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Dämonisch: Keith Flint von „The Prodigy“.

So war das Konzert von „The Prodigy“  in der Frankfurter Festhalle

Großbritanniens Breakbeat-Legende „The Prodigy“ bittet zum nostalgischen Techno-Rave-Spektakel im Flackerlichtschein in die Frankfurter Festhalle.

Selten ergänzten sich Vor- und Hauptprogramm auf so ideale Weise: In zwei hemmungslosen Typen aus Royal Tunbridge Wells in der Grafschaft Kent, rund siebzig Kilometer vor London gelegen, zeigte sich die gesamte Aggressivität eines britischen Provinzstädtchens: Isaac Holman an Schlagzeug und Mikrofon und sein Kompagnon Laurie Vincent, ebenfalls mit rudimentärem Gesang sowie an der E-Gitarre zugange, entfachten mit ihrem monströsen Garagen Punk Noise einen Krach, als wären sie mindestens zu zehnt. Mit einem komprimierten Auszug aus den Alben „Are You Satisfied?“ (2015), „Take Control“ (2016) und „Acts Of Fear And Love“ (2018) polterte sich das fidele Duo mit stilistischen Querverweisen zu den britischen Kollegen Pete Doherty, „Art Brut“, „Royal Blood“ und „Sleaford Mods“ durch eine unterhaltsame Dreiviertelstunde. Die beiden Wutbürger verdroschen mit harschen Hymnen über „Bugs“, „Sockets“ und „Sugar Coated Bitter Truth“ dabei regelrecht ihre Instrumente. Als Botschaft mit auf den Weg gaben die „Slaves“ auch noch das Credo „Cheer Up London“. Tja, das Leben im Brexit-Großbritannien der Gegenwart ist kein Zuckerschlecken.

Wie in den 90ern

Als ziemlich strapaziös erwies sich die knapp einstündige Umbauspause, bis endlich der mit einer riesigen Ameise bedruckte Vorhang für den Hauptact „The Prodigy“ fiel. Mit „Breathe“, ein Klassiker vom weltweiten Nummer-eins-Album „The Fat Of The Land“ (1997), gingen die Briten gleich in die Vollen.

Phonstark rumpelte, klapperte, schepperte, rumorte, klirrte, rasselte, knallte und rummste es zum Auftakt in der lediglich im Innenraum geöffneten Festhalle, massiv unterfüttert von einem Flackerlicht-Bombardement. Keith Flint und Maxim Reality, das visuell exotische wie ungleiche Frontduo, leisteten als beseelte Animateure ganze Arbeit mit einer Mischung aus Rap, Gesang und anfeuernden Sprüchen.

Im Hintergrund an seiner Elektro-Konsole produzierte derweil der kreative Bandchef Liam Howlett im Gespann mit Schlagzeuger Leo Crabtree sowie Rob Holliday an Bass oder E-Gitarre wuchtige Klanglandschaften im rhythmischen Affentempo-Modus. Eine wüste Dauergeräuschkulisse, als würden permanent Flakgeschütze detonieren und Landminen hochgehen. Allerding ganz nach Geschmack der auf Techno-Rave-Spektakel geeichten Besucherschar so um die 40, die nostalgisch verbrämt ihre verstrahlte Jugendzeit in den tumultösen Neunzigern rekapitulierte. In ihren Teen- und Twenjahren konnten die feierwütigen Herrschaften einst tagelang tanzen.

Recht rasch geriet „The Prodigy“ ihre Mixtur aus einem kompakten Best-Of sowie Material aus dem gerade erschienenen siebten Studioalbum „No Tourists“ aber zum ewigen Gleichklang. Als herausragend erwiesen sich die Hits von einst: Zwischen Acid-House und Techno-Trance oszillierten die Hymnen „No Good (Start The Dance)“, „Voodoo People“ und „Everybody In The Place“. Längst Kultstatus besitzen zwei weitere Kostproben aus aus „The Fat Of The Land“: In „Firestarter“ erlebte der als Teufelchen ausstaffierte Keith Flint seine Bewährungsprobe. Er hatte außer mit tänzerischen Verrenkungen auch mit Gerapptem im Cockney-Slang zu überzeugen. „Smack My Bitch Up“ feierte die Fangemeinde schon deshalb, weil es nach wie vor als anrüchig gilt – geriet der Songs doch seinerzeit wegen expliziter Textinhalte und Videoclip-Impressionen in die Schlagzeilen.

Bis der Arzt kommt

Griffen „The Prodigy“ auf Aktuelles wie den Album-Titelsong, „Resonate“, „Need Some1“, „We Live Forever“, „Champions Of London“ sowie als Zugabe „Timebomb Zone“ zurück, offenbarte sich da ein nach wie vor auf Krawall gebürstetes Ensemble, das kreativ aber in der Glanzzeit von vor 20 Jahren stehengeblieben ist. „The Prodigy“ schepperten grandios, bis man gar nicht anders konnte, als „Take Me To The Hospital“ zu verlangen.

Maximilian Steiner

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So enthemmt ging es 1979 im Gray ab. In den folgenden Jahren legten dort DJs wie Sven Väth, Torsten Fenslau, Ulli Brenner, DJ Dag, Mark Spoon, Björn Mulik und Andy Düx auf. © Joppen
Lasershow und Tänzerin, 1982. © Hans H. Kirmer
DJ Bijan Blum, Resident im Dorian Gray von 1978 bis 1986, bei der Arbeit. Das Foto wurde 1978 kurz nach der Neueröffnung am 28. November 1978 aufgenommen. © Bijan Blum
Lärmmessung vor der DJ-Kanzel, 1980. Der Club verfügte über ein zur damaligen Zeit außergewöhnliches Sound-System von Richard Long, ein Klang-Designer, der auch Diskotheken wie das Studio 54 und die Paradise Garage in New York technisch ausstattete. Druckvoller Bass und eine hohe Lautstärke mit großer Klarheit machten den besonderen Sound aus. © AMW
"Welcome to the Pleasuredome", 1979. In den Anfangszeiten tanzten die Gäste zu Disco, Funk und Soul durch die Nacht. Ab ca.1984 bestimmten Musikstile wie EBM, House, New Wave und Techno den Sound auf der Tanzfläche. Im kleinen Club lief ab 1992 vorwiegend "Black Music". © Ulla Reimer
Miss-Wahl im Gray, 1985. © Joppen
Elvis-Doppelgänger und Schönheit, November 1980. © FNP Archiv
Sven Väth (links) und feiernde Gäste auf einer Mottoparty angelehnt an den Film "Michail Strogoff, Kurier des Zaren", aufgenommen im März 1987. © Joppen
Badenixen auf der "Nacht in den Mai"-Party, 1986. © FNP Archiv
Tanzperformance, Aufnahmedatum unbekannt. © M. Grosse
"Miss Beach Party", 1985. © Joppen
Teilnehmerinnen für die Formel-1-Fete "Playmate Hunt 1985". Auf der Party wurden einst zehn Tonnen Sand "ausgerollt". © FNP Archiv
Welches Lied da wohl gerade lief? Es kam auf jeden Fall an. Aufnahmedatum unbekannt. © Ulla Reimer
"Biene Maja" auf einer Faschingsparty, 1982. © FNP Archiv
Jahresparty im Dorian Gray, 18. Dezember 1992. © Thomas Boersch
Feiernde Gäste, 1998. Im Jahr 2000 schloss das Gray. Die letzte Platte, die abgespielt wurde, war "Lovin' You" von Minnie Riperton. © FNP Archiv
Lambada-Einlage im Rahmen der Aktion "Null-Promillo", 1990. © Rafael Herlich
7. Geburtstag im Gray, 1985: Da springt schon mal eine halbnackte Frau aus einer überdimensionalen Torte. © FNP Archiv
Sänger Les McKeown und Polizisten auf der "Null-Promillo"-Party, 1990. © Herlich
Formel-1-Party, 1988. © Uwe Gerig
Kamele und nackte Haut gehörten zum guten Ton im Gray. Wie hier anlässlich der Geburtstagsfeier 1985. © Rafael Herlich
Gerd Schüler, einer der Macher des Gray, 1988. © Uew Gerig
Blitzlichtgewitter bei der "Wahl zur Miss Formel 1", Juli 1988. © Jochen Günther
Buffet-Freuden bei der "Formel 1-Party", Juli 1988. © Jochen Günther
Schicke Autos und schöne Menschen auf der "Formel 1-Party", Juli 1988. © Jochen Günther
Und immer wieder: Miss-Wahlen im Gray, 1986. © FNP Archiv
Das sieht ganz nach einer sportlichen Modenschau aus, 1985. © FNP Archiv
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"Play that funky music white boy"! Aufnahmedatum unbekannt. © Ulla Reimer
Bier trinkendes Monster auf einer Mottoparty, 1982. © FNP Archiv
Samba, Sand und glühende Sohlen: Beach-Party 1992. © Thomas Boersch
Aufnahme im Rahmen einer "Superparty" mit 1500 VIPs aus Politik, Wirtschaft und Sport, Oktober 1986. © Jochen Günther
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Ein glücklicher Gewinner eines Preisauschreibens, der 1980 ein schwarzes Cabrio gewann. © Gerd Scheffler
Dickhäuter in der Disko, 1986. © FNP Archiv
Ehemalige Gray-Türsteher: Ralf, Torsten und Barry, 1987. © Claus Setzer
Star-Parade der "Keller Girls", 1986. © FNP Archiv
Heiße Outfits und Roller-Disko, Aufnahmedatum unbekannt. © Ulla Reimer
Dressman Jean Pierre als Bond samt Girls, 1986. © FNP Archiv
Das "Dorian Gray Auto", 1979. © FNP Archiv

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