+
Grünewald Isenheimer Altar ist so aufgestellt, dass man um ihn herumgehen und alle Details sehen kann.

Unterlinden-Museum in Colmar

Kulturerbe der Menschheit

Bisher war es ein Schmuckstück der Kunst des Mittelalters. Die Erweiterung macht es zu einem Anziehungspunkt der Kunstgeschichte bis in die Moderne.

Von PETRA KLINGBEIL (DPA)

Was am Unterlinden-Museum im historischen Stadtkern von Colmar zuerst auffällt, ist seine Unauffälligkeit. Die Architekten Herzog & de Meuron aus der Schweiz haben das mittelalterliche Kloster mit dem weltberühmten Isenheimer Altar feinfühlig renoviert und erweitert und den neuen Gebäudekomplex harmonisch mit seiner Umgebung verschmelzen lassen.

Die Fassade des Neubaus für die Moderne ist mit alten Backstein-Ziegeln verkleidet, die Fenster mit spitzen Bögen erinnern an das ehemalige Dominikanerinnenkloster, und das Dach wurde mit traditionellen Biberschwanz-Ziegel gedeckt. Nun ist das Museum vom französischen Staatspräsidenten François Hollande offiziell wiedereröffnet worden. In einer feierlichen Zeremonie würdigte der Präsident den berühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald als „Teil des Kulturerbes der Menschheit“: „Frankreich schützt das außergewöhnliche Erbe des kreativen Schaffens, für das dieses Museum beispielhaft ist“, sagte der Präsident.

Auch im Inneren wurde behutsam gearbeitet. „Wir haben alte Holzdecken freigelegt und Fenster wieder zugänglich gemacht, die jahrelang hinter Wänden verborgen waren, sagt Architekt Pierre de Meuron. Nach wie vor ist der Isenheimer Altar, Meisterwerk von Matthias Grünewald (um 1480–1528), in der Kapelle zentraler Anziehungspunkt. Die sieben Flügel des Altars sind so aufgestellt, dass man um sie herumgehen kann, um alle Einzelheiten zu studieren. Die Kreuzigung ist eine der erschütterndsten Darstellungen der

Passion Christi

in der westlichen Kunst.

Die Ausstellungsfläche des neuen Museumskomplexes wurde auf 8000 Quadratmeter vergrößert und erstreckt sich über mehrere Etagen. Ziel der Chefkonservatorin Pantxika de Paepe war es dabei, die Besucher zu einer „Zeitreise durch die Kunstgeschichte“ zu führen, von der mittelalterlichen Klostergründung „Schritt für Schritt“ bis in die Moderne. Endlich ist die Fülle moderner Kunst aus den Lagerräumen den Besuchern zugänglich.

Die zeitgenössische Abteilung beeindruckt mit Werken von Pablo Picasso, Jean Dubuffet, Nicolas de Staël und Otto Dix. Dix war im Zweiten Weltkrieg bis 1945 in Colmar inhaftiert. Ab 8. Oktober ist eine Ausstellung seinen Werken gewidmet, die von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ diffamiert wurden. Mehr als 100 seiner Gemälde aus Privatsammlungen zeigen, wie Dix vom Isenheimer Altar beeinflusst wurde.

„Das Museum war für Deutsche schon immer ein Anziehungspunkt“, sagt de Paepe. Schließlich gehören Matthias Grünewald, Martin Schongauer, Lucas Cranach und Hans Holbein aus der mittelalterlichen Abteilung zum deutschen Kulturerbe über die deutsch-französische Grenze hinweg. „Deutschen Besuchern ist die gemeinsame Geschichte vertraut“, sagt de Paepe. „Und beim Gang zur modernen Abteilung erleben sie eine Überraschung nach der anderen.“

Die Magie des Isenheimer Altars, so de Paepe, „wirkt auch auf junge Besucher, die der alten Kunst vielleicht distanzierter gegenüberstehen. Sie sind sofort fasziniert, wenn sie davorstehen.“

Das neue Unterlinden-Museum kann von der Architektur, den ausgestellten Werken bis hin zur fast andächtigen Stimmung im gesamten Gebäudekomplex als Gesamtkunstwerk eingestuft werden. Schon vor der Erweiterung war es mit etwa 180 000 verkauften Eintrittskarten eines der meistbesuchten Museen in Frankreich nach dem Louvre in Paris. „In Zukunft“, sagt der Bürgermeister von Colmar, Gilbert Meyer, „erwarten wir bis zu 350 000 Menschen aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare