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Ein Kauz und Multitalent

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Von: Dierk Wolters

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Schnell mal einen Mantel aus der Rumpelkiste gefischt, Mütze auf, Bart stutzen wieder nicht geschafft, und raus: Der Schriftsteller Harry Rowohlt, immer etwas verwahrlost, im Jahr 2011 auf der der Lit.Cologne. Am Montag ist er gestorben.
Schnell mal einen Mantel aus der Rumpelkiste gefischt, Mütze auf, Bart stutzen wieder nicht geschafft, und raus: Der Schriftsteller Harry Rowohlt, immer etwas verwahrlost, im Jahr 2011 auf der der Lit.Cologne. Am Montag ist er gestorben. © Rolf Vennenbernd (dpa)

Als scharfsinniger Kolumnist machte sich der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt ebenso einen Namen wie als Penner in der „Lindenstraße“.

„Sagen, was man denkt! Und vorher was gedacht haben.“ Das ist so eine Spitze von Harry Rowohlt, wie sie ihm plaudernd am laufenden Band einfielen: ätzende Kritik am oberflächlichen Zeitgeist, im Bewusstsein, anders zu sein. Fast wertkonservativ könnte man dieses Tugend-Beharren nennen, wäre dieser Harry Rowohlt nicht so freigeistig und umstürzlerisch gewesen. Gewesen, muss man nun schreiben, wo er, im März gerade 70 Jahre alt geworden, der Polyneuropathie, einem unheilbaren Nervenleiden, erlegen ist, das 2007 diagnostiziert worden war. Seitdem hatte Rowohlt Gehschwierigkeiten. Lapidarer Kommentar: Als „passionierter Stubenhocker“ brauche er sich da „nicht groß umschulen zu lassen“.  

Mit sanfter Brummstimme

So freigeistig war er gewesen, dass er es nach einem Volontariat in jungen Jahren ablehnte, in die verlegerischen Fußstapfen seines Vaters Ernst Rowohlt zu treten. Sein Vater, sagte er, habe fünf Mal vor der Pleite gestanden, und „diese Tradition hätte ich als erstes wiederbelebt“. Das spielt natürlich herunter, welch innerfamiliären Affront eine solche Entscheidung in der Verleger-Dynastie bedeutet haben muss. Von da an lebte Harry Rowohlt konsequent als Außenseiter – wie anders soll man es nennen, wenn sich der potenzielle Erbe eines der mächtigsten deutschen Verlage sporadisch als Kolumnist verdingt und beginnt, Kinderbücher aus dem Englischen zu übersetzen?

Diese Übersetzungen allerdings wurden bald legendär. Was aber soll man da nennen? Kenneth Grahames Trilogie „Wind in den Weiden“ natürlich und A. A. Milnes Geschichten von „Winnie der Pu“. Sie machten ihn berühmt, auch als weltweise brummenden Vorleser, aber dann wird es auch schon schwierig: Etliches von Kurt Vonnegut hat er übersetzt, Padgett Powell, Frank McCourts Weltbestseller „Die Asche meiner Mutter“. Berühmt aber, und das war wieder so eine Seltsamkeit an diesem Querkopf, machten ihn Übersetzungen von Autoren, die ohne ihn wohl niemand in Deutschland kennen würde: Philip Ardagh wäre da zu nennen, „Schlimmes Ende“ zum Beispiel, Roger Boylans „Killoyle“-Trilogie und last, but not least Flann O’Brien, dessen allergrößter Fan wohl Rowohlt selber war: Ein Buch wie „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ hätte ohne ihn, den kongenialen Übersetzer, möglicherweise nicht einmal einen deutschen Verleger gefunden. Und, Hand aufs Herz: Wer hätte all das gelesen, wenn nicht Harry Rowohlt der Übersetzer gewesen wäre? Aber so war er: ein Sprachspürhund, der sich für das, was ihm gut und wichtig erschien, bedingungslos einsetzte, ganz auf Qualität vertrauend. Und was Qualität war, bestimmte er selbst.

Harry Rowohlt lebte autark, ließ sich vor keinen Karren spannen. Anfang der 80er verkaufte er sein Erbe, knapp 50 Prozent des Verlags, an die Holtzbrinck-Gruppe. An seinem Außenseitertum änderte das nichts. Er übersetzte und las wie zuvor. Seine Auftritte waren begehrt. Nicht nur seiner tiefbärigen Brummstimme wegen. Dieses Brummen zeichnete ihn ja seltsamerweise aus. Aber was soll das heißen? Kann man sich durch Brummen auszeichnen?

Penner mit Millionenerbe

Harry Rowohlt konnte es, mit seiner tiefen, auch im nüchternen Zustand stets wie in Whiskey gebadeten Stimme. Die Penny-Tüte, mit der er in frühen Jahren gern zu Lesungen erschien, wurde sein Markenzeichen: Darin verwahrt war stets eine Flasche des irischen Torftropfengetränks, aus der er sich und seine angelsächsischen Autoren, die ihren Übersetzer auf seinen Touren begleiteten, ausgiebig kredenzte. „Schausaufen mit Betonung“ nannte er solche Lesungen abseits jedweden Kulturbürgerdünkels gern: Dieses Abseitige zu predigen, lag ihm fern, aber er lebte es mit jeder Faser. Wirr die Mähne, wild der Bart, ging es stets um seine eigenen Wertmaßstäbe.

Harry Rowohlt, Übersetzer der Nicht-Übersetzten, Whisky-Trinker und Bären-Liebhaber, war letztlich selber ein Brummbär, der charmant sein konnte, ein Seelen-Einwickler mit betörender Stimme. Wenn ihm gerade danach war, war er aber auch grantig und raunzte sein Gegenüber grundlos an. Gesteigerte Empfindsamkeit und Ich-Bezogenheit liegen oft eng beisammen.

Seine Kolumnen unter dem Titel „Pooh’s corner – Meinungen eines Bären von geringem Verstand“ erschienen in unregelmäßigen Abständen in der „Zeit“ und erlangten bald eine solche Beliebtheit, dass die Wochenzeitung für sie notfalls kurzfristig das halbe Feuilleton umräumte. Einen Harry Rowohlt ließ man nicht warten – diesen Status hatte er sich erschrieben. Dass er in der Rolle eines ausgesprochen lebensecht verzottelten Penners ausgerechnet in der „Lindenstraße“ zu gewissem Populärruhm kam, ist ein Witz, wie er ihn sich nicht besser hätte ausdenken können. Harry Rowohlts Sprachfeinsinn war dermaßen ausgeprägt, dass man sich ihn stundenlang über Wörtern und Sätzen grübelnd hätte vorstellen können. Was er aber offensichtlich nicht tat, denn wie hätte er dann mehr als 150 (!) Bücher übersetzen mögen? Das spricht für eine (der Bär möge verzeihen) bienenfleißige Zielstrebigkeit dieses Mannes, der so verpeilt wohl nur tat, um sich eine Hülle zu geben, die ihn vor den Zumutungen des Alltags schützte.

Harry Rowohlt war auf eigenwillige Weise ein Mann rekordverdächtiger Gegensätze: der erste Übersetzer, der berühmter war als die Autoren, die er ins Deutsche übertrug. Der erste Penner mit Millionenvermögen. Ein Anarchist mit akribischem Ordnungssinn. Und als Mann mit starkem Freiheitsdrang der größte Pedant in Fragen sprachlicher Genauigkeit. Alles in allem: der klügste Bär von geringem Verstand, der sich denken lässt.

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