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Don José tritt wie ein Muttersöhnchen auf

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Von: Axel Zibulski

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Darmstadts Carmen (Tamara Gura) bei der Probe.
Darmstadts Carmen (Tamara Gura) bei der Probe. © Martina Pipprich

Auch am Staatstheater Darmstadt feierte eine „Carmen“ Premiere: Regisseurin Sandra Leupold hat Bizets Meisterwerk als offene Probe inszeniert.

Das Spanien der „Carmen“ ist ein Fantasieprodukt der eifrigen Lektüre von Prosper Mérimées Novelle um die freiheitsliebende Fabrikarbeiterin aus Sevilla. Georges Bizet, der zeit seines Lebens nie südlich der Pyrenäen war, komponierte mit der 1875 vom Pariser Publikum zuerst ablehnend aufgenommenen Oper trotzdem einen der bis heute populärsten Genre-Beiträge. Was sich am vergangenen Wochenende auch im Rhein-Main-Gebiet zeigte: Am Abend vor Barrie Koskys Frankfurter Neuinszenierung hatte Sandra Leupolds Sicht auf den Klassiker im Staatstheater Darmstadt Premiere. Wie ein Fantasieprodukt der eifrigen Partitur-Lektüre scheinen in Darmstadt die Sängerinnen und Sänger ihre Vorstellungen von dem Stück zu entwickeln. Ausstatter Stefan Heinrichs hat aus der großen Staatstheater-Bühne einen Probensaal gemacht. Immer, wenn irgendwer das Licht einschaltet, spielen sie ihre eigene „Carmen“: Die Darstellerin der Titelpartie packt ein Kleid in andalusischem Rot-Schwarz aus, der Torero gefällt sich in pinkfarbenen Strümpfen, während Don José am Ende das Messer aus seinen sommerlichen Alltagsklamotten zückt.

Furioses Orchester

Diese Idee, dass Darsteller zusammenkommen, um für sich ein Stück und zugleich sich selbst darin zu erfinden, ist nicht neu. Leupold verfolgt sie, seit die Konwitschny-Schülerin 2001 in Berlin Mozarts „Don Giovanni“ für „acht Sänger und sieben Stühle“ inszeniert hat. Puccinis „Tosca“ in Wiesbaden oder die Paul-Dukas-Rarität „Ariane et Barbe-Bleu“ in Frankfurt boten Leupold in den vergangenen Jahren ähnliche Spielfelder.

In der Darmstädter „Carmen“ kann Leupold ihre Probensaal-Inszenierung vor allem deshalb so intensiv entwickeln, weil die Sänger, das Ensemble, auch das furios aufspielende Staatsorchester Darmstadt sie äußerst engagiert tragen. Bereits während das Publikum das Große Haus betritt, warten die Darsteller auf der offenen Bühne darauf, dass es losgeht. Licht an, Licht aus: Mit einem Schlag setzt, ein Überraschungs-Coup, Bizets schmissiges Vorspiel ein.

Die Charaktere sind ohnehin Projektionen, von Don José, dem desertierenden Soldaten und Muttersöhnchen, vielleicht abgesehen. Mit seinem pfauenhaften Auftritt (Kostüme: Mechthild Feuerstein) geriert sich Dmitry Lavrovs Escamillo wie der Prototyp eines Machos, sein Torero-Gehabe macht, mehr noch als sein eher schmächtiger Bass, Furore. Auch Tamara Gura bedient als Carmen alle erdenklichen Fantasien – die von der freiheitsliebenden Frau für die Damen, die eher erotisch geprägten für die Herren, was der ausgesprochen jugendliche Mezzosopran der 33-jährigen US-Amerikanerin mit großer Reife vermittelt.

Macht in der Höhe

Am wenigsten kann sich Mickael Spadaccini, ein Tenor mit Macht in der Höhe und Schmelz in der Mittellage, aus seiner Rolle als Don José lösen, obwohl er im Polo-Shirt doch wie zufällig in die Probe hineingeraten wirkt. Und Susanne Serfling, die glutvolle Micaëla, ist irgendwann zur Außenseiterin auch der Probe geworden, die von der Seite aus die Szene betrachtet.

Die Präzision, mit der Sandra Leupold die prächtig einstudierten Chöre, den Opern-, Extra- und Kinderchor samt Statisterie ins zunehmend ernste Rennen schickt, lassen freilich jeden Augenblick die tatsächlich tiefe Durcharbeitung des nur auf den ersten Blick offenen Konzepts erkennen.

Dazu passt ideal, dass Darmstadts Generalmusikdirektor Will Humburg das alles vom geschliffen intonierenden, rhythmisch aber angenehm atmend ausschwingenden Orchester abstützen lässt. Wer sich lieber an ältere „Carmen“-Inszenierungen erinnern lassen mochte, dem bot der Volksauflauf vor dem Stierkampf im vierten Akt Gelegenheit, als Sonnenschirmchen, Orangen und Programmhefte aus früheren Darmstädter „Carmen“-Inszenierungen auf der Bühne Revue passierten. Manche riefen nach der Premiere „Buh“ in Richtung Regieteam, alle bejubelten aber einhellig die musikalische Seite.

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