Interview

Journalist Moritz Grütz spürt der Musikrichtung in der ganzen Welt nach

Für sein Buch „Metallisierte Welt“ hat der Autor Moritz Grütz drei Dutzend Musiker befragt, darunter auch Barney Ribeiro von der Band „Nervecell“.

Während die Globalisierungsidee schon in einzelnen Staaten Europas zu scheitern droht und vor allem die Wirtschaft, nicht aber die Menschen von internationalen Verflechtungen profitieren, gibt es ein kleines, vom Mainstream oft belächeltes Musikgenre, in dem sich Musiker und Fans rund um den Globus miteinander verbrüdert fühlen: Das ist die Metalszene, „über alle Grenzen hinweg, ohne der Herkunft, dem sozialen Status, der Religion, Klasse, Kultur oder Hautfarbe eine Bedeutung beizumessen“, wie Barney Ribeiro, der in Dubai geborene Gitarrist von „Nervecell“ mit indisch-portugiesischen Wurzeln aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, betont. Er ist nur einer von drei Dutzend Musikern, die Metalfan, Musiker und Online-Redakteur Moritz Grütz für sein Buch „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ interviewte. „Noch hinter den höchsten Bergen, in den größten Wüsten und auf den kleinsten Inseln finden sich ein paar wackere Metalheads, die sich zu Bands zusammengeschlossen haben“, fand Grütz Gleichgesinnte von Afghanistan bis Tasmanien, in Grönland und auf Madagaskar. So bekam der 29-Jährige Einblick in bewegende Biografien. Denn nicht nur in der arabischen Welt leben die Musiker, die ihrer Leidenschaft nachgehen, gefährlich. Detlef Kinsler sprach mit dem Autor.

Herr Grütz, wie kommt man auf die Idee, ein solch außergewöhnliches Buch zu schreiben?

MORITZ GRÜTZ: Für mein Magazin „Metal1.info“ hatte ich vor einigen Jahren eine CD der Band „Al-Namrood“ aus Saudi-Arabien zur Besprechung vorliegen und nahm auch ein Interview-Angebot wahr. Bei der Herkunft der Band erschien es mir selbstverständlich, auch etwas über die Probleme, die sich aus dem Leben als Metalhead in Saudi-Arabien ergeben, zu erfragen. So habe ich Blut geleckt, das bei allen Bands aus etwas ausgefalleneren Ländern zu tun.

Sie sind bei Ihrer Recherche auf Metalbands aus aller Welt gestoßen. Ist die Metal-Community so gut vernetzt, dass man in sozialen Netzwerken automatisch auf die „Exoten“ stößt?

GRÜTZ: Wenn man sich für das Thema interessiert, ist das in der Metalszene relativ leicht. Ich habe mit der „Enzyklopaedia Metallum“, einer Metal-Datenbank gearbeitet – die kann man sogar auch nach Herkunftsland durchsuchen. Also habe ich mir die entlegensten Länder ausgesucht und dort jeweils die am längsten aktiven Bands angeschrieben. Der Rechercheaufwand war also erfreulicherweise dank dieses Archivs überschaubar. Aufwendiger war es dann, auch wirklich Zusagen und schließlich Antworten auf die Fragebögen zu erhalten.

Im Vorwort erwähnen Sie das starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Szene. Resultiert das aus der projizierten, aber auch selbst angenommenen Außenseiterrolle?

GRÜTZ: Für die meisten Metalheads ist Metal nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung, die das gesamte Sozialleben prägt – die Clubs, in die man geht, die Kleidung, die man trägt, und schlussendlich damit auch immer, mit welchen anderen Menschen man in Kontakt kommt. So entsteht eher als in „unauffälligeren“ Musikrichtungen eine „Verbrüderung“ zwischen den Anhängern. Die Außenseiterrolle ist sicher auch ein Faktor, wobei die Interviews in „Metallisierte Welt“ ja zeigen, dass man als Metalhead schnell aus der Komfortzone der Gesellschaft rutscht. In den meisten hier in den Fokus gerückten Ländern ist diese Außenseiterrolle ja sehr schnell sehr real und mitunter lebensbedrohlich.

Haben Sie geahnt, dass es wohl keinen Flecken auf der Erde zu geben scheint, wo es keinen Metal gibt?

GRÜTZ: Besonders faszinierend finde ich da den arabischen, teils sehr streng muslimischen Teil der Welt. Dass Menschen tatsächlich körperliche Züchtigung oder gar die Todesstrafe in Kauf nehmen, um sich künstlerisch auszudrücken, beeindruckt mich zutiefst. Genauso begeistert mich aber auch, dass man in Nepal, in Grönland oder auf Kuba Metalbands findet.

In Ländern, wo Unterdrückung an der Tagesordnung ist, bekommt die Musik wieder wirklich revolutionäre Züge. Kann man sich dann hier noch mit gutem Gewissen als Rebell fühlen, oder schämt man sich da nicht gar ein bisschen?

GRÜTZ: Im Lichte dessen, gegen welche sozialen Probleme Bands wie „Al-Namrood“ in Saudi-Arabien ansingen, sind sämtliche kritischen Texte im Hier und Heute unserer westlichen Welt natürlich Jammern auf extrem hohem Niveau. Andererseits ist Metal alles in allem weit weniger politisch, als man denken könnte. Natürlich gibt es viele Bands, die ihre Musik nutzen, um politische Ansichten welcher Art auch immer zu transportieren, aber das ist definitiv nicht der Standard. Natürlich wünschen sie sich alle eine liberalere Gesellschaft, viele trennen diese persönliche Hoffnung klar von ihrer Kunst. Es ist quasi unmöglich, politische Texte mit Musik zu veröffentlichen, etwa wegen der Zensur, etwa in China, oder wegen Gesetzen und damit drohenden Strafen wie in der arabischen Welt. Interessant fand ich aber auch den Aspekt der martialischen Texte, die gerade im Death Metal zum guten Ton gehören: Wie fühlt es sich an, wenn man selbst Kriege erlebt, und andernorts werden Kriege verherrlicht? Da sind im Buch auch einige interessante Gedanken gesammelt worden.

Welche der Geschichten haben Sie am meisten bewegt?

GRÜTZ: Die Nachricht von „Avesta“ aus dem Iran, warum sie mir bei der derzeitigen Situation in ihrem Land meine Fragen nicht beantworten können, hat mich sehr bewegt. Aber auch das Bild, das Bassem Deaibess von „Blaakyum“ aus Beirut über Kriegszeiten malt, hat mich wirklich berührt, als er schrieb: „Man kann auch in einem Kriegsgebiet glücklich sein, wenn du tagelang in einem Versteck sitzt, mit nichts außer einem batteriebetriebenen Kassettenspieler und einer E-Gitarre, die du nirgends einstecken kannst, weil es keinen Strom gibt: Du hörst einfach nur Metal und jammst dazu auf der Gitarre.“ Zuletzt wäre dann noch die Einschätzung der Madagassen „Beyond Your Ritual“ zu nennen, die sehr treffend beschreiben, wie man sich in einem Land, in dem der Metal eine Underground-Sache ist und das die Metal-Welt nicht auf dem Schirm hat, als Metalhead fühlt: „Metal in Madagaskar? Das ist wie ein Boot in der Mitte des Ozeans, auf dem du Radioempfang hast, der dir erlaubt, alles aus der restlichen Welt zu empfangen, aber du kannst nichts hinaussenden. Keiner hört dich, keiner weiß, dass du da bist.“

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