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Turbulenzen rund um Euro und Europa: Im Frankfurter Schauspiel wird darüber bei den diesjährigen Thementagen kräftig diskutiert.

Thementage 2017 unter dem Motto „Erfindung Europa“

Ein Kontinent ringt um seine Zukunft

Mit Theater-Gastspielen, Filmvorführungen, Vorträgen und Diskussion macht sich das Frankfurter Schauspiel Gedanken über die gegenwärtige Weltlage.

Los gehen die von Anja Nioduschewski kuratierten Thementage (10. bis 12. Februar) im Frankfurter Schauspiel mit einem Eröffnungspodium am Freitagabend. Spricht die offizielle Ankündigung der Thementage vom „Entsetzen“ Europas über den Ausgang der US-Wahlen, so diskutiert Michel Friedman im Chagallsaal mit Journalist und Verleger Jakob Augstein, EU-Politiker Daniel Cohn-Bendit und weiteren Europa-Experten über eine mögliche Wiedergeburt EU-Europas aus den aktuellen Krisen. Wird Donald Trump antidemokratische Tendenzen in EU-Ländern mit seinem „Rough-Rider“-Gebaren, dem amerikanischen Tunnelblick, seinem Populismus fatal begünstigen?

„Erfindung Europa“ umfasst zehn Einzelveranstaltungen. Nach dem Eröffnungspodium zählen dazu vier weitere Gespräche und ein Vortrag Dirk Baeckers. Kulturtheoretiker Baecker spricht über „Europa im Widerspruch mit sich selbst“ und kulturelle Codes.

„Republik oder Rückbau Europas“ lautet die Streitfrage für Ulrike Guérot und Frédéric Lordon (mit Simultanübersetzung). Will Guérot eine postnationale Demokratie, so kritisiert Lordon den Euro und Europa: mehr oder weniger EU-Integration, voran oder rückwärts? Daniel Cohn-Bendit stellt „Fragen eines alten Europäers an die Jugend“, um mit drei jungen Leuten Pfade in die europäische Zukunft zu erkunden. Navid Kermani, aufgeklärter Islam-Kenner und Friedenspreis-Träger, lotet mit Axel Honneth, Direktor des Instituts für Sozialforschung, aus, wie es mit Europa weitergeht („Welt aus den Fugen“). Eine paneuropäische Politikerrunde aus meist neuen linken Parteien und Bewegungen, die wohl mit Ideen des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis sympathisiert, möchte lautet Gesprächstitel eine „5. Internationale für Europa“ aus den Motten holen.

In einem Akt der Neugründung mit Aufruf und Diskussion heben der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, die Wissenschaftler Roman Léandre Schmidt und Mischa Gabowitsch und der Chef eines Londoner Start-ups, Felix Koch, ihr pro-europäisches Netzwerk „Praxis Europa“ öffentlich aus der Taufe. Das Ringen um Zukunftsideen, so der Gründungsgedanke, beweise, dass das Miteinander in Europa längst tägliche Praxis sei. Was den Populisten die Laune verderbe, sei genau das – und nicht das vermeintliche Schwächeln Europas.

Zwei Gastspiele und zwei Filmveranstaltungen runden die Thementage ab. Vom Maxim-Gorki-Theater Berlin reist Yael Ronens Projekt „Common Ground“ an, das am Berliner Theatertreffen 2015 teilnahm und den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage errang. Das Stück mit Schauspielern aus Ex-Jugoslawien fragt, wie Opfer- und Täterkinder von Kriegsverbrechen in Berlin nebeneinander leben und die alten Konflikte beurteilen. Vom Schauspiel Dortmund kommt Anne-Kathrin Schulz’ Monolog „Die Schwarze Flotte“ (Regie: Kay Voges). Andreas Beck präsentiert darin die Non-Profit-Recherche der Journalisten von „Correct!v“ über die Schlepper und die Flüchtlingswellen. Dahinter, so fanden sie heraus, stehe ein zynisches Geschäftsmodell auch großer Reedereien, in dem Menschen-, Waffen- und Drogenschmuggel Hand in Hand gingen. Die Besitzverhältnisse würden systematisch verschleiert, jeder Frachter führe zu einer eigenen Briefkastenfirma. Spuren führten von Odessa über die Türkei zum Assad-Regime, aber auch nach Piräus und Hamburg.

Den Film-Aspekt decken eine 19-teilige Europa-Themenschleife Alexander Kluges („Europa – das unbeschriebene Blatt“) und Jan Gassmanns „Europa, She Loves“ ab. In Kluges „Das europäische Kondom“ etwa schreibt Kondomproduzent Willem Müller-Rosé alias Peter Berling Europa und seinen Produkten dieselben idealen Eigenschaften zu: vertrauenswürdig, berührungsstark, rissfest, sicher. Gassman verwebt halbdokumentarisch Geschichten vier junger Paare an Europas Rändern. dek

10. bis 12. Februar im Schauspiel Frankfurt. Eintritt frei, außer: Gastspiel „Die schwarze Flotte“ (18–49 Euro), ausverkauft: Eröffnungspodium, Gespräch „Welt aus den Fugen“ und Gastspiel „Common Ground“. Kartentelefon (069) 21 24 94 94. Internet

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