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Viel Platz für die Gemeinschaft bietet die um zwei Höfe gruppierte Münchner Wohnanlage ?wagnisART?, Gewinner des ?DAM-Preises 2018?.

Ausstellung im Architekturmuseum

Knapper Wohnraum macht erfinderisch

Das Architekturmuseum präsentiert die 25 besten Bauten in und aus Deutschland mit Fotos, Skizzen, Modellen und Texten. Den ersten Preis erhielt eine Wohnanlage in München.

Das wurde aber auch mal langsam Zeit: Seit 2007 verleiht das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt (DAM) alljährlich einen Preis für den besten deutschen Neubau – und kürt fast nur Museen, die immerhin zur „Königsdisziplin der Architektur“ zählen, wie DAM-Chef Peter Cachola Schmal zu Recht meint. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Den renommierten, aber undotierten DAM-Preis erhielt die Wohnanlage „wagnisART“ in München, erbaut von den beiden dort auch ansässigen Architekturbüros Bogevischs und SHAG Schindler Hable.

Die im Auftrag einer Wohnbaugenossenschaft errichtete Anlage besteht aus fünf Häusern, die um zwei Höfe gruppiert und über Brücken miteinander verbunden sind. Denn es geht um das gemeinsame Wohnen – unter den 300 Bewohnern sind allein 100 Kinder. Für die Architekten war der Bau ein Wagnis, mussten sie doch viel Kontrolle abgeben, behielten aber die Verantwortung, da alle Nutzer bei der Gestaltung des Baus mitreden durften. Doch im Zweifel einigte man sich auf weniger Wohnraum zugunsten von mehr Gemeinschaftsfläche.

So gibt es auch ein Apartment, das reihum genutzt wird, wenn auswärtige Gäste bei den Bewohnern übernachten wollen. In den Häusern leben Eigentümer und Sozialmieter, doch die Wohnungen sind alle gleich gut ausgestattet und wurden auch nicht nach Einkommen zugeteilt. Der Mietpreis ist selbst bei den frei finanzierten Wohnungen mit 13 Euro pro Quadratmeter noch recht günstig im Vergleich zu den in München sonst üblichen 17 Euro.

Die Verleihung des diesjährigen DAM-Preises ist also auch ein Signal an alle Städte, wie man mit Wohnraum besser umgehen kann – er wird der Spekulation entzogen, meinte einer der Architekten. Die Münchner „wagnisART“, von der „Wagnis“-Genossenschaft betrieben, die dort bereits vier Bauten errichtet hat, dürfte folglich bald Vorbild werden. Der DAM-Chef bringt das auf den Punkt: „Die weitere Entwicklung des deutschen Wohnungs- und Siedlungsbaus wird sich künftig an dem Münchner Modell ,wagnisART‘ orientieren müssen.“

Von der Qualität der Häuser mit den breiten Fluren, die zum Verweilen und Plaudern einladen, kann man sich noch bis 6. Mai im DAM überzeugen, das den Gewinner ausführlich vorstellt, ebenso die 24 weiteren Bauten, die es in die engere Wahl geschafft haben. Denn bewerben kann sich kein Bauherr oder Architekt, die Jury nominiert selbst. So ist es schon „eine Ehre, auf der Longlist der 100 Bauten zu stehen“, meint Peter Cachola Schmal, kommen doch bei der Recherche jedes Jahr an die 200 Projekte zusammen.

Freilich darf keines der Projekte älter als zwei Jahre sein, aber es gibt keine Beschränkung auf bestimmte Bautypen. Die Schau misst also tatsächlich den Puls der Zeit. So ist alljährlich ein aktueller Querschnitt privater und öffentlicher Bauten zu sehen, vom Seniorenwohnheim bis zum Supermarkt, vom Flüchtlingsheim bis zum Konzertsaal, vom Wohnhochhaus bis zum ehemaligen Kuhstall, der zum Wohnhaus umgebaut wird.

Außer Konkurrenz ist in der Schau auch die Hamburger Elbphilharmonie zu sehen, die wegen der vielen Verzögerungen und Kostensteigerungen erst eine Lachnummer war, jetzt aber als einzigartiges Juwel gilt. Auch die DAM-Jury war sich rasch einig, dass der spektakuläre Bau zwar bestechend ist, aber völlig aus der Reihe fällt. Zudem wollte das längst international etablierte Architekten-Duo Herzog und de Meuron, dass der DAM-Preis an junge Baumeister verliehen wird. Eine kluge und vor allem uneigennützige Entscheidung.

Gut vertreten ist Frankfurt mit vier Projekten, darunter das Wohnhochhaus „Axis“ und das ehemalige „Philosophicum“ der Goethe-Uni, das zu einem Wohnheim für Studenten umgebaut wurde. Ohnehin stehen Wohnbauten im Zentrum der Schau, die teils sehr ausgetüftelt sind, ähnlich wie das Münchner Projekt, das den Passivhaus-Standard erfüllt. Die „Villa F“ im Sauerland hingegen ließ sich ein Landwirt erbauen, der selbst Tüftler ist und als Pionier der Biogas-Technologie gilt.

Aus energetischer Sicht wollte er ein Haus mit wenig Oberfläche, aber eine Kugel bietet kaum Wohnfläche. So entschied er sich für einen Bau in Zylinderform und lebt nun dank Biogas völlig autark.

Deutsches Architekturmuseum

Frankfurt, Schaumainkai 43. Bis 6. Mai, Di/Do–So 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr. Eintritt 9 Euro. Katalog 38 Euro. Telefon (069) 21 23 88 44. Internet

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