Intendant Oliver Reese plant seine letzte Frankfurter Spielzeit.
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Intendant Oliver Reese plant seine letzte Frankfurter Spielzeit.

Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese

Der kalte Hauch des Geldes

  • Michael Kluger
    VonMichael Kluger
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Der Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese wechselt 2017 ans Berliner Ensemble. Mit zeitgenössischen Autoren bestreitet er seine letzte Saison am Main.

Nein, Abschiedsstimmung herrscht noch nicht. Die Bankentürme funkeln im Hintergrund, wie immer, wenn die Sonne scheint. Und wie stets ist Oliver Reese, der im kommenden Jahr Claus Peymann in Berlin beerbt, voller Elan, als er das Podium in der Panorama-Bar des Schauspielhauses zu seiner letzten Spielzeit-Präsentation betritt. Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), der Oliver Reese 2009 vom Deutschen Theater in Berlin nach Frankfurt geholt hat, ist gekommen, um den Intendanten schon mal zu loben, bevor es andere tun. Das ist freundlich, und Reese – kein Zweifel – hat es verdient.

Die vergangene Saison war die erfolgreichste des Frankfurter Theaters „seit der Befreiung 1945“ (Semmelroth). 180 000 Besucher kamen in der Spielzeit 2014/15, unter der Vorgängerin Elisabeth Schweeger waren es zuletzt nur 117 000. Mit einer Auslastung von mehr als 87 Prozent und Eigeneinnahmen von über 2,9 Millionen Euro steht das Haus so glänzend da wie die Bankentürme, wenn Anselm Weber vom Bochumer Schauspiel die Intendanz übernimmt. Die laufende Frankfurter Spielzeit könnte den Rekord sogar übertreffen. Die Zahlen sprechen dafür. Mehr als drei Millionen Euro Einnahmen? Da strahlt der Finanzdezernent. Und der Kulturdezernent auch. Der darf sich sagen, dass er 2009, als die Leute des Schweeger-Experiments, das Hans-Bernhard Nordhoff (SPD) angezettelt hatte, längst überdrüssig waren, eine gute Entscheidung getroffen hat: Reese war der Richtige.

Ödipus’ Wiederkehr

Die Zahlen sind am Ende freilich nicht das allein Entscheidende. Auch künstlerisch hat Reese das Theater am Willy-Brandt-Platz wieder interessant und aufregend und zu einem Zentrum für Stadt und Region gemacht. Kulturpolitik, die vor allem auf Bilanzen blickt, begreift oft nicht, dass das für ein Haus mindestens ebenso wesentlich ist wie Auslastung und finanzielle Solidität. Eine Stadt zehrt von ihrem Image. Reeses Theater hat es verbessert. In der Republik spricht man gut über Frankfurt auch deshalb, weil das Schauspiel unter Reese und die Oper unter Bernd Loebe, beide Intendanten waren und sind künstlerisch wie in der Geschäftsführung ein kollegiales Team, Hervorragendes leisten.

Die krisenhafte Gegenwart indes ist das Leitmotiv der Saison 2016/17. 20 Premieren, darunter 11 Ur- und Erstaufführungen, sowie 34 Wiederaufnahmen sind geplant. Gespielt werden vor allem lebende Theaterautoren. Ein zweiter Schwerpunkt gilt der Antike.

Die Spielzeit beginnt im Großen Haus am 9. September mit „Königin Lear“, einem Stück des belgischen Dramatikers Tom Lanoye, der Ende der 90er Jahre mit dem 12-stündigen Shakespeare-Marathon „Schlachten“ das Publikum überrumpelte. Sein jüngstes Werk dreht sich um die Machtkämpfe in einer global vernetzten Hochfinanz-Welt. Wie der Titel verrät, lehnt sich das neue Stück Lanoyes ebenfalls an Shakespeare an: Die Heide wird zum Hochhaus-Dach, die Stürme zu Klimakatastrophen. Die Bankentürme glänzen. Kay Voges, der in Frankfurt die famose „Endstation Sehnsucht“ inszeniert hat, führt Regie.

Weiter geht es im Großen Haus mit einem Mix aus Schauspiel und Tanz von Falk Richter und Anouk van Dijk namens „Safe Places“, der sich um die Zukunft Europas dreht. Michael Thalheimer bringt Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ auf die Bühne. „Kein schöner Land“ ist ein „musikalisches Familientableau“ von Lydia Steier und Frederik Laubemann. Oliver Reese inszeniert „Eine Familie“ von Tracy Letts. Patrick Marbers „Drei Tage auf dem Land“ nach Iwan Turgenjews „Ein Monat auf dem Lande“ bringt Andreas Kriegenburg heraus.

Im Kammerspiel beginnt die Spielzeit mit einem „Iphigenie“-Projekt nach Goethe, Euripides und Hauptmann von Ersan Mondtag. Jürgen Kruse kümmert sich um Pinters „Der stumme Diener“. Einen Finanz-Western verabreicht Alexander Eisenach mit dem „Kalten Hauch des Geldes“ von ihm selbst. Es gibt eine „Alkestis“ von Ted Hughes nach Euripides, ein neues Stück von Sasha Marianna Salzmann, Tony Kushners „A Bright Room Called Day“. Sarah Kanes „4.48 Psychose“ kommt ins Bockenheimer Depot, ebenso wie Camus’ „Caligula“. Das Junge Schauspiel bringt u. a. „Peter Pan“ und ein Projekt unter dem Titel „United in Peace and Freedom“.

Und: An der Weseler Werft ist noch einmal zu sehen, womit alles begann mit Reese: Michael Thalheimers grandioser „Ödipus“ von Sophokles.

Schauspiel Frankfurt, Abo-Service (069)212-374 44. Internet

(klu)

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