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Molly Bloom (Jessica Chastain) ist von der Skifahrerin zur Geschäftsfrau geworden. Sie organisiert heimliche Poker-Runden, an denen auch berühmte Hollywood-Schauspieler teilnehmen.

Interview

Jessica Chastain: "Ehrgeiz ist nicht nur für Männer"

Die amerikanische Schauspielerin verkörpert die gerissene Kartenspielerin Molly Bloom, die in Hollywood verbotene Glückspiele für Reiche organisierte.

In Kathryn Bigelows Thriller „Zero Dark Thirty“ jagte Jessica Chastain in der Rolle einer jungen CIA-Agentin dem Al-Kaida-Terroristen Osama bin Laden nach. Das brachte ihr eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ein. Nun hat sich die Schauspielerin in die Kreise schwerreicher Männer begeben. In „Molly’s Game“ spielt sie die einstige Skifahrerin Molly Bloom, die den Sport nach einem Unfall aufgeben muss, in Hollywood verbotene Pokerturniere organisierte und Millionen Dollar verdiente, bis sie 2013 vom FBI gestellt wurde. Inszeniert hat die Geschichte der Drehbuchautor Aaron Sorkin („The Social Network“), der hier erstmals Regie geführt hat. Mit der 40-jährigen Jessica Chastain, die in Sacramento (Kalifornien) geboren wurde, sprach Martin Schwickert.

Ms. Chastain, Sie spielen Molly Bloom, die in Los Angeles und New York Pokerrunden für finanzstarke Promis organisiert hat. Pokern Sie auch mal ganz gerne?

JESSICA CHASTAIN: Nein, Glücksspiel ist überhaupt nicht mein Ding. Dafür bin ich viel zu nervös. Aber ich schaue manchmal ganz gerne zu.

„Molly’s Game“ ist die erste Regiearbeit von Aaron Sorkin, einem der wichtigsten Drehbuchautoren in Hollywood, der für seine schnellen, wortreichen Dialoge berühmt und berüchtigt ist. Wie sind Sie mit diesem rasanten Sprachtempo zurechtgekommen?

CHASTAIN: An der Schauspielschule haben wir Shakespeare gespielt, und auch hier ist das Wichtigste, dass man die Dialoge schnell und flüssig spricht. Wenn man sie zu langsam spricht, verlieren die Dialoge ihre Energie. Alle großen Schriftsteller haben ihren eigenen Rhythmus. Das trifft für Shakespeare und David Mamet genauso zu wie für Aaron Sorkin. Ich habe mich als Schauspielerin schon früh mit Textrhythmus beschäftigt. Ich wusste, dass ich das kann.

Was hat Sie an der Figur der Poker-Queen gereizt?

CHASTAIN: Molly Bloom erreicht, dass die Männer am Spieltisch sie als Führungspersönlichkeit akzeptieren. Als sie festgenommen wird und das FBI ihr ein Angebot zur Zusammenarbeit macht, weigert sie sich, ihre früheren Kunden zu verraten. Sie bewahrt sich ihre eigene moralische Integrität, obwohl sie enorm unter Druck gesetzt wird. Frauenfiguren wie Molly Bloom, die eine solche Stärke zeigen, finde ich sehr aufregend.

Frauen, die sich in einer männerdominierten Umgebung durchsetzen, standen auch schon in Ihren Filmen „Zero Dark Thirty“ und „Die Erfindung der Wahrheit“ im Mittelpunkt.

CHASTAIN: Generell versuche ich mit meinen Filmen, etwas zum Positiven hin zu bewegen, und das gilt besonders in Beziehung auf Geschlechterfragen. Ich will mit Figuren wie Molly Bloom zeigen, dass jede Frau stark sein kann und Ehrgeiz kein männliches Vorrecht ist.

Diese Geschlechterfragen werden in Hollywood im Zuge des Weinstein-Skandals und der #MeToo-Debatte zurzeit intensiv diskutiert.

CHASTAIN: Das, was gerade in Hollywood vor sich geht, geschieht überall in der Gesellschaft. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf Hollywood. Das ist einerseits gut, weil dadurch die #MeToo-Debatte eine größere mediale Reichweite bekommen hat, aber es ist wichtig, dass wir all die anderen Frauen nicht vergessen. Es gab vor kurzem einen Aufruf von über 700 000 Farmarbeiterinnen, die beschrieben haben, welchen sexuellen Belästigungen sie in ihrer Arbeit ausgesetzt sind, und was sie durchmachen, um das Essen für ihre Kinder auf den Tisch zu bekommen. Wenn bestimmte Menschen durch ihre Position unkontrollierte Macht über andere haben, wird es immer Missbrauch geben. Egal, in welcher Branche.

Glauben Sie, dass in der amerikanischen Filmindustrie nun eine Post-Weinstein-Ära beginnt?

CHASTAIN: Es ist immer schwierig, in die Zukunft zu schauen. Aber soweit ich höre, halten viele Studios gerade gezielt nach Filmemacherinnen Ausschau. Auch in den Produktionsfirmen versucht man, mehr Frauen in die Führungsgremien zu bekommen. Denn die alles entscheidende Frage ist immer: Wer sitzt im Aufsichtsrat?

Was tun Sie jenseits Ihrer schauspielerischen Arbeit, um was zu verändern?

CHASTAIN: Ich habe vor einem Jahr meine Produktionsfirma „Freckle Films“ gegründet, und das Ziel ist es, Film- und Fernsehprojekte zu entwickeln, die sich auf die Teile der Gesellschaft zu konzentrieren, die bisher im amerikanischen Kino unterrepräsentiert sind.

„Freckle“ heißt Sommersprossen. Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?

CHASTAIN: Als ich jung war, habe ich meine Sommersprossen gehasst, weil ich dadurch so anders aussah als all die anderen. Und ich wollte eine Firma gründen, die feiert, was besonders und einzigartig an uns ist. Alle wollen nur noch gleich aussehen und bestimmten, normierten Schönheitsvorstellungen entsprechen. Wir feiern viel zu wenig unsere Eigenheiten.

Molly’s Game

Vom 8. März an in den Kinos

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