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Der spanische Konzeptkünstler Oriol Vilanova hat zwei Ansichtskarten zu einem Gedanken verbunden: ?In Anführungszeichen? hat er sein Werk genannt. Abbildungen: DZ Bank

25-jähriges Bestehen

Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank: Die Fotografie ist ganz schön fit

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Herausgegeben von Sammlungsleiterin Christina Leber, möchte der Katalog die Kamerakunst als Siegerin über die Malerei und die Bildhauerei zeigen.

Muss man denn immer gleich ein Sieger sein? Alle anderen überragen? Der Beste sein? Christina Leber ist das offenbar wichtig, und so deutet sie in ihrem einführenden Aufsatz über den „Siegeszug der Fotografie als künstlerische Gattung“ den Titel des eleganten, leinengebundenen Bandes „Fotofinish“ als „Ende eines Wettkampfes“, der „den Sieger eines Rennens“ definiert. Unterstützt wird das vom Aufmacherfoto: Jan Paul Evers’ Bild „Cycle of the Fittest“ zeigt drei Radrennfahrer, deren erster triumphierend die Hände in die Luft streckt, während die beiden, die ihm folgen, noch tief über den Rennlenker gebeugt in die Pedale treten.

Doch während man Sportler nach einem Rennen sehr wohl auf Treppchen gruppieren kann, ist das mit der messbaren Leistung von Kunst so eine Sache. Kann man die Fotokunst als Siegerin bezeichnen, weil sie auf andere Künste nicht nur Bezug nimmt, sondern sie in ihre Arbeiten integiert? Und wenn das so wäre: Gälte selbiges nicht auch für die Malerei, die längst angefangen hat, auf die fotografischen Sehgewohnheiten der Menschen Rücksicht zu nehmen?

Letztlich sind das müßige Rangeleien, und doch sind sie bezeichnend: Zeigen sie doch, wie empfindlich Vertreter der Kunstrichtung Fotografie immer noch sind, wenn es darum geht, ihre Gattung zu behaupten. Denn jahrzehntelang wurde Fotokunst belächelt, diskreditiert, als Nicht-Kunst ignoriert.

Angemessener wäre es, den von Paul Virilio entlehnten Begriff „Fotofinish“ im sportlichen Sinne des Finishers zu verwenden – desjenigen also, der den Zieleinlauf geschafft hat. So lässt sich festhalten: Die Fotografie ist im Parnass angekommen. Endgültig. Das hätte vor einem Vierteljahrhundert nicht jeder zu prognostizieren gewagt.

Als die DZ-Bank vor 25 Jahren beschloss, Fotokunst zu sammeln, war das ein mutiger Entschluss. Gründungsdirektorin Luminita Sabau trat ein für ein Medium, das keineswegs etabliert war: Sollte eine Bank auf solch ein zartes Pflänzchen setzen? Die Genossenschaftsbank wagte es – und hat tatsächlich gewonnen. Mittlerweile umfasst die weltgrößte fotografische Unternehmenssammlung mehr als 7500 Bilder von fast 800 Fotografen. Mit dem „Art Foyer“ in den Frankfurter Türmen der Bank am Platz der Republik unterhält sie eigene Ausstellungsräume, die öffentlich zugänglich sind. 220 Werke flossen im Jahr 2008 als Dauerleihgaben in die Sammlung des Frankfurter Städel-Museums ein.

Der Katalog nun, edel und erfrischend modern zugleich, unternimmt eine Bestandsaufnahme, indem er die Reibungs- und Einflusspunkte zu den anderen Künsten ins Visier nimmt: Zeichnungen, Malerei, Skulpturen, Film und sogar die Konzeptkunst sind Konkurrenzkünste, zugleich aber auch Befruchtungskünste.

Wie misst sich die Fotografie an ihnen, was übernimmt sie, führt sie fort und auf neue Ebenen? In klugen Aufsätzen und einem beeindruckenden Bilderteil führt der Katalog ein in die Welt der Fotografie als Kunst und zeigt vor allem: Die Flut unendlich vieler (und jederzeit verfügbarer) Bilder, die uns die digitalisierte Welt beschert, macht Fotokunst nicht überflüssig, sondern umso notwendiger. Sie wird zu einem Reflexionsmedium, das permanent Grenzen überschreitet: zu anderen Künsten, zu anderen Techniken. Die integrativen Kapazitäten von Fotokunst sind immens.

Das Vierteljahrhundert von 1993 bis heute, in dem diese Sammlung herangewachsen ist, markiert die Epoche der endgültigen Emanzipation der Fotokunst, zu deren unscharfen Rändern auch manche Werke der Dokumentarfotografie wie der journalistischen Fotografie gehören. Sie streift der Katalog ebenfalls. Aus dieser Befreiung erwächst den Künstlern eine neue Aufgabe: das Besondere in der Flut des Nicht-Besonderem zu erkennen und kenntlich zu machen.

Was zuerst einmal selbstverständlich klingt, ist in Wahrheit ein Paradigmenwechsel, wie er fundamentaler kaum sein könnte: Denn Kunst überhaupt entstand vor Jahrhunderten aus dem tiefen Bedürfnis nach Bildern, die die Welt zeigen und erklären. Seit Menschengedenken waren Bilder Mangelware. Im gar nicht mehr überschaubaren Überfluss gibt es sie erst seit der Jetztzeit. Die mehr als 7500 Bilder der DZ-Bank und ihr Jubiläumskatalog markieren also eine Phase des Übergangs. Sie ist das Fundament für eine Zukunft, von der noch nichts bekannt ist, außer dass sie aus diesem Überfluss-Grund heraus grundsätzlich anders sein wird als alle fotografischen Epochen zuvor.

Insofern markiert „Fotofinish“ nicht nur den Zieleinlauf, sondern gibt ein Abbild jenes Felds, das als Fundament der Zukunft gelten kann. Ein Zeitenwendebuch, im besten Sinne.

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