Stammt aus dem Irak: Autor Abbas Khider.
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Stammt aus dem Irak: Autor Abbas Khider.

Abbas Khider

Karims Leben ist eine einzige Ohrfeige

Abbas Khider hat im Frankfurter Literaturhaus seinen Roman „Ohrfeige“ vorgestellt. Er erzählt darin vom Verlust der Heimat, einem Leben in der Fremde und deutscher Behördenwillkür.

Von JASMIN TAKIM

Stumm und starr vor Angst sitzt sie im Drehstuhl, gefesselt, der rote Mund mit Packpapier verklebt. „Nix ich will hören“, sagt ihr Peiniger und dreht sich in aller Ruhe einen Joint. „In der Behörde zu kiffen, das fühlte sich richtig gut an.“ Das Publikum lacht – wie noch oft an diesem Abend im Literaturhaus.

Der Kiffer ist der irakische Flüchtling Karim Mensy, der in „Ohrfeige“ aus der Ich-Perspektive erzählt. In der Ausländerbehörde hat er seine Sachbearbeiterin Frau Schulz gefesselt und zwingt sie nun, endlich seine Geschichte anzuhören – auf Arabisch.

Der Erfinder dieser teils absurd-grotesken, teils äußerst realitätsnahen Episoden aus dem Leben eines Flüchtlings ist Abbas Khider. In Kapuzenpulli und Jeans sitzt der in Berlin lebende Schriftsteller gut gelaunt vor einem ebenso gut gelaunten Publikum und leiht dem Protagonisten seines jüngsten Romans seine Stimme. Khider, mehrfach preisgekrönt für seine Bücher, nimmt die Zuhörer sofort für sich ein: Er ist ein gewandter Erzähler, liest und spricht in einem heiteren Ton. Sein arabischer Akzent lässt die Figuren in „Ohrfeige“ noch plastischer erscheinen, als sie ohnehin gezeichnet sind. Ob Frau Schulz, die gottgleich über Menschenschicksale entscheidet, wirklich eine Ohrfeige kriegt, ist bis zum Ende des Romans nicht sicher. „Das ist doch auch eine drastische Tat“, findet Moderatorin Insa Wilke in politisch korrekter Betroffenheit. Sie fühle sich gar an den Fall Beate Klarsfeld erinnert, die einst Bundeskanzler Kiesinger schlug. Ob der Titel seines Buches nicht in der Tradition der 68er stehe, fragt sie Khider ernsthaft. Khider erläutert freundlich und gelassen, worauf der Titel anspielt: „Menschen wie Karim bekommen so viele Faustschläge, ihr ganzes Leben ist eine einzige Ohrfeige.“ Im Gegensatz zur Moderatorin und zum Gros des Publikums weiß der Autor (42) mit dem schwarzen Zopf, wie es sich anfühlt, Wut zu haben, weil man seine Heimat verloren hat und zum Warten verdammt ist – auf einen Sprachkurs, auf Arbeit, auf eine Aufenthaltserlaubnis: „Ich wollte auch schon mal schlagen – aber keine Person, sondern das System.“

Khider, wie sein Protagonist in Bagdad geboren, kam vor 16 Jahren nach Deutschland – auf der Flucht vor Saddams Schergen. Im Literaturhaus berichtet er davon, wie es ist, als „Schwarzhaariger mit dunkler Haut“ ständig im Visier der Polizei zu stehen. Dennoch: Der Sohn von Analphabeten ist in Deutschland angekommen, gern gesehen in den Kultur-Tempeln. Wie er das geschafft hat? „Mit Humor.“ Der sei seine Überlebensstrategie – schon damals in Saddams Foltergefängnis. In Berlin wartet nun nicht der Knast, sondern seine Lebensgefährtin mit dem kleinen Sohn auf ihn.

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