Fotografieausstellung

Kämpfen um einen Platz auf der Welt

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Die Deutsche Börse in Eschborn beschäftigt sich innerhalb des Frankfurter Foto-Festivals „Ray“ mit dem Thema „Territories“. Fünf Fotografen geben Einblick in Gegenden, die sich im Krieg oder durch wirtschaftliche Eingriffe radikal verändern.

In einer Zeit, die uns täglich mit tausenden von Bildern flutet, glauben wir oft, alles schon einmal gesehen zu haben, alles zu kennen. Dass das nicht so ist, dass es Regionen gibt, von denen wir keine Ahnung haben, zeigt die aktuelle Schau in „The Cube“ in Eschborn. Gespenstisch, befremdlich und manchmal geradezu widersinnig ist, was man hier zu sehen bekommt.

Der 1970 geborene Sze Tsung Nicolás Leong ist in chinesischen Großstädten dort unterwegs gewesen, wo Stadtplaner gigantische Megacities geplant und dafür nicht selten ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht haben. In großformatigen Weitwinkel-Aufnahmen nimmt er die trostlose und gleichwohl beeindruckende Gigantomanie aufs Korn: einen auf immens hohen Säulen in ein Tal hineinragenden Autobahnzubringer, der nie fertiggestellt wurde, eine chinesische Hochhaussiedlung, in der einzig ein Erdhügel im Vordergrund davon zeugt, dass es irgendwo auf dieser Welt noch Spuren von Natur gibt. Melancholie liegt in diesen Bildern, weil für die seelenlosen Bauvisionen für Zigtausende von Menschen riesige Gebiete mit gewachsenen Ortschaften geopfert wurden.

Guy Tillim war in afrikanischen Ländern wie Mozambique oder im Kongo unterwegs und hat dort Gebäude fotografiert, die einst Hoffnungssymbole einer rosigen Zukunft waren, dann aber jahrzehntelang verfielen. Dennoch leben heute Menschen in diesen oft riesigen Beton-Komplexen, eignen sie sich für ihre Zwecke an: Das Gelände einer einst repräsentativen Aussichtsterrasse dient zum Aufhängen von Wäsche. Aus der Zerstörung wachsen neue Träume.

„Potemkin’sche Dörfer“ heißt eine der beiden Fotoserien des Österreichers Gregor Sailer. Überall auf der Welt, in Russland, in der Mojave-Wüste und in China hat er Fake-Orte fotografiert: Thames-Town etwa, einen nach britischem Vorbild gebauten Stadtteil (inklusive roter Telefonzelle) mitten in China. Oder mitten in der Mojave-Wüste ein zu soldatischen Trainingszwecken erbautes Dorf, das an eine irakische Siedlung erinnert. „Closed Cities“ zeigt die zweite Serie, Flüchtlings-Camps, aber auch Gated Communities: Es gibt viele Gründe, warum Menschen Zäune zwischen sich und andere ziehen.

Der Foto-Reporter Christoph Bangert hat lange in Kriegsgebieten fotografiert: und dabei nicht nur die Gräuel eingefangen, sondern auch manche Szenen, die eher humorig sind. Man sieht einen kargen Raum, den Schmuckgirlanden und Kitschfotos aufzuhübschen versuchen, einen Swimming-Pool, meterhoch gesichert, mitten in Afghanistan, und tatsächlich eine Schöne im Bikini, die ihn nutzt. Das absurde, normale Leben geht weiter – auch wenn nebenan geschossen und getötet wird. Vielleicht ist der Humor auch ein Mittel, um die Kraft zum Weiterleben zu finden.

Im oberen Geschoss der Börsen-Ausstellungsräume schließlich stellen Anne Heinlein und Göran Gnaudschun ihre Begehungen des deutsch-deutschen Grenzgebiets vor: Zahlreiche Archive haben die beiden besucht, private Fotoalben durchforstet und die innerdeutsche Grenze fotografiert, wie sie heute aussieht: Wo heute hoher Wald wächst, gab es in den 50er Jahren Gehöfte und sogar ganze Ortschaften, die zwangsumgesiedelt wurden.

Von der Enteignung ihrer Bewohner, die oft an die polnische Grenze verfrachtet wurden, erzählen die ausgestellten Dokumente: Historische Bilder von glücklichen Tagen in ländlicher Familiengemeinschaft zeugen von einem Leben, wie es nie wieder sein wird. Immer wieder, erzählt Göran Gnaudschun, habe er mit weinenden Zeitzeugen an Küchentischen gesessen: Heimat ist ein starkes Gefühl, und was die Zeit längst ausgelöscht hat, lebt in den Herzen oft noch Jahrzehnte fort.

Grenzgebiete sind Orte für Grenzerfahrungen. Die Bilder dieser Ausstellung berühren gerade deswegen, weil das Menschliche an diesen menschengemachten Orten oft außen vor bleibt.

Extreme: Territories

The Cube, Mergenthalerallee 61, Eschborn, bis 28. September. Besichtigung kostenfrei nach vorheriger Anmeldung unter . Dort auch Termine für Führungen

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