

Ihn umgab die Aura des Priesters und Sehers. Er scharte einen Kreis ergebener Jünger um sich. Von dem charismatischen Dichter Stefan George geht bis in die Gegenwart eine magische Aura aus – und etwas Unheimliches.

Seine Wirkung in Deutschland war einzigartig. Stefan George beeinflusste Dichtung, Wissenschaft, Politik und Pädagogik des 20. Jahrhunderts in einem Ausmaß wie kaum ein anderer. Aus seinem Kreis gingen der Hitler-Attentäter Stauffenberg ebenso hervor wie bekennende Nazis. Zuletzt machten Fälle sexuellen Missbrauch durch jene Schlagzeilen, die sich in der Tradition des George-Kreises sahen. Bis heute spaltet Stefan George die Lager. Das Interesse an Werk und Gestalt ist in kleineren Zirkeln ungebrochen. Nach der monumentalen George-Biografie von Thomas Karlauf (2007) hat nun Jürgen Egyptien im Theiss-Verlag eine umfassende Darstellung vorgelegt („Stefan George: Dichter und Prophet“, 400 S., 29,95 Euro). Der Germanist (62) lehrt in Aachen Literaturwissenschaft. Von 2000 bis 2006 war er stellvertretender Vorsitzender der Stefan-George-Gesellschaft. Michael Kluger sprach mit ihm.

Herr Egyptien, können Sie sich Stefan George im Internet vorstellen?

JÜRGEN EGYPTIEN: Ich könnte mir einen Internet-Auftritt vorstellen, der aus nichts anderem als einem Foto besteht, das George in schwarzem Gewand und mit priesterlich-strengem, leicht verachtungsvollem Blick zeigt.

Warum spaltet George seine Leser noch immer entweder in rückhaltlose Bewunderer oder erbitterte Gegner?

EGYPTIEN: Weil George kein sich jeder Mode anpassender, nach möglichst vielen Likes und Followern schielender Zeitgeistautor ist, sondern unverrückbar für überzeitliche Werte steht, die heute alle in Verruf gekommen sind: Würde, Demut, Selbstbeherrschung, Dienst an einem Höheren, Treue, Schamhaftigkeit, Diskretion, Opferbereitschaft, Disziplin, Leistung im Verborgenen. Alles Orientierungen, die unserer auf narzisstische Selbstverwirklichung orientierten Spaßkultur ebenso ein Dorn im Auge sind wie einer politischen Kultur, die sich Autorität nur als Unterdrückung vorstellen kann. George ist kein gesinnungsmäßiges Weichei. Er verlangt von jedem seiner Leser Entscheidungen, die für die Lebensführung Konsequenzen haben – das polarisiert.

Es ist kaum noch bekannt, wie groß Georges Wirkung in den unterschiedlichsten Lebensbereichen in Deutschland war. Wie kommt es, dass George heute als so unzeitgemäß gilt wie kaum ein anderer deutscher Dichter?

EGYPTIEN: George war zu Lebzeiten nicht weniger unzeitgemäß als heute. Große Dichter sind immer unzeitgemäß, sonst gingen sie mit ihrer Zeit unter. Natürlich dürfte Georges Einfluss in der Weimarer Republik am größten gewesen sein, als Dutzende seiner Anhänger in einer Art „Marsch durch die Institutionen“ die deutschen Universitäten in seinem Sinne bespielten. Aber ich würde behaupten, dass es auch heute erstaunlich viele Menschen gibt, denen George etwas bedeutet. Das wird auch so bleiben, weil gerade in seiner Unzeitgemäßheit das überzeitliche Potenzial seines Dichtens und Denkens liegt. Sein Werk hat kein Verfallsdatum.

In ihrer Biografie zeichnen Sie George als einen modernen, europäischen Intellektuellen. Die, die ihn überhaupt noch kennen, verbinden oft etwas Urdeutsches mit ihm. Warum haben sie einerseits recht und doch unrecht?

EGYPTIEN: Es trifft zu, dass George seine regelmäßigen Reisen durch Europa vor dem Ersten Weltkrieg eingestellt und sich stärker auf das deutsche Geistesleben konzentriert hat. Zugleich sollte man aber berücksichtigen, dass er mit deutscher Kultur niemals eine engstirnig-nationalistische Vorstellung verband. Gerade sein Begriff vom Geheimen Deutschland umfasste eine europäische Kulturtradition von der griechischen Antike bis zum französischen Symbolismus, in deren Bewahrung er die vornehmste Aufgabe deutscher Kultur sah.

George ist vor allem Lyriker: formstreng, aristokratisch, hermetisch, asketisch – auch im Leben. Woher rührte dieser elitäre ästhetische Habitus?

EGYPTIEN: Wichtige Faktoren für diesen Habitus dürften seine Faszination für die ästhetischen Rituale der katholischen Messe, seine prägende Begegnung mit dem esoterisch-elitären Kreis um Mallarmé in Paris und die Entdeckung der Möglichkeit sein, mittels künstlerischer Formgebung ein Ideal von Schönheit zu verwirklichen. Die Idee der schönen Form galt für George auch für alle alltäglichen Verrichtungen, für das Drehen einer Zigarette wie für das Einschenken von Wein. Von letzterem genoss er übrigens täglich mehr als einen Liter – dies zum Thema Askese.

Sie schreiben, George sei ein humorvoller Mensch gewesen, warmherzig auch. Wie kommt es, dass man gemeinhin George und Humor nicht verbindet?

EGYPTIEN: Das liegt an dem heiligen Ernst, mit dem George sein Ideal einer Kunst im Dienste der Schönheit verfolgte. Deswegen ist in der Kunst selbst kein Raum für lockere Späßchen. Auch auf den „offiziellen“ Fotos wirkt George immer ernst, feierlich, streng, weil er bereits in der äußeren Erscheinung die völlige Durchformung der Existenz demonstrieren wollte. In privater Runde und in zufälligen Begegnungen mit Menschen konnte er locker, witzig und leutselig sein. Ich würde seinen Humor am ehesten als „Mutterwitz“ bezeichnen.

George begann schon früh, sich mit Gleichgesinnten und Bewunderern zu umgeben. Daraus wurde bald der „Kreis“, ein nach außen streng abgedichteter Zirkel junger Männer, den die Kunst verband, gemeinsame Anschauungen, enge persönliche Freundschaft. Zugleich aber auch ein sehr starkes Abhängigkeitsverhältnis zum autoritären „Meister“. Wie abhängig war George selbst von diesem Kreis?

EGYPTIEN: Man kann vielleicht sagen, dass der Kreis um George ein elementarer Bestandteil seines Werkes ist. Sein Impuls zur Formgebung erstreckte sich nicht nur auf Worte, sondern auch auf Menschen. Daher war er selbst in hohem Maße von dem Funktionieren der Freundschaftsbeziehungen abhängig. Wenn Konflikte auftraten oder gar Freunde von sich aus den Kontakt abbrachen, stürzte das George in existentielle Krisen. Umgekehrt verursachten seine hohen Ansprüche an Freundschaft in nicht wenigen Fällen seelische Verletzungen bei anderen.

Was machte die von vielen überlieferte magische Aura dieses Mannes aus? Warum unterwarfen sich viele in bedingungsloser Gefolgschaft?

EGYPTIEN: George verfügte offenbar über ein historisch nahezu einmaliges Charisma, das eine bezwingende Kraft besaß. Er war aber kein Dämon, der sich andere Menschen unterwarf, sondern seine Magie bestand darin, dass er bei anderen sofort Vertrauen weckte und sie zu Erkenntnissen über sich selbst führte. Er wurde als Weiser wahrgenommen, der zum richtigen Leben führen konnte. In seinem Nachlass finden sich etliche Briefe von ihm persönlich unbekannten Männern und Frauen, die ihn um die Lösung ihrer Lebensprobleme baten.

Es ist lange bekannt, dass George homosexuell war, zumindest homoerotische Neigungen hatte. Einige, die aus dem Kreis hervorgingen oder vom Geist des Kreises beseelt und geprägt waren, sind bis heute verstrickt in sexuellen Missbrauch, als Täter wie als Opfer – Menschen aus dem geistigen Milieu der Reformpädagogik, der früheren Odenwaldschule, dem Kreis um die Zeitschrift „Castrum Peregrini“. Haben Sie dafür eine Erklärung?

EGYPTIEN: Um es klar zu sagen: Für die Legitimation von Päderastie und jeder Form sexueller Gewalt oder Ausbeutung liefert George keine Handhabe, weder sein Werk noch sein Leben, so weit man dieses kennt. Auf der anderen Seite ist klar, dass in seiner Dichtung immer wieder von mann-männlicher Liebe die Rede ist. Es handelt sich aber um einen Missbrauch dieser Texte, wenn sie als Mittel zur Hinnahme von sexueller Übergriffigkeit gezielt eingesetzt werden.

Die Brüder Stauffenberg, darunter der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, gehörten zum Kreis. Andere aus der George-Gemeinschaft sympathisierten offen mit den Nazis. Wie ist es möglich, dass beide Gruppen sich auf den Dichter berufen konnten?

EGYPTIEN: Das ist in der Tat ein heikler Punkt. Zunächst war dies nur deshalb möglich, weil George selbst keine klare Haltung eingenommen hatte – einfach deshalb, um sich politisch von niemandem vereinnahmen zu lassen. In der Zeit von der Machtergreifung bis zu seinem Tod Anfang Dezember 1933 mehren sich zwar die Signale einer Distanzierung vom Dritten Reich, aber sie verbleiben im privaten Raum. Der Irrtum, das Dritte Reich für die Verwirklichung von Georges Neuem Reich zu halten, konnte sich nur daraus ergeben, dass einzelne Schlagworte wie Reich, Führer, Stamm aus dem Kontext gerissen und so verstanden wurden, wie man sie im politischen Tageskampf gebrauchte. Für mich ist die Linie, die von George zum 20. Juli führt, schlüssiger, weil das Dritte Reich einen Grad der Kulturlosigkeit, Barbarei und Pervertierung aller Werte aufwies, der mit Georges Ideen inkompatibel war.

George war nicht „nur“ Dichter. Seine Vision erstreckte sich über die Kunst hinaus auf alle Lebensäußerungen bis ins Politische. In ihrem Buch gibt es Kapitel über das „schöne Leben“ und den „schönen Staat“: Wie sähe ein Leben, wie sähe ein deutscher Staat aus dem Geist Georges heute aus?

EGYPTIEN: Die Möglichkeit, ein „schönes Leben“ im Sinne von Georges Dichtung zu führen, besteht für jeden Einzelnen. Bei George heißt es: „was ihr heut nicht leben könnt wird nie.“ Es bedarf also bloß des Mutes, das eigene Leben in den Dienst der Schönheit zu stellen. Dafür gibt es kein verbindliches Modell, und das gilt auch für einen „schönen deutschen Staat“. Es wäre wohl ein Missverständnis, wenn man versuchen wollte, aus Georges Dichtung irgendein allseitig beglückendes Staatssystem abzuleiten. Was man höchstens sagen kann, ist, dass das soziale Miteinander davon profitieren könnte, wenn die erwähnten Werte wiederbelebt und die Menschen zur Verantwortung für sich und die Schöpfung und, so weit es jedem gegeben ist, zur Empfindung von Schönheit hingeleitet würden.

Wie würde der Verächter der Masse, der Demokratie, der Pöbelherrschaft, der Unbildung und Kulturlosigkeit auf unsere Gegenwart blicken?

EGYPTIEN: Kaum anders als auf seine Gegenwart. Seine radikal zivilisationskritischen „Zeitgedichte“ aus dem „Siebenten Ring“ behalten auch gegenüber unserer Gegenwart ihre Gültigkeit. George war übrigens kein Verächter der Demokratie, er wollte sie nur aus der Kunst heraushalten. Das politische System war ihm ziemlich egal. Die Gesprächskultur innerhalb des George-Kreises nannte er ironisch „eine durch Absolutismus gemilderte Demokratie“.

Es gibt heute rechte Intellektuelle, die ein „anderes Deutschland“ herbeiwünschen und sich dabei auf George stützen. Ist das legitim?

EGYPTIEN: Hugo von Hofmannsthal hat George, ohne den Namen zu nennen, in seiner berühmten Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ 1927 als Repräsentanten der „Konservativen Revolution“ porträtiert. Er sieht in der Überzeugung, dass Bindung wichtiger sei als Freiheit, einen ihrer zentralen Gedanken. Wenn man dies als Kriterium nimmt, ist die Bezugnahme eines Konservatismus, der auf die sozialen Kosten einer unbegrenzten individuellen Freiheit hinweist, auf George legitim. Generell würde ich jedoch sagen, dass kein echtes dichterisches Werk in irgendeiner (partei-)politischen Orientierung aufgeht.

Was hat Sie selbst so fasziniert, dass Sie sich ein Leben lang mit Stefan George beschäftigt haben?

EGYPTIEN: Zum einen hat George Gedichte hinterlassen, von denen etliche eine unvergängliche Strahlkraft, ja Magie ausüben, die ästhetisch begeistern und intellektuell provozieren. Zum anderen fasziniert mich das „Phänomen George’“, die rätselhafte charismatische Wirkung, die so viele und so unterschiedliche Männer und Frauen in ihren Bann geschlagen hat.

Welches Gedicht sollte jeder auswendig können?

EGYPTIEN: Das darf nur ein ganz kurzes sein. Nehmen wir das erste „Lied des Zwergen“:

„Ganz kleine vögel singen ·/Ganz kleine blumen springen ·/Ihre glocken klingen.//Auf hellblauen heiden/Ganz kleine lämmer weiden ·/Ihr fliess ist weiss und seiden.//Ganz kleine kinder neigen/Und drehen sich laut im reigen –/Darf der zwerg sich zeigen?“

Welches George-Buch würde der Welt besonders fehlen, wenn es nie geschrieben worden wäre?

EGYPTIEN: „Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Mit einem Vorspiel“.

Warum?

EGYPTIEN: Das Buch hat drei Teile. Im Vorspiel erscheint dem Dichter ein Engel und bringt ihm die Botschaft des „Schönen Lebens“. Daraus entwickelt sich ein Dialog, in dem das Bild einer künftigen freudefähigen Jugend entworfen wird. Der zweite Teil enthält Gedichte, die Georges Einsichten in Lebensgesetze formulieren und seine Ausgrabungen kultureller Schätze ausstellen. Im dritten Teil gibt es wunderbar einfühlsame Widmungsgedichte an Wegbegleiter und Freunde.

Würden Sie uns einen Vers nennen, in dem George klar erkennbar wird?

EGYPTIEN: „Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare