+
Das hätte sich Rolf Zuckowski nicht träumen lassen, als er Mitte der 80er Jahre "Die Weihnachtsbäckerei" komponierte: Jetzt ist aus dem Hit ein Musical geworden, das noch bis 6. Januar in Hamburg läuft.

Interview

Kinderlieder-König Rolf Zuckowski: "Ich habe noch nie Plätzchen gebacken"

  • schließen

Er ist einer der kommerziell erfolgreichsten Künstler in Deutschland. Als Rolf Zuckowski sein Lied "In der Weihnachtsbäckerei" 1987 in "Wetten, dass . . ?" vorstellte, wurde es über Nacht zum Hit. In Hamburg ist jetzt daraus ein Musical geworden. Katja Sturm sprach mit dem Musiker.

Backen Sie gerne, Herr Zuckowski?

ROLF ZUCKOWSKI: Ich nasche gerne und schaue auch gerne zu beim Backen, aber ich habe tatsächlich noch nie Plätzchen gebacken. Es ist auch nicht nötig, denn meine Kinder und Enkelkinder backen gerne, und ich bin derjenige, der dazu die Lieder schreibt. Das ist eine schöne Aufgabenteilung.

Wie sind Sie dann auf die Idee für „Die Weihnachtsbäckerei“ gekommen?

ZUCKOWSKI: Das war 1986. Ich war in Bochum und hatte gerade ein Konzert mit Liedern zur Verkehrssicherheit gegeben. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich ein Autotelefon, einen Riesenklopper, den man nur auf dem Parkplatz benutzen konnte. Mit dem habe ich zu Hause angerufen und gefragt: Was macht ihr gerade? Da hieß es, wir backen, und es klang auch so. Da sagte ich: Dann backt mal schön weiter. Ich bin in drei Stunden da und denk’ an euch. Das habe ich dann auf der Fahrt offenbar ausgiebig getan und mir dieses Lied ausgedacht. Außerdem ein Rezept, obwohl ich gar nicht backen kann.

Funktioniert das?

ZUCKOWSKI: Erstaunlicherweise. Ich bekomme ab und zu von Fans Plätzchen geschickt, die schreiben, sie hätten diese nach meinem Rezept gebacken. Es sind vielleicht nicht die leckersten, aber es funktioniert. Als ich zu Hause war, war das Lied im Übrigen fertig. So gab es die Uraufführung in der eigenen Küche.

Haben Sie dort das Chaos vorgefunden, das Sie beschrieben haben?

ZUCKOWSKI: Ein kleines Chaos gehört dazu. Beim Backen in der Küche kann es nicht clean bleiben. Man geht mit Lebensmitteln behutsam um, aber es ist nicht zu vermeiden, dass es eine Kleckerei gibt. Die habe ich auch gesehen. Umso leckerer und appetitlicher waren die Plätzchen.

Haben Sie damals geahnt, dass dieses Lied ein großer Erfolg werden würde?

ZUCKOWSKI: Die Dimension, die sich jetzt ergeben hat, kann man nicht erahnen. Das kann kein Komponist. Selbst Herr Mozart wusste nicht, was mal aus seiner „Kleinen Nachtmusik“ werden würde. Aber mein jüngster Sohn Andreas, der war damals knapp drei Jahre alt, hat das Lied auf dem Weg ins Bettchen gesungen. Das war ein gutes Signal. Er hat es allerdings leicht verändert und so gesungen, wie es heute alle singen. Das heißt, er hat ein bisschen an der Melodie mitgewirkt und es dadurch vielleicht noch volkstümlicher gemacht. Aber dass es quasi ein neues Volkslied werden würde, war nicht abzusehen gewesen. Ich habe nur gespürt, dass das wohl ein gutes Lied ist und wir es noch öfter singen würden in der Familie.

Was genau hat Ihr Sohn verändert?

ZUCKOWSKI: Er hat den Auftakt anders gesungen als ich. Der war bei mir nicht so wie jetzt, auf den Grundton heruntergesungen. Der von meinem Sohn war besser. Meinen eigenen habe ich vergessen.

Worauf führen Sie den Erfolg des Liedes zurück?

ZUCKOWSKI: Ich glaube, dass die Melodie immer die Hauptrolle spielt. Wenn der Text aber nicht stark ist und nicht auf den Punkt trifft, was die Menschen fühlen und denken, dann hilft auch die schönste Melodie nicht. „Die Weihnachtsbäckerei“ ist so singbar, dass man sie auch beim Backen anstimmen kann, ohne gleichzeitig Gitarre spielen zu müssen. Das macht sie volkstümlich. Und man hört sie gerne in verschiedenen Instrumentierungen. Wenn Sie Helene Fischer damit hören oder Johannes Strate, da liegen Welten dazwischen. Obwohl es noch immer dasselbe Lied ist. Das sind Signale dafür, dass in dem Lied viel drinsteckt: Die Melodie trägt durch viele Arrangements. Dass der Text alle Jahre wieder aktuell ist, hilft natürlich sehr.

„Die Weihnachtsbäckerei“ erlebt jedes Jahr ein neues Hoch.

ZUCKOWSKI: Ja, das Lied wächst jedes Jahr. Ich bin froh und dankbar dafür, dass ich so etwas in die Welt setzen durfte.

Haben Sie eine Lieblingsversion?

ZUCKOWSKI: Das ist nicht leicht. Ich finde die von Otto Waalkes sehr lustig. Er hat einige Textzeilen verändert, aber das mit mir abgestimmt. Musikalisch mag ich klassische Versionen wie die von André Rieu. So ähnlich wird das Lied jetzt auch im Musical gespielt, mit großem Orchester. Aber am allerliebsten höre ich es von Kindern gesungen ohne Instrumente. Dann spüre ich die wahre Seele des Liedes, das ich den Kindern offenbar ins Herz hinein gesungen habe.

Warum wurde erst jetzt ein Musical daraus gemacht?

ZUCKOWSKI: Es gab schon eine Reihe ähnlicher Inszenierungen von Laien. Aber das waren lokale Ereignisse von Kinder- und Jugendensembles. So professionell wie jetzt in Hamburg mit jemandem wie Martin Lingnau ist noch keiner rangegangen. Vielleicht war die Zeit jetzt reif dafür.

Wie waren Sie an der Entwicklung des Stückes beteiligt?

ZUCKOWSKI: Martin Lingnau hat mich vor vier Jahren gefragt, ob ich das erlauben würde. Ich war überzeugt: Wenn er da rangeht, wird es gut. Er hat Hamburgs erfolgreichstes Musical „Heiße Ecke“, „Das Wunder von Bern“ und jetzt gerade „Das ist Wahnsinn!“ mit den Songs von Wolfgang Petry gemacht. Die ersten Entwürfe haben mich überzeugt. Er hat mich öfter gefragt, ob ich mit gewissen Kürzungen einverstanden bin. Ich habe ein paar Textänderungen vorgeschlagen, damit das Ganze noch runder wird. Bei den Verlagsrechten sind wir uns gut einig geworden. Das alles hat uns beflügelt, weil alle merkten: Hier entsteht etwas Großartiges.

Was haben Sie bei der Premiere gefühlt?

ZUCKOWSKI: Ich hatte mein Taschentuch zu Hause vergessen. Ich hätte es mehrfach gebrauchen können, weil es so anrührende Momente gibt. „Die Zeit der Wunder“ am Anfang entfacht eine weihnachtliche Stimmung, die jedem unter die Haut geht. Die drei Erwachsenen spielen die Kinder so köstlich, dass man sich an die eigenen erinnert fühlt. Ich konnte aber auch über Slapsticks und Gags lachen. Am Ende ist es ein Glücksrausch, die „Weihnachtsbäckerei“ in dieser großartigen Instrumentierung zu hören. Als wäre man auf dem Broadway angekommen. Die eigenen Lieder in so einem Klangbild zu hören, ist wie ein riesengroßer Blumenstrauß.

Haben Sie überhaupt noch Lust, das Lied zu hören oder zu singen?

ZUCKOWSKI: Das hört nicht auf. Wenn es anderen Leuten anders geht, sollten sie mal mitsingen. Dann merken sie, wie gut es tut. Manche Kinder singen es im ganzen Jahr. Da kann man vielleicht mal sagen, dass es auch andere Lieder gibt. Oder man denkt sich neue Texte dazu aus. Die Melodie trägt viele Ideen.

Haben Sie selbst einen Überblick darüber, wie erfolgreich es ist?

ZUCKOWSKI: Nein. Ich weiß nur, dass die CD „Winterkinder“, auf der es drauf ist, das meistverkaufte deutsche Weihnachtsalbum ist. Dafür habe ich einen Eintrag im „Guinness Buch der Weltrekorde“ bekommen. Bei Liedern für Kinder müsste man eigentlich messen, wie oft sie im Land erklingen, ohne dass Media Control es mitbekommt. Im Radio wird es gar nicht so viel gespielt, wie man denken könnte. Es ist ja immer nur einen Monat lang zu hören. Deshalb ist es nicht mein meistgespielter Titel. Das ist eher „Nessaja“ (Ich wollte nie erwachsen sein), das ich für Peter Maffay getextet habe. Aber ich will natürlich nicht meckern, es wird ausreichend oft gespielt.

Wie halten Sie seit Jahrzehnten die Verbindung zu Kindern?

ZUCKOWSKI: Das ist nicht leicht, weil die eigenen mittlerweile groß sind. Die Enkelkinder leben nicht im eigenen Haus. Mein Verhältnis zu ihnen ist zwar sehr gut und sehr lebendig, aber anders als zu den eigenen Kindern, die man morgens geweckt und abends ins Bett gebracht hat. Aber ich bin viel unterwegs, war in den ersten 20, 30 Jahren in Kindergärten, Schulen und bei Chören und habe mich immer wieder mit Kindern auf und hinter der Bühne beschäftigt. Jetzt werde ich oft eingeladen und begegne bei unterschiedlichsten Anlässen Menschen, die mit meinen Liedern durchs Leben gehen. Seitdem ich keine ganz eigenen Konzerte mehr gebe, sondern eher gesungene Grußworte zu besonderen Anlässen, habe ich viel mehr Zeit dafür, mit ihnen zu sprechen. Ich bin einfach gerne nahe bei den Menschen.

Kommen Sie in der Weihnachtszeit trotzdem zu Ruhe und Besinnlichkeit?

ZUCKOWSKI: In diesem Jahr schaffe ich das tatsächlich. Letztes Jahr hatte ich mein 40-jähriges Jubiläum als Kinderliedermacher und dazu ein dreifach gebrochenes Sprunggelenk. Das waren weniger entspannte Dezemberwochen. In diesem Jahr hatte ich zum ersten Advent vier Konzerte mit meiner Tochter und dem Pianisten Martin Tingvall im Hamburger Planetarium. Nun steht nicht mehr viel im Kalender.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare