Unbekannter Expressionist

Kirchnerhaus in Aschaffenburg widmet Fritz Schaefler exquisite Schau

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Im Kirchnerhaus Aschaffenburg kann man Fritz Schaefler entdecken – einen Expressionisten von größter Gestaltungskraft. Berühmt wie etwa seine „Brücke“-Kollegen wurde er allerdings nie.

Er wollte Künstler werden, unbedingt, und er hatte das Zeug dazu. Dass er zu den Besten gehörte, dass seine Kunstfertigkeit der seiner viel berühmter gewordenen Kollegen nicht nachstand, beweist die Ausstellung, die das 2011 in Aschaffenburg gegründete Kirchnerhaus jetzt Fritz Schaefler widmet. 60 Werke sind hier bis 22. April zu sehen, Holzschnitte, Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle, manche von bestechender, überwältigender Qualität. Sie stammen aus einer privaten Sammlung und aus dem Nachlass des Künstlers. Nach dem Tod von Schaeflers Enkel vor einem Jahr verwaltet ihn seine Schwiegertochter. Die gezeigten Bilder entstanden zwischen 1918 und 1925.

Aus gutem Grund hat sich Ulrich Schüren, der die Schau kuratiert hat, für diese Schaffensphase entschieden. Sie war die stärkste dieses 1888 in Eschau im Spessart geborenen Künstlers, der früh schon Talent zeigte und sich später im Beliebigen erschöpfte. Von den Lebensabschnitten vorher und nachher zeugen exemplarisch zwei Porträts: ein frühes seines Vaters, akkurat und um Ähnlichkeit und Natürlichkeit bemüht, und ein spätes, nun ja, gediegenes Selbstporträt in Eitempera.

Vergleicht man sie mit jenen Jahren, denen die Ausstellung gilt, trennt sie qualitativ ein Graben: Schaeflers Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und in der Münchener Revolution von 1919 scheinen den Künstler zu Höchstleistungen getrieben zu haben – hier ist sein Werk von existenzieller Tiefe, sein Können frappant!

1914 schon wurde Fritz Schaefler eingezogen. Er kämpfte an der Somme, seine Erlebnisse haben ihn traumatisiert. Im Herbst 1916 erlitt er einen Kopfschuss. Es gibt Bilder mit seiner Frau aus der Zeit danach, die ihn mit einem dicken Verband zeigen. Eindrucksvoll sind seine Selbstporträts: mit dem Blick eines zutiefst unglücklichen, verängstigten und jeglichen Halts beraubten jungen Mannes schaut er in eine Welt, von der er nichts Gutes mehr erwartet. In seinen Radierungen nimmt er Bezug auf die biblischen Geschichten von Lazarus und Hiob, und Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, Schilderungen aus dem sibirischen Gulag, inspirieren ihn zur Zeichnungen einer abgründigen Feier, in der das gemeinsame Lachen nur notdürftig die Abgründigkeit der Situation verdeckt.

Schaefler zog nach München und wurde Revolutionär, ein letzter Versuch, die Welt zu ändern. Aber zum Politiker geboren war er nicht, wie so viele seiner Zeitgenossen: Max Butting, der Komponist, oder Aloys Wach, der Malerfreund. Sie porträtierte er, mit ihnen gab er eine Zeitschrift heraus, die die Revolution begleiten sollte. Von diesen Freunden und Weggefährten existieren starke, düstere Holzschnitte mit markanten Gesichtszügen. Der bekannteste von ihnen ist Kurt Eisner, den im Februar 1919 Graf von Arco niederschoss.

Mit seiner Frau Vera, auf manchen der Bilder zu sehen, zog es Schaefler nach der Revolution an den Chiemsee. Dort hatte seine Schwiegermutter, die vielgelesene Schriftstellerin Clara Ratzka, ein Haus. Auch hier entstanden Bilder: Idyllen von jungen Frauen und jungen Männern am Wasser und klassische Chiemsee-Landschaften mit Bergen, die sich spektakulär in den weiß-blauen Himmel türmen. Schließlich verschlug es Fritz Schaefler nach Köln. Hier schlüpfte er, wie Kurator Schüren es formuliert, „in den warmen Mantel der katholischen Kirche“. Wurde zum Gestalter von Kirchen und profanen Bauten, fand sein Auskommen, harmlos und deswegen auch den Nazis unverdächtig.

Dass er mit den größten Künstlern und Intellektuellen seiner Zeit korrespondiert hatte, mit Erich Mühsam, Ernst Toller und Rainer Maria Rilke, dass ihm das Frankfurter Kabinett für Kunst- und Bücherfreunde 1919 gemeinsam mit Paul Klee und dem Darmstädter Sezessionisten Joseph Pilartz eine Ausstellung ausrichtete, daran erinnerte sich schon in den 30er Jahren niemand mehr. Die Werke dieser Zeit aber, die von seiner grundständigen Verunsicherung zeugen, vom Lebens- und Selbstzweifel, zeigen eine expressiv Erschütterten mit dem künstlerischen Vermögen, seiner Verzweiflung und seinem Kampf eine darstellende Form zu geben. Dass er mit diesem Kapitel später abschloss wie so viele Kriegsveteranen, die kein Wort mehr über ihre schlimmste Zeit verloren, mag ihn persönlich gerettet haben. Seiner künstlerischen Entwicklung kam es nicht zugute.

2011 wurde das Geburtshaus Ernst Ludwig Kirchners, in dem er seine allerersten Lebensjahre verbrachte, mit den Mitteln eines Fördervereins und dem Engagement zahlreicher Enthusiasten zum Gedenkort an den Künstler umgebaut.

Dass die Gedenkstätte nun ihren Blick in die Umgebung schweifen ließ und im nahen Spessart-Weiler Eschau so spektakulär fündig wurde, ist wie ein kleiner Paukenschlag aus der Provinz. Er fügt dem Bild des künstlerischen Expressionismus eine Randnotiz hinzu, eine überaus beeindruckende allerdings: Während Macke, Kandinsky und Klee zu Superstars avancierten, konnten andere sich nicht durchsetzen. Nicht immer lag das an der Qualität, wie das Beispiel Fritz Schaefler zeigt. Mitunter möglicherweise nur an der letzten Lebenskonsequenz, mit der sich einer der Kunst verschrieb – oder auch nicht.

Kirchnerhaus Aschaffenburg

Ludwigstraße 19. Bis 22. April. Geöffnet Di 16 bis 19 Uhr, Mi–Sa 14 bis 17 Uhr, So 11 bis 17 Uhr. Eintritt

5 Euro. Telefon (06021) 5 80 92 50.

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