„Blumentopf“ gibt es nicht mehr

Das kann doch nicht alles sein!?

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Nach 24 Jahren, mehr als 500 Konzerten und sieben Studio-Alben gab die Münchner Kult-Band „Blumentopf“ jetzt vor 7000 Leuten ein umjubeltes Abschiedskonzert. Redakteur Mirco Overländer blickt zurück auf die Zeit, als er durch den „Topf“ zum Hip-Hop-Fan wurde.

Es war 1997, als ich bei einem meiner ersten jugendlichen Ausflüge in die Großstadt Frankfurt ganz zufällig auf jene Band stieß, die meinen Musikgeschmack (und den vieler anderer) so nachhaltig prägen sollte, wie es bei älteren Menschen vielleicht nur die „Beatles“ oder Bob Dylan vermochten. Als zwölfjähriger Dreikäsehoch, dessen musikalische Kenntnisse sich bis dahin auf Herbert Grönemeyer, Reinhard Mey, die „Toten Hosen“ und einige Künstler der Neuen Deutschen Welle beschränkte (was den Einflüssen meiner Eltern und Geschwister geschuldet war), interessierte ich mich kaum für gegenwärtige Pop-Musik oder den Boygroup-Hype, der meine Mitschülerinnen in hysterisch kreischende „Bravo“-Leser verwandelte.

Nicht ahnend, dass ich gleich auf die Helden meiner Jugend stoßen würde, stöberte ich vor 21 Jahren im CD-Laden „World Of Music“ (WOM) auf der Zeil und stieß auf ein Album mit dem lustigen Titel „Kein Zufall“. Dessen Urheber war die bereits 1992 gegründete, aber noch kaum bekannte Deutschrap-Formation „Blumentopf“. Als ich wenige Stunden später die CD in meine Sony-Kompaktanlage schob und auf „Play“ drückte, erlebte ich ein Deutschrap-Erweckungserlebnis. Schon beim ersten Hören saß ich gebannt auf dem Boden meines Zimmers und sog die wummernden Bässe, ironischen Texte und ausgeklügelten Querverweise zu anderen Musikrichtungen und Bands auf, deren Bedeutung ich erst Jahre später entschlüsseln würde.

Im Oktober 2015 traute ich meinen Augen nicht, als ich auf Facebook las, dass die fünf „Töpfe“ Roger, Cajus, Holunder, Schu und Sepalot nach 24 Jahren ihre Band auflösen wollen. Ein letztes Abschiedskonzert im Münchner „Zenith“ sei für den 22. Oktober 2016 geplant. Die 7000 Tickets waren binnen drei Stunden ausverkauft. Ich sicherte mir sofort fünf der heißbegehrten Karten für das allerletzte Heimspiel – und stand nun ein Jahr später mit meinen Freunden inmitten einer brodelnden Menge. Als das Konzert nach dreieinhalb Stunden vorbei war, fühlte ich mich nicht wie ein 31-jähriger Redakteur, sondern wie ein Teenager, der zwischen Freude und Wehmut schwankt.

Trotz sieben Studio-Alben, über 500 Live-Auftritten und einer Nahost-Tour auf Einladung des Goethe-Instituts ist der „Blumentopf“ in gewisser Weise immer ein Geheimtipp für all jene geblieben, die sich an raffinierten deutschsprachigen Texten, ironischen Seitenhieben und einer klaren politischen Grundhaltung erfreuen. Dem Massenpublikum wurde die Band wohl erst durch ihre „Raportagen“ bekannt, jene gereimten Spielzusammenfassungen, die in der ARD zu den Fußball-Welt- und Europameisterschaften zwischen 2006 und 2014 ausgestrahlt wurden.

Bis heute werde ich von Leuten seltsam angeschaut, wenn ich mich als „Blumentopf“-Fan oute. „Sind das nicht diese Studentenrapper von damals?“, lautet eine der Standardfragen. Die Generation meiner 19-jährigen Nichte kennt die Band gar nicht mehr. Dabei gibt es wohl kaum eine Formation, die so nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Rap-Szene hatte und noch immer hat. Als deutsches Pendant zu den US-Rappern von „De la Soul“ wurde der „Topf“ öfters bezeichnet. Diese Verbindung ist nicht vollkommen falsch.

Doch die artigen Studentenrapper von einst, die zum Teil nie an der Uni waren, sind im Lauf der Jahre zu bissigen Kommentatoren gesellschaftlicher Missstände gereift: Die Gentrifizierung in München, die ungleiche Verteilung des Kapitals, der unermüdliche Kampf gegen Kriegstreiberei und Populismus sind keine Themen, mit denen man gewöhnlich im Musikgeschäft an die Spitze der Charts stürmt. Aber sie waren stets ein bedeutendes Gegengewicht zum sinnentleerten und sachten Kommerz-Rap, der Deutschlands Radioprogramme ausgehöhlt hat. „Fuck the System, wenigstens ein bisschen“, lautete die Parole damals. Heute schaut es eher so aus: „In meinem Viertel bestimmen die Hipsters den Dresscode, Snobs prahlen mit Halbwissen bei doppelten Espressos.“

Wie die Jungs vom „Blumentopf“ haben auch ihre Fans ihren individuellen Lebensweg gesucht und oft auch gefunden. Wenigstens ein bisschen. So stehen an diesem Oktoberabend im Münchner „Zenith“ neben Kulturleuten, Clubbetreibern, Künstlern und Musikern, die wahrscheinlich ebenfalls seit Teenager-Zeiten „Topf“-Fans sind, „ihrer“ Band über zwei Jahrzehnte die Treue hielten – um nun lauthals alte und neue Songs mitzusingen, als wären sie wieder 15.

Sicher ist: Auch wenn die fünf „Töpfe“ nach 24 Jahren getrennte Wege gehen und ihr Abschiedskonzert in einem früheren Lokschuppen stattfand, sie sind nicht ausrangiert – sie haben längst einen Platz in der Ruhmeshalle der deutschen Musikgeschichte.

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