Käthe Kollwitz: Selbstporträt, 1928.
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Käthe Kollwitz: Selbstporträt, 1928.

Ernst Barlach und Käthe Kollwitz

Die Kraft der Berührung

Eine Ausstellung rückt die einst befreundeten Künstler Kollwitz und Barlach in den Blick. Das Museum Wiesbaden zeigt feine Eigenbestände und klug ausgewählte Leihgaben.

Der Flötenspieler ist in seine Musik versunken. So verbreitet er eine ruhige, fast heitere Stimmung – eine Idylle, hätte man in früheren Jahrhunderten gesagt. Doch der Blick auf das Entstehungsjahr der Bronzefigur (1936) belehrt uns: Der Musikant befindet sich nicht in Arkadien, am sinnbildlichen Ort eines beschaulichen und glücklichen Lebens, sondern in der inneren Emigration. Das war auch Ernst Barlach (1870–1938), der Schöpfer des Flötenspielers, der unter den Nazis zwar noch in Deutschland lebte, aber als „entarteter“ Künstler diffamiert, viele seiner Werke wurden zerstört.

Nun hängen in Wiesbaden hinter Barlachs rund 60 Zentimeter hohem Flötenspieler etliche Zeichnungen und Druckgrafiken von Käthe Kollwitz (1867–1945), die eine deutlich kritischere Sprache als Barlach pflegte. Kollwitz hielt Krieg, Elend, Not und Trauer fest, weshalb sie oft als „das gute Gewissen Deutschlands“ bezeichnet wurde. Barlach blieb eher im Allgemeinen, er thematisierte Hoffnung und Verzweiflung. Die Künstler waren eng miteinander befreundet, zudem nach 1945 noch lange populär.

Tod und Trauer

Das Museum Wiesbaden bietet jetzt eine gute Gelegenheit, die Künstler im Vergleich zu sehen. Versammelt sind 45 Kollwitz-Blätter und etwa 30 Zeichnungen, Druckgrafiken sowie Plastiken von Barlach. Beide Künstler wählten oft Motive des Todes und der Trauer, die aktueller denn je erscheinen angesichts der akuten Terrorgefahr.

Das Wiesbadener Haus legt in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf Künstler, die in Kriegszeiten gelebt haben oder in Kriege gezogen sind, von August Macke über Fritz Erler bis zu Barlach und Kollwitz. Zudem hat das Museum im Jahr 2013 eine sehr seltene Kollwitz-Lithografie sowie drei Barlach-Plastiken geschenkt bekommen, darunter auch den „Flötenbläser“, wie der Titel der Bronze lautet. Nun besitzt das Haus von beiden Künstlern je 20 Werke, die es für die jetzige Ausstellung ergänzt mit Leihgaben aus dem Kölner Kollwitz-Museum und aus Privatsammlungen.

So führt die Schau im ersten von drei Sälen eindrucksvoll vor, dass Käthe Kollwitz nicht nur eine sozialkritische Ader, sondern auch ein Faible für Selbstporträts hatte. Mit diesen Bildnissen wollte die Künstlerin wohl darauf verweisen, dass sie all das Elend und all die Trauer selbst erlebt habe und dies folglich ihre Wahrheit sei, für die sie auch einstehe. Diese einleuchtende These stellt Museumskurator Roman Zieglgänsberger auf.

Kollwitz war schon immer eine politisch aktive Künstlerin. Doch zur erbitterten Kriegsgegnerin wurde sie durch den Tod ihres Sohnes Peter. Der wollte als 17-Jähriger in den Ersten Weltkrieg ziehen, benötigte aber dazu die Erlaubnis der Eltern. Der Vater lehnte das ab, doch die Kollwitz überredete ihren Mann zu der Erlaubnis. Kurz darauf fiel Peter auf dem Schlachtfeld – und Käthe Kollwitz wurde ein anderer Mensch. Das sieht man am Zyklus „Krieg“ (1921/22), dessen zweites Blatt „Die Freiwilligen“ in mehreren Druckzuständen zu sehen ist. Da folgen junge Männer blindlings einem Totenkopf, allen voran P., wie die Künstlerin unter dem Blatt notierte.

Auch ihre Selbstporträts veränderten sich von Grund auf. Eine Kreidelithografie von 1915 zeigt sie mit leerem Blick auf einem viel zu großen Blatt. Fast mit Händen zu greifen sind Trauer, Ohnmacht, Selbstvorwürfe. Fortan galt Kollwitz’ Blick dem Leiden der Hinterbliebenen, auch wenn sie etwa den ermordeten Politiker Karl Liebknecht auf der Totenbahre zeichnete.

Streben nach Erkenntnis

Als Ernst Barlach starb, fuhr sie zur Beerdigung und zeichnete sein Antlitz. Im Relief „Die Klage“ setzte sie ihrem geistigen Bruder ein Andenken, freilich mit ihrem eigenen Konterfei. Die linke Hand verdeckt das linke Auge, das rechte Auge ist geschlossen. Die rechte Hand liegt knapp unter den schmalen Lippen und hält die linke Hand. Ein starkes Bild des Leidens und Mitleidens, ein tief die Seele anrührende Kunstwerk.

Barlach wiederum hatte ein anderes Erweckungserlebnis. Erst eine Russlandreise 1906 führte ihn weg vom Jugendstil und Symbolismus, hin zum einfachen Menschen, den er aus einem kantigen, kubischen Block schuf. Fortan waren Bettler, Blinde, Bauern, Mütter, Mädchen, Musikanten, Vagabunden und Wanderer seine bevorzugten Motive, wie Blätter aus seinem Skizzenbuch zeigen, die er einem Freund schenkte, eigenhändig auf grauen Karton geklebt und signiert. So präsentiert sie jetzt auch das Museum, das die Skizzen seit geraumer Zeit besitzt.

Barlach zeigte eher Typen, ohne individuelle Züge. So trennt die „Lesenden Mönche II“ (1929) ein großer Altersunterschied, aber beide vertiefen sich in ein Buch. Sie sind ein Sinnbild für alle nach Erkenntnis strebenden Menschen.

Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, Telefon (0611) 3 35 22 50. Bis 23. Oktober. Di und Do 10–20 Uhr, Mi und Fr bis So 10–17 Uhr. Eintritt 10 Euro. Katalog: 20 Euro. Internet:

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