Interessiert sich mehr denn je für ihre eigenen Figuren: Schriftstellerin Juli Zeh.
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Interessiert sich mehr denn je für ihre eigenen Figuren: Schriftstellerin Juli Zeh.

Juli Zeh im Schauspiel Frankfurt

Ein kleines Dorf wird zur Bühne für das Weltgericht

  • vonMarcus Hladek
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Juli Zeh kam auf Einladung des Literaturhauses Frankfurt zur Gesprächslesung aus ihrem Roman „Unterleuten“ ins Frankfurter Schauspielhaus.

Mehr Zuhörer, als das Buch Seiten hat, wurden „Unterleuten“ (Luchterhand, geb., 640 Seiten) im Schauspiel zuteil. Für eine Gesprächslesung, hier zwischen HR2-Literaturchef Alf Mentzer und der Autorin, ist das viel. Allerdings auch erklärbar. Tage zuvor war es Zehs neuer Roman, der das „Literarische Quartett“ eröffnete. Mediale Aufmerksamkeit übers Fernsehen lässt Auflagen und Auditorien schwellen. Dass sich jene Runde über „Unterleuten“ in die Haare kriegte, half zusätzlich.

Die Schriftsteller in der Runde zensurierten „Unterleuten“ übrigens ablehnend (Maxim Biller: „Übelste Krimiprosa“) oder leicht herablassend (Thea Dorn: „Wo ist der Glut-, der Schmerzkern?“). Nur die Literaturkritiker Christine Westermann und Volker Weidermann waren richtig angetan.

Mehr Zeit und Ruhe als beim

Scherbengericht

vor Millionen hatten, nach Literaturhaus-Chef Hauke Hückstädts Grußwort, Zeh und Mentzer auf ihren Drehsesseln. Platz und Zeit war auch für eine projizierte Flurkarte des fiktiven brandenburgischen Dorfes Unterleuten: im Stil von Fantasy-Romanen. Zeh offenbarte, sie habe zuvor gleichsam für die Form des Gesellschaftsromans „geübt“: packende Geschichten vor historischen Hintergründen.

„Unterleuten“ erzählt in einem Dutzend Perspektiven von zwei Paaren, die von Berlin aufs Dorf ziehen, wo der ewig selbstgewisse Alt-Kommunist Kron und der Großgrundbesitzer Dombrowski wie Don Camillo und Peppone den märkischen Sandkasten beherrschen. Im Grunde, so Zeh, brauchten die Zwei sich in ihrer Hassliebe aber. Aufregung bewirkt das von Bürgermeister Arne forcierte Bemühen einer Windkraftfirma, Unterleuten auf Berliner Beschluss mit Windrädern vollzupflastern. Manche im Dorf würden profitieren, andere nicht. Das Windrad: der „klassische Zankapfel“ (Zeh). Das Dorf: Weltbühne für, Weltgericht über Öko-Ideologismen im Kampf mit echten Interessenlagen?

„Ich schreibe immer ungeheuer nah am eigenen Erleben“, tat Zeh kund. Sie selber, in Bonn gebürtig und studierte Juristin, zog vor Jahren mit Mann und Maus von Leipzig aufs Dorf in ein „saumäßig romantisches Haus“ im Havelland. Noch sei ihr im Heimatdorf, mit dem man sich verstehe, nichts Arges passiert, vielleicht, so die Autorin scherzend, weil keiner das Buch gelesen habe oder die, die es taten, nicht mehr mit ihr redeten. Das Scheitern der fiktiven Paare im Dorf, darunter ein dogmatischer Naturschützer, ist also nicht das ihre. Umso lustvoller malt sie es uns aus.

Wichtiger als deutsch-deutsche Fleißübungen seien ihr Dinge wie das spezielle Licht oder der Duft regennasser Erde im Dorf. Schön, wie sich Zeh über die Verselbständigung dieses Dorf-Kosmos in Form zusätzlicher, unter Pseudonym verfasster Bücher und Websites nach Abschluss des Romanmanuskripts ausließ. Schön auch ihre satirischen Negativgestalten, denen sie den unsäglichsten Jargon in den Mund legt.

Historiker, so Zeh, würden die vergangenen zwanzig Jahre einmal als

Umbruchzeit

bewerten, worin eine grundlegende „Ordnungskraft“ erodiert sei: Dinge, die für „Dinosaurier des 20. Jahrhunderts“ wie sie Gewissheiten waren. Was sich vor lauter Emanzipation und zynisch begriffener Freiheit in Sachen Geschlechterrolle, Familie, Arbeitsumfeld oder Religion verändert habe, lasse kaum Identitätsstiftendes übrig. Auch davon handle „Unterleuten“.

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