Graphic Novel

Die Krise des Kapitalismus als hintergründiger Comic

Superschurken und Superhelden: Paul Jorion und Grégory Maklès beleuchten in ihrer Graphic Novel, wie das große Spiel ums Geld funktioniert.

Von Oliver Seifert

Das Spiel kann beginnen. Es richtet sich an drei Mitspieler im Alter zwischen 7 und 77 Jahren. Alle packen ihren Einsatz, ihr Geld, auf den Tisch. Der Arbeitnehmer setzt zwei, drei Scheine und Münzen, der Arbeitgeber einen Haufen, der Kapitalist einen riesig aufgestapelten Turm. Jetzt wird verteilt. Am Ende haben Arbeitgeber und Kapitalist noch mehr, der Arbeitnehmer nichts. So geht das „Spiel von der Verteilung der Überschüsse“, so geht Kapitalismus. Im Comic.

In „Das Überleben der Spezies“ nehmen Paul Jorion und Grégory Maklès „eine kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus“ vor. Jorion ist Sozialwissenschaftler und Wirtschaftskolumnist, u. a. für die renommierte französische Tageszeitung „Le Monde“, Maklès ist Zeichner. Sie gehen der Frage nach: „Wie kann es sein, dass fast die gesamte Menschheit beinahe die gesamte Arbeit erledigt und nahezu den gesamten Überschuss einer Schar von Heißspornen und Zockern überlässt?“

Die Geschichte des Kapitalismus wird als Geschichte einer fortlaufenden Ungerechtigkeit erzählt. Wie der Überschuss, der Gewinn, entsteht, und wie er ungleich verteilt wird, erklärt der Band anhand von drei illustren Protagonisten: Der Arbeitnehmer, Vertreter von 99 Prozent der Bevölkerung, ist eine austauschbare Lego-Figur aus Plastik, der Arbeitgeber ein kantiger General mit Dollarzeichen an der Uniformmütze, der Kapitalist ein Wiedergänger des Monopoly-Maskottchens mit Zylinder, Frack, Knubbelnase und Schnauzer.

Die glorreichen Drei geben eine Einführung in den Kapitalismus: in Vergangenheit und Gegenwart, Merkmale, Prinzipien und Funktionsweise. Dazu gehören Rohstoffknappheit und Klimakatastrophe, Optimierung und Rationalisierung, Spekulationsblasen und Kursmanipulationen, Krisen und Kriege. Der freie Markt wird als brutales Pferderennen, der Grundsatz von Angebot und Nachfrage als Märchen, das Gebot der Chancengleichheit als großer Scherz gezeigt.

Lego-Arbeiter, Arbeitgeber-General und Monopoly-Kapitalist spielen gewissermaßen nach, was ihnen die Vorlage bietet: ein Trauerspiel mit Elementen der Groteske. Oft sind sie in absurde Situationen mit zynischen Dialogen verwickelt, so grell inszeniert und übersteigert, dass es schon wieder authentisch wirkt. Jorion und Maklès präsentieren den Kapitalismus als großes Gesellschaftsspiel (zwischen Schwachen und Starken, Armen und Reichen). Der Kapitalist als siegreicher Triumphator bekommt dabei die meisten Auftritte (wohl nach der Regel: die meiste Kohle, meiste Aufmerksamkeit): So erklärt er etwa seinem Spross ausführlich die Grundlagen seines Reichtums, rühmt sich des von ihm erzeugten Fortschritts, aber albträumt auch von der Revolution.

Weiterhin treten auf: Goldman Sax und Casino AG, Lego-Kinder, die mit Playmobil spielen, der Weihnachtsmann, die geldsaugenden Dracula und Mister X, früher bekannt als flüchtiger Verbrecher eines Scotland-Yard-Spiels, heute mit einer von Hannibal Lecter und Cro gleichermaßen inspirierten Maske getarnt, Onkel Dagobert (der Reiche) und Micky Maus (der Gute). Barack Obama steht seine Rolle als Manager eines Clubs ganz gut – selbst wenn er nur zum bezahlten Personal gehört. Paul Jorion und Grégory Maklès lassen sie alle mitspielen, die Superhelden und Superschurken, und machen keinen Hehl daraus, wem ihre Sympathien gehören. Auf allzu einfache Analysen oder Antworten verzichten sie in ihrer Kritik des Kapitalismus, die zwar in reduzierten Schwarzweiß-Zeichnungen gehalten, bisweilen aber von grüner Kolorierung durchbrochen ist. Ist da wirklich noch ein Klecks Hoffnung?

Ihr gelungener Comic schließt mit einem Eingeständnis (Es gibt keine einfachen Lösungen!) und einem Aufruf (Jeder muss die Welt ändern!). Dafür hält Maklès seinen Kopf hin, indem er sich selbst in das Szenario hineinzeichnet, wie er es vorher auch mit Jorion getan hat. Beide zeigen sich als Teil des Comics und damit als Teil des Problems. Das ist ihr Einsatz im kapitalistischen Spiel ohne Grenzen.

Paul Jorion, Grégory Maklès: „Das Überleben der Spezies“, aus dem Französischen von Marcel Le Comte. Egmont Graphic Novel, 120 Seiten, 24,99 Euro

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