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Hans Fallada, von seelischen Nöten gezeichnet.

Literatur

Von kleinen Nervenkrisen und schweren Depressionen

Am 21. Juli wäre Hans Fallada 125 Jahre alt geworden. Eine gute Gelegenheit, einen der wichtigsten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts noch mal von einer anderen Seite kennenzulernen.

Ungewöhnliche Renaissance: Erst vor wenigen Jahren erlebte Hans Falladas Meisterwerk „Jeder stirbt für sich allein“ eine Wiederentdeckung. Vor allem in den USA eroberte der NS-Widerstandsroman mehr als 60 Jahre nach seinem Erscheinen die Hitlisten.

Zu Falladas 125. Geburtstag hat der Berliner Aufbau-Verlag nun einen Briefwechsel des Schriftstellers (1893–1947) mit seinen Schwestern herausgebracht. Unter dem liebevollen Titel „Ohne Euch wäre ich aufgesessen“ gibt das Buch nochmals einen neuen, sehr persönlichen Einblick in sein zerrissenes Leben.

„Ich bitte Euch zu diesem Weihnachtsfeste, wenn auch noch nicht zu vergeben und zu vergessen, mir doch noch ein letztes Mal eine Möglichkeit zu geben“, schreibt der damals 35-Jährige am 20. Dezember 1928 an seine Lieblingsschwester Elisabeth („Ibeth“). Zu dem Zeitpunkt hat er die ersten Katastrophen seines Lebens bereits hinter sich.

Mit 19 hatte Fallada – mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen – bei einem als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch seinen besten Freund getötet und sich selbst schwer verletzt. Als er aus der Klinik kommt, ist er alkohol- und morphiumabhängig. Mehrfach verschafft er sich durch Unterschlagung bei seinen landwirtschaftlichen Arbeitgebern Geld für die Sucht. Er landet im Gefängnis, zuletzt für zwei Jahre.

Als er danach als Adressenschreiber und Lokalreporter langsam wieder auf die Füße kommt, beginnt der Briefwechsel mit Ibeth und der jüngeren Schwester Margarete. Bis kurz vor seinem Tod 1947 reißt der Kontakt nicht mehr ab. Über tausend Briefe sind im Hans-Fallada-Archiv Carwitz gesammelt. Etwa ein Drittel davon hat sein jüngster Sohn Achim Ditzen (77) für den Band ausgewählt und sorgsam ediert. Wie schon in der Biografie „Hans Fallada. Sein Leben in Bildern und Briefen“ (2012) erzählen auch diese Schreiben anschaulich von den großen und kleinen Alltäglichkeiten des Schriftstellers: von seiner geliebten Frau Suse und den drei Kindern, vom ewigen Kampf ums Geld und von dem kleinen Hof im mecklenburgischen Carwitz nahe der Grenze zu Brandenburg, der mit seinen selbstgeschlachteten Schweinen auch in schlimmsten Kriegszeiten die halbe Verwandtschaft über Wasser hält.

Und natürlich gehören die Schwestern immer zu den ersten, die neue Manuskripte geschickt bekommen und über das Auf und Ab der Arbeit informiert werden. Nach dem Welterfolg mit dem Kleinbürgerroman „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) folgen unter Begleitung des väterlichen Verlegers Ernst Rowohlt überaus produktive Jahre. Ein Roman nach dem anderen erscheint, darunter große Titel wie „Wolf unter Wölfen“ und „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“.

Doch zunehmend gerät auch Fallada unter den Druck der Nazis. Er gilt zeitweilig als „unerwünschter Autor“ und beschränkt sich auf unverfängliche Unterhaltungsgeschichten.

Wie viel Kraft, wie viel Qual ihn selbst solche Texte kosten, geht aus den Briefen nur ansatzweise hervor. Einmal schreibt der Autor wie nebenbei von einem „kleinen Nervenkollaps“, ein andermal von Depressionen, die „ohne Ursach“ kommen und gehen.

In Wirklichkeit hat Fallada nach fast jedem Roman einen schweren seelischen Zusammenbruch. Dem Psychiater und Buchautor Klaus-Jürgen Neumärker zufolge („Der andere Fallada“) war er in seinem kurzen Leben 23 Mal in einer Heilstätte für Nerven- und Gemütskranke.

Doch so, wie er in seinen Büchern eher sachlich beschreibend von der Not der kleinen Leute erzählt, bleibt er auch dem eigenen Leid gegenüber distanziert. Nur in seinem wohl letzten Brief an die Mutter, der dem Band beigefügt ist, scheint seine Verzweiflung ein wenig durch. „Woran liegt es nur bei mir, Mutti?“, fragt er. „Du weißt es ja am besten, ich bin wohl schwach, aber nicht schlecht, nie schlecht.“

Sechs Wochen später stirbt Fallada mit 53 Jahren in einem Behelfskrankenhaus in Berlin – vermutlich an einer Überdosis Schmerz- oder Schlafmittel, die seine zweite, ebenfalls morphiumsüchtige Frau Ulla besorgt hatte.

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