Hochkonzentriert: Sänger Morten Harket beim Unplugged-Konzert in der Frankfurter Festhalle.
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Hochkonzentriert: Sänger Morten Harket beim Unplugged-Konzert in der Frankfurter Festhalle.

Kein Halten mehr beim Finale

„MTV unplugged“ ist als Marke ein Mythos und ein Verkaufsgarant. Davon profitierte auch „A-ha“ beim nahezu ausverkauften Konzert in der Frankfurter Festhalle. Nur: Ist das Ganze nicht eine Mogelpackung?

Unplugged heißt das Zauberwort. 1989 rief der US-TV-Sender MTV die Konzertreihe ins Leben, um Bands aus ihrer Komfortzone zu locken. Sie sollten musikalisch die Hosen runterlassen, beweisen, dass ihre Songs auch ganz intim und ohne Phongewitter funktionieren. Aber würde man tatsächlich, wie von der Werbung vollmundig versprochen, „alle Stecker ziehen“, was käme im weiten Rund der Festhalle beim Besucher hinten im 2. Rang noch an? Vielleicht das Schlagzeug, ganz sicher nicht der Gesang, es sei denn, es stünde ein ausgebildeter Heldentenor auf der Bühne.

Was also heißt „unplugged“ tatsächlich? Der Verzicht auf E-Gitarren und elektronische Instrumente, die Verwendung akustischer Klangerzeuger stattdessen, die dann aber doch durch Mikrofonierung hörbar gemacht werden müssen. Bei einer siebenköpfigen Band zum „A-ha“-Basistrio mit einem fragilen Instrumentarium, darunter Cembalo, Harmonium und Autoharp, sind von der Technikcrew logistische Meisterleistungen gefragt. Und ganz sicher werden da mehr Kabelmeter verlegt als bei einem „normalen“ Rockkonzert. Insofern wird die ursprüngliche Idee eigentlich ad absurdum geführt.

Dem Fan sind solche Spitzfindigkeiten Wurst. Er will seine Achtzigerjahre-Helden sehen und vor allem die alten Hits genießen. Darauf lassen Morten Harket (Gesang), Paul Waaktaar-Savoy (Akustische Gitarre, Backgroundgesang) und Magne Furuholmen (Upright Piano, Cembalo, Celesta, Backgroundgesang) die Besucher lange warten. Schließlich gilt es, die Spannung über anderthalb Stunden aufrecht zu erhalten.

Nach 35 Jahren im Geschäft, unterbrochen von fünf Jahren Pause, war die Vorbereitung des 2-CD-Projektes „MTV Unplugged – Summer Soltice“ eine willkommene Gelegenheit, die eigenen Kompositionen neu zu entdecken. Zunächst auf Klampfe und Klavier reduziert, kamen so sogar wieder nordische Folkmotive zum Vorschein. So frönen die Drei ihrer pittoresken Heimat nicht nur klanglich, sondern auch optisch in schönen Landschaftsaufnahmen am Meer mit vielen bunten Holzhäuschen im Schnee.

Geschmackvolle, auch grafische Projektionen und Close-ups auf die Musiker im Verbund mit der Musik ergeben so ein kleines, ansehnliches Gesamtkunstwerk. Denn anspruchsvoll soll das Ganze wohl sein. Die Arrangements fürs Tentett erfüllen das, vermeiden bei aller Melancholie meist den Kitsch, schaffen mitunter auch mysteriöse Stimmungen mit dem Streicher-Trio (Geige, Bratsche, Cello), mal pizzicato, mal legato, mal schwebend, mal treibend intoniert.

Wenn Cembalo und Celesta zum Einsatz kommen, erfährt die Musik fast eine barocke Anmutung, und ein Stück wie „This Alone Is Love“ wird unverhofft zum Menuett. Lars Horntveth ist der Multiinstrumental unter den Begleitern, spielt Sopransaxofon, Bassklarinette und Vibrafon und trägt so zum Klangfarbenreichtum bei.

Da der Gesamtklang trotz kammermusikalischer Ausgestaltung transparent bleibt, kann auch Harkets Stimme ihre ganze Präsenz entfalten. Es ist ein angenehmes Timbre, vor allem in den tieferen Lagen. Sein Falsett, dass er ein wenig überstrapaziert, muss man nicht mögen, gehört aber zum prägnanten Sound der Norweger seit dem ersten Hit. Die Performance des Frontmannes und ewigen Frauenschwarms auf seinem Hocker bleibt leider erschreckend ausstrahlungsarm – gemessen an den Emotionen der Songs. Erst spät richtet er überhaupt einige Worte ans Auditorium. Furuholmen ist der Spokesman, sorgt für Stimmung bei diesem kultivierten Sitzkonzert, versucht sich einschmeichelnd an Lokalkolorit, tauft „Manhattan Skyline“ kurzerhand in „Mainhattan Skyline“ um. Dafür bekommt er wie für seine Ansagenversuche auf Deutsch viel Beifall.

Kein Halten beim Publikum gibt es dann hin zum Finale mit den Ohrwürmern „Hunting High And Low“ und „The Sun Always Shines On TV“. Da bleibt keiner sitzen, singt jeder mit. Für die Zugabe haben sich „A-ha“ dann ihren Bond-Beitrag „The Living Daylights“ und natürlich ihre Nummer 1 von 1984, „Take On Me“, dramaturgisch wohldurchdacht aufgehoben. Das sorgte einst auch dank des Videos mit seiner Bleistift-Animation im Mix mit Realfilm für Furore. Das bringen sie, nur unterstützt von Morten Qvenild am Cembalo, ganz minimalistisch. Das so im privaten Wohnzimmer aufgeführt, wäre dann wirklich „unplugged“. Übrigens: Nicht auszudenken, wenn den „Beatles“ dieses Format schon 1967 nach ihren LPs „Rubber Soul“, „Revolver“ und „Sgt. Pepper’s“ zur Verfügung gestanden hätte. Die Welt hätte einem epochalen Konzerterlebnis beiwohnen dürfen und nicht nur elegant inszeniertem Pop-Entertainment.

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