+
Was soll ich nur mit mir anfangen? Keine Ahnung! Sina Martens, Miriam Joya Strübel, Yodit Tarikwa und Lukas RüppelI (von links) öden einander an. Und auch die Regisseurin Bernadette Sonnenbichler kann ihnen nicht weiterhelfen.

Frankfurter Kammerspiel

Jeder kreist allein um sich selbst

  • schließen

Vier junge Leute aus einer Wohngemeinschaft versammelt Sasha Marianna Salzmann in „Ich, ein Anfang“. Doch ihr Text ist nicht mal ein richtiges Stück.

Eigentlich starker Tobak: In der Mitte des Glaskastens, den Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Menardi auf die Bühne der Kammerspiele gestellt hat, klafft ein großes schwarzes Loch. Auch liegt etwas auf der Bühne, das aussieht wie Asche. Offenbar ist hier etwas eingeschlagen oder explodiert. Angesichts dieser Kulisse ist jedoch beachtlich, dass die Vier, die sich um und in dem Glaskasten, der ihre Frankfurter WG ist, tummeln, vornehmlich über sich reden.

Die Vier, das sind: Nana (Yodit Tarikawa), eine schwarze Lesbe, die auf High Heels über die Bühne stakst und sich Sex online erdatet. Ganz so, wie es sich im digitalen Zeitalter gehört. Mit Profil und so. Und mit unguten Folgen: Denn Profile sind geduldig, Wahrheit ist dehnbar und die Gefahr von Täuschungen also groß. Dann ist da Efraim (Lukas Rüppel) mit jüdischen Wurzeln. Von ihm bleibt vor allem in Erinnerung, dass er Sellal körperlich bedrängt und sagt, dass er Silvester in Köln gerne dabei gewesen wäre. Aha. Sellal (Miriam Joya Strübel) ist aus der Türkei nach Frankfurt geflohen und traumatisiert von einem Anschlag. Sie findet in der WG einen Platz, weil Re weg ist. Re (Sina Martens) irrlichtert dafür immer wieder über die Bühne und verschickt Nachrichten und Selbstbilder, die über einen Monitor oder die Glaswände flirren. Die Verschwundene ist anwesend abwesend – wie in ihrem eigenen Leben, über das sie sagt: „Ich weiß nicht, ob wir gestern gesprochen haben, oder vorgestern, oder vor einem Monat, es fühlt sich alles an wie Brei. Alles ist ein Déjà vu, ich habe kein Verhältnis zur Jetztzeit.“ Nach solchen Sätzen möchte man ihr flugs empfehlen, mehr auf ihre Umgebung zu achten als auf ihr Smartphone. Vielleicht wüsste die etwas orientierungslos und unbehaust Wirkende dann wenigstens, ob der Fluss, den sie sieht, Wolga, Main oder Rio Douro ist. Aber wie es so ist: Ein Vibrieren in der Tasche kündigt eine Nachricht an, worauf Re in der nächsten Kneipe einen Ingwertee braucht. Das sind Probleme …

Gut, ein paar aktuelle Themen werden tangiert oder durch die Figurenkonstellation gleich mitgeliefert: Kölner Silvesternacht, Flüchtlinge und Verhaltensbroschüren, Terror, Rassismus, Selbstverletzungen, Holocaust, Homosexualität, Missbrauch. Ein großer Rundumschlag also. Und leider völlig oberflächlich, folgen- und einsichtslos. Als irgendwann die Matratze über das Loch im Bühnenboden gelegt wird, beschleicht die Rezensentin ein etwas bösartiger Gedanke: Nämlich der, dass der Interessenhorizont dieser vier Figuren im Grunde nicht wesentlich über den Matratzenrand hinausgeht. Geht es doch auch immer wieder um S** und F*****. Nana beispielsweise sagt über ihr Date: „Ich küsse sie zwischen den Brüsten und versuche dabei an meine Ex zu denken, an ihre Haut, an ihre Brüste, frage mich, ob ich mich wirklich immer noch an ihren Geruch erinnern kann oder es mir nur einbilde, dass ich sie unter Tausenden erkennen würde.“

Ach ja, die Erinnerungen! Die gibt es ja auch noch in der Uraufführung von Sasha Marianna Salzmanns Text (Stück möchte man es nicht nennen) „Ich, ein Anfang“. Schließlich ist der Text ein Werkauftrag für die Reihe „Frankfurter Positionen“. Sie stehen dieses Jahr unter dem Motto „Ich reloaded – Das Subjekt im digitalen Netz“ und setzt sich mit dem Subjekt, seinen Erzählungen, Erinnerungen, Entwürfen und Erfahrungen in Zeiten der Digitalisierung auseinander. Zugegeben: Mit den Erinnerungen ist es eine vertrackte Sache. Höchst unzuverlässig sind sie und sogar manipulierbar. So sehr, dass es sein kann, dass man nicht weiß, ob man etwas selbst erlebt hat oder nur glaubt, etwas erlebt zu haben. Uraufführungsregisseurin Bernadette Sonnenbichler lässt den Realitätsgrad des Bühnengeschehens daher auch in der Schwebe. Und so weiß man am Ende vor lauter Gerede über Erinnerungen, die vielleicht nicht einmal die der Sprechenden sind, schon selbst nicht mehr, was man nach 90 Minuten eigentlich gesehen hat. Wie bei der Tablet-Bildschirm-Bewegung auf der Bühne: Wisch und weg!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare