Daniel Spoerris ?Shower?-Anordnung aus dem Jahr 1961 zeigt Wasserhahn und Duschkopf über einem Landschaftsgemälde, das der Künstler auf dem Flohmarkt gekauft hat. So hat auch der Dadaist Marcel Duchamp einst Alltagsgegenstände zu Kunstobjekten erklärt.
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Daniel Spoerris ?Shower?-Anordnung aus dem Jahr 1961 zeigt Wasserhahn und Duschkopf über einem Landschaftsgemälde, das der Künstler auf dem Flohmarkt gekauft hat. So hat auch der Dadaist Marcel Duchamp einst Alltagsgegenstände zu Kunstobjekten erklärt.

Schau im Bankenhochhaus Taunusturm

Kalte Dusche für die Kunst

Die Schau im Bankenhochhaus Taunusturm versammelt unter dem Titel „Das imaginäre Museum“ Leihgaben aus Frankreich und Großbritannien.

Von CHRISTIAN HUTHER

Nur leere Bilderrahmen hängen noch, mit weißer Kreide sind die Bildtitel auf die Wände gekritzelt. Die Bilder jedoch sind aus dem Pariser Louvre verschwunden, 1942 aus ihren Rahmen genommen und versteckt, um sie vor der drohenden Plünderung durch die Nazis zu retten. Der Fotograf Paul Almásy hat diese gespenstische Szene festgehalten. Es ist das erste Bild, das der Besucher im Frankfurter MMK2 sieht, dem Ableger des Museums für Moderne Kunst mitten im Bankenviertel, an der Taunusanlage.

Was vom Malen übrig bleibt

Schon immer wurde Kunst kritisch beäugt, und sie wird bis heute oft von Vernichtung bedroht, wie die aktuelle Zerstörung antiker Bauten im syrischen Palmyra durch die Terrormiliz „IS“ zeigt. Jetzt dokumentiert MMK-Vizedirektor Peter Gorschlüter mit einem Szenario, was fehlen würde, wenn es keine moderne Kunst mehr gäbe. „Das imaginäre Museum“, so der Ausstellungstitel, läuft bis 4. September. Der Titel spielt auf den französischen Schriftsteller und einstigen Kulturminister André Malraux an, der 1947 propagierte, dass durch die fotografische Vervielfältigbarkeit alle Kunstwerke jederzeit und überall verfügbar seien und somit sich jeder sein eigenes imaginäres Museum schaffen könne. Eine damals viel Aufsehen erregende Idee, die heute, im digitalen Zeitalter, schon Normalität ist.

Noch eine zweite Sache sollte man wissen: Das Szenario bezieht sich auf Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ von 1953. Es werden aber keine Bücher verboten und verbrannt, sondern Kunstwerke, freilich erst im Jahr 2052. Dann strömen Menschen nicht mehr in Massen in die Museen. Was das bedeuten würde, zeigt die Schau an 80 Werken aus der Zeit von 1920 bis heute. Sie stammen aus dem MMK, der Tate Gallery in Liverpool und dem Centre Pompidou in Metz. Ein europäisches Museum auf Zeit, um mit geballter Kraft die Stärken der Kunst zu demonstrieren – eine famose Idee.

Wie die Bilder verschwinden

So düster wie auf Almásys Foto bleibt es folglich nicht beim Rundgang. Das Verschwinden der Bilder und Objekte ist nur das Eingangsthema, auch wenn das Thema oft von Künstlern aufgegriffen wird, ob politisch oder eher metaphorisch. So belegen acht weitere Kapitel die Vermittlung von vielerlei Werten durch die Kunst. Das reicht vom imaginären Museum über die Verwandlung des Alltags, die Bedeutung von Symbolen, die veränderte Wahrnehmung und die Reisen durch Raum und Zeit bis zum letzten Kapitel, einer Hommage an das Unergründliche, Rätselhafte und Spekulative der Kunst.

Natürlich darf in einem imaginären Museum nicht Marcel Duchamps berühmte „Schachtel“ von 1963 fehlen. Duchamp, der Alltagsobjekte zu Kunstwerken erklärt hatte, versammelte in dieser Schachtel all seine berühmten Werke in kleinen Reproduktionen. Einigen Duchamp-Werken wird der Besucher später tatsächlich begegnen. Doch zuvor durchläuft man das Kapitel der Verwandlung von Alltäglichem durch die Kunst. Hier spielen die Pop-Artisten groß auf, von Claes Oldenburgs weißer Schreibmaschine aus Stoff über Andy Warhols 100 Suppendosen bis zu einem bezaubernden kleinen Stillleben von Giorgio Morandi (1946), das die Tate Gallery beigesteuert hat.

In den 60er Jahren, der Hauptzeit dieser Schau, wurden nicht nur Alltagsobjekte zur Kunst erklärt. Daniel Spoerri etwa montierte auf ein banales Landschaftsbild vom Flohmarkt eine Armatur mit Duschkopf und Schlauch. Also kein Bild oder Objekt, das den Alltag darstellt, sondern ein reales Objekt – der Alltag bricht regelrecht in die Kunst ein, dank der Leihgabe des Centre Pompidou. Pawel Althamer wiederum hat sich aus dem Staub gemacht, sein „Selbstporträt als Geschäftsmann“ von 2002 liegt auf dem Boden verstreut, vom adretten Anzug über Hemd, Krawatte, Brille, Uhr, Schuhen und Unterhose bis zur Aktentasche, dem Reisepass und einem einzelnen Geldschein. Der Mensch ist entflohen und hat seine leere Hülle zurückgelassen, um ein freieres Leben jenseits der bürgerlichen Welt zu beginnen.

Ein zentrales Thema der Schau ist die Wahrnehmung, von Bridget Rileys verwirrend-flirrendem Schwarz-Weiß-Gemälde (1963) bis zu Dan Grahams Videoinstallation von 1974, die den Besucher in einem verspiegelten Raum filmt, das Bild aber erst acht Sekunden später überträgt. Zeit und Raum kommen ins Rutschen, zumal die Spiegel ein vielfach gebrochenes Bild zeigen.

Schärfung sämtlicher Sinne

Kunst schärft eben die Sinne, auch durch Irritation. Freilich hat Peter Gorschlüter noch keine Antwort auf die Frage, wie man nicht mehr vorhandene Kunst beschreibt, sich an sie erinnert. Einen Versuch unternimmt er am 10. und 11. September, eine Woche nach Ausstellungsende. Dann werden zwar alle Werke entfernt sein, an ihrer Stelle aber stehen Menschen. Sie sollen die Werke möglichst genau beschreiben, damit sich jeder ein Bild machen und sein eigenes imaginäres Museum mit nach Hause nehmen kann. Ein grandioser Schluss.

Museum für Moderne Kunst (MMK2), im Taunusturm, Taunustor 1, Frankfurt. Bis 4. September, dienstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (069) 212-73 165. Internet

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