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?Römer oder Rathhaus zu Frankfurt am Main?, ein Stich von Matthäus Merian aus dem Diarium Leopolds I., erschienen im Jahr 1658. Die Stadtansicht wird im heutigen Historischen Museum aufbewahrt. Porträts von Matthäus Merian selbst gibt es dort nicht. Abbildungen: Horst Ziegenfusz/Historisches Museum Frankfurt (2), epd

Vater der derzeit gefeierten Maria Sibylla Merian, war Frankfurts berühmter Kupferstecher

Kupferstecher Matthäus Merian: Der Römer – gestochen scharf

Matthäus Merian der Ältere schuf Stadtpläne, die neue Maßstäbe für Anschaulichkeit setzten. Der Main und die Stadt Frankfurt gingen so in alle Welt hinaus.

Vor kurzem jährte sich der 300. Todestag von Maria Sibylla Merian. Aber berühmter als die Künstlerin und Naturforscherin war ihr Vater, Matthäus Merian der Ältere. Seine Ausbildung als Zeichner, Radierer und Kupferstecher absolvierte Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650) mit Bravour. So galt der gebürtige Basler schon in jungen Jahren als begnadeter Künstler, der bald auch zum geschäftstüchtigen Verleger wurde. Freilich ist nur selten in seinen Blättern zu spüren, dass derweil der Dreißigjährige Krieg (1618–48) tobte. Merian setzte Genauigkeit und Schönheit gegen Tod und Zerstörung.

Nach

Lehr- und Wanderjahre

n in Zürich, Straßburg, Nancy, Paris, Stuttgart, Augsburg und in den Niederlanden kam er 1616 nach Oppenheim am Rhein, wo er Illustrator im Reisebuch-Verlag von Johann Theodor de Bry wurde. De Bry war aus religiösen Gründen von Frankfurt nach Oppenheim gezogen. Bald ehelichte Merian die älteste Tochter des Verlegers, Maria Magdalena, übernahm 1623 den Verlag nach dem Tod des Schwiegervaters und siedelte ihn wieder in Frankfurt an. Matthäus Merian bekam von Händlern und Künstlern Städteansichten aus aller Welt. Ein Heer von freien Kupferstechern beschäftigte er dann mit seinen Aufträgen. So verdanken wir ihm detaillierte Städtebilder, die aber keine fotografische Exaktheit besitzen. Denn die übersichtliche Komposition täuscht über Vereinfachungen und kleine Ungenauigkeiten aus der Vogelperspektive hinweg.

Schon vor seiner Frankfurter Zeit, zwischen 1615 und 1624, schuf Merian bis zu zwei Meter lange, aus mehreren Platten aneinandergereihte Pläne und Ansichten von Paris, Genf, Basel, Frankfurt, Augsburg, Krakau, Genua, Köln und Heidelberg. Leider sind von den großen Stadtansichten nur noch wenige Kupferplatten im Original erhalten, so dass die fragilen Papierabzüge an Bedeutung gewinnen.

Eine um 1617 entstandene Frankfurt-Ansicht etwa zeigt die Stadt noch in der gotischen Ummauerung. Nur ein Blatt dieser Vedute ist erhalten und befindet sich im hiesigen Historischen Museum. Auch einen großen, auf vier Platten angefertigten Plan von 1628 besitzt das Museum im Erstdruck. Derzeit ist eine Frankfurt-Ansicht, von Sohn Kaspar 1657 geschaffen, in der Dauerausstellung „Frankfurter Sammler und Stifter“ zu sehen.

Seinen Ruf als Buchillustrator wusste der Vater schon früh einzusetzen. Als er 1624 um eine Aufenthaltserlaubnis für die Stadt Frankfurt nachsuchte, führte er das Fehlen eines ortsansässigen, qualifizierten Kupferstechers an. Der Rat wollte gern diese Lücke schließen, ließ den begehrten Mann in die Stadt und gewährte ihm 1626 sogar das Bürgerrecht. Neben Städtebildern konzentrierte sich Merian auf Naturwissenschaften, Religion, Mechanik, Militär- und Rechtsgeschichte. Seine Editionen waren üppig bebildert, denn Merian galt als führender Verleger für illustrierte Literatur. So illustrierte er eine mächtige Bibel ebenso wie ein Hebammenbuch oder eine herzogliche Kindstaufe samt Feuerwerk im Stuttgarter Lustgarten.

An Literatur war Merian jedoch nicht interessiert, obwohl er schon 1619 Ovids „Metamorphosen“ illustriert hatte. Stärker ausgeprägt war sein Sinn für Sensationen, die er in historischen Chroniken mit drastischen Bildern von Kriegen und Missgeburten ausschlachtete. Besonders seine „Gottfried-Chronik“, eine „Geschichte seit Erschaffung der Welt“ bis 1618, wurde zu einem populären Großprojekt. Der von Jahr zu Jahr erzählte Text des Historikers Johann Ludwig Gottfried versammelt allerlei schauerliche Geschichten.

In dem folgenden „Theatrum Europaeum“ setzte Merian auf die „von Natur aus sensationslüsternen Menschen“. Die Buchreihe wurde ein Bestseller, ebenso sein ab 1642 in 16 Bänden erschienenes Werk „Topographia Germaniae“ über die Gebiete des deutschen Reiches. Es versammelt auf 1500 Kupfertafeln mehr als 2100 Stadt- und Teilansichten sowie Darstellungen aller Regionen, ergänzt von 100 Karten. Als Auftakt wählte Merian die Schweiz, 1643 folgten Elsaß und Schwaben, 1646 dann Hessen.

Bis zu Merians Tod 1650 lagen 11 Bände vor, 5 weitere folgten bis 1654. Damit gelang Merian eine Bestandsaufnahme der deutschen Städtelandschaft im 17. Jahrhundert, die noch heute eine unschätzbare Fundgrube der Stadt- und Architekturgeschichte ist. Angetrieben dazu wurde er durch die Zerstörungsgewalt des Dreißigjährigen Krieges. Seine Bilder verstand er als Mahnmal „voriger Glücksselig- und Herrligkeit für die nachfolgenden Geschlechter“, damit sie bestrebt sind, „was noch stehet, zu erhalten, was gefallen, wieder aufzurichten, und was verlohren, wieder zu bringen“. Dagegen sind nur wenige seiner Zeichnungen erhalten, meist Vorstudien zu Radierungen. An diesen Blättern lässt sich verfolgen, mit welch feiner und einfühlsamer Feder Merian die Natur, aber auch Monatsbilder, biblische Geschichten und mythologische Themen skizzieren konnte.

Ein Jahr vor seinem Tod griff Matthäus Merian seine frühen Radierungen nach dem „Basler Totentanz“ von 1440 auf. Das auf eine Basler Friedhofsmauer gemalte Fresko zeigt Gevatter Tod beim Tanz mit den Vertretern der Stände. Die „zeitige Betrachtung seines Sterb-Stündleins“ geschah in weiser Voraussicht, hatte ihm doch das hohe Arbeitspensum arg zugesetzt. Als er wieder einmal im nahen Bad Schwalbach zur Kur weilte, starb er dort mit 57 Jahren am 16. Juni 1650.

Im Januar 1646 hatte Merian nach dem Tod seiner Frau zum zweiten Mal geheiratet. Dieser Verbindung entstammt seine Tochter Maria Sibylla, die er abgöttisch liebte, wohl mehr als seine drei Töchter und drei Söhne aus erster Ehe. Nach seinem Tod übernahmen die Söhne Matthäus d. J. und Kaspar den Verlag, der später auch von deren Erben weitergeführt wurde. Doch im Jahrhundert darauf erlosch das traditionsreiche Unternehmen. Die heutige Zeitschrift „Merian“ mit Städte- und Länderporträts hat nichts mit der Familie zu tun und profitiert nur von dem klangvollen Namen.

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