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Keine Verhandlungen mit Hitler!

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Von: Martin Schwickert

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Der britische Premierminister Winston Churchill (Gary Oldman) steht vor der schwersten Entscheidung seines Politikerlebens. Er will seine Nation nicht widerstandslos den Nazis ausliefern, aber auch das Leben seiner Soldaten schützen.
Der britische Premierminister Winston Churchill (Gary Oldman) steht vor der schwersten Entscheidung seines Politikerlebens. Er will seine Nation nicht widerstandslos den Nazis ausliefern, aber auch das Leben seiner Soldaten schützen. © Jack English (Universal Pictures International)

Der englische Regisseur Joe Wright erinnert an das Weltkriegsjahr 1940, als die Truppen des Vereinigten Königreichs in Dünkirchen in der Falle saßen.

Wahrscheinlich ist es nur eine auffällige Zufälligkeit, dass sich das britische Kino in Zeiten, in denen sich das Vereinigte Königreich politisch und wirtschaftlich aus der Europäischen Union löst und darüber innerlich gespalten ist, verstärkt an den historischen Moment des Zusammenhalts während des Zweiten Weltkrieges erinnert. Dabei steht vor allem Winston Churchill im Mittelpunkt der Rückschauen. Jonathan Tepletzkys Lebensverfilmung „Churchill“ mit Brian Cox in der Titelrolle beschäftigte sich mit den Skrupeln des Premiers in den Tagen vor der Landung in der Normandie. Nach regelmäßigen Churchill-Auftritten in der Netflix-Streaming-Serie „The Crown“ folgt nun mit Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ ein Film, der den frisch ernannten Premierminister durch jene Tage im Mai 1940 begleitet, als deutsche Truppen Frankreich und Belgien erobert hatten und die Reste der britischen Armee in Dünkirchen festsaßen.

Widerstand gegen Nazis

Damit ist der Film ein passgenaues Gegenstück zu Christopher Nolans groß angelegtem Kinowerk „Dunkirk“, das gerade erst die legendäre Evakuierung durch eine zivile Bootsflotte aus der Soldatenperspektive ins Cinemascope-Format gebracht hat. Gary Oldman spielt nun mit kunstvoller Gesichtsmaske den Vollblutpolitiker, der schon als Kind davon geträumt hat, Staatsoberhaupt zu werden. „Das ist kein Geschenk“, sagt er zu seinem Vertrauten Anthony Eden (Samuel West) nach seiner Ernennung, „das ist Rache.“ Er weiß, dass er nach der Absetzung des Pazifisten Chamberlain (Ronald Pickup) das Ruder eines sinkenden Schiffs übernimmt. Die Berichte von der Front in Belgien und Frankreich sind niederschmetternd, die Zerstörung der Zivilisation durch die Nazi-Barbarei drohende Wahrscheinlichkeit.

Churchills politische Gegner sind zahlreich. Der konservative Führer Halifax (Stephen Dillane) fordert die Aushandlung eines Friedensabkommens, und auch King George VI. (Ben Mendelsohn) zeigt sich wenig begeistert vom neuen Premierminister. „Seine Akte ist eine Litanei von Katastrophen“, sagt er über Churchill, dessen militärische Fehlentscheidung während des Ersten Weltkrieges auf der türkischen Halbinsel Gallipoli mehr als 40 000 Soldaten der Krone das Leben kostete. Für Churchill kommen Verhandlungen mit Hitler nicht in Frage: „Man kann nicht mit einem Tiger verhandeln, wenn der eigene Kopf in seinem Maul steckt“, ruft er im Kriegskabinett aus, wo er seine politischen Gegner mit an den Tisch geholt hat, um die Intriganten im Auge zu behalten.

Natürlich ist Gary Oldman, der schon den Punk-Sänger Sid Vicious sowie den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald überzeugend verkörperte, auch in dieser Rolle ein Erlebnis. Zielstrebig arbeitet er sich in die Gefühlsbreite dieser schillernden geschichtlichen Figur ein. Er zeigt den Staatsmann Winston Churchill als Choleriker, Alkoholiker, begnadeten Multitasker, als ebenso depressiven wie temperamentvollen Menschen und pragmatischen, wortgewandten Machtpolitiker. Bei aller Hochachtung ist diese schauspielerische Spitzenleistung aber auch das Problem des Films. Er erliegt der Faszination durch Churchill und lässt alle anderen Figuren kaum aus dessen Schatten treten.

Zwar wollen Wright und sein Drehbuchautor Anthony McCarten („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) die politischen Entscheidungsprozesse im Angesicht eines nahenden Untergangs verdeutlichen, finden aber nicht wirklich aus der allwissenden Position der historischen Distanz heraus.

Ehefrau Clementine

Selbst wenn die Argumente derer, die für Friedensgespräche mit Hitler eintreten, gehört werden, bleibt die Darstellung von Churchills politischen Gegnern in Verschwörungsstereotypen stecken. Auch die Beziehung Churchills zu seiner Frau Clementine hätte eine Vertiefung vertragen, gerade wenn man dafür eine erstklassige Schauspielerin wie Kristin Scott Thomas unter Vertrag nimmt. Von einem Regisseur wie Joe Wright, der der Filmgeschichte „Anna Karenina“ und „Stolz und Vorurteil“ geschenkt hat und in „Abbitte“ schon einmal in diese Ära gereist ist, hätte man eine offenere erzählerische Sichtweise erwartet.

Und so ist aus „Die dunkelste Stunde“ ein interessantes, aber auch sehr konventionelles Biopic geworden, das als One-Oldman-Show gut funktioniert, als historisches Panorama jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Annehmbar

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