Der Mainzer Germanist Carsten Jakobi fragt, was Satire soll und darf.
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Der Mainzer Germanist Carsten Jakobi fragt, was Satire soll und darf.

Tagung in Mainz

Lachen über Hitler?

Der Germanist Carsten Jakobi ergründet das heutige Verhältnis von Satire und Nationalsozialismus. Der Humor hat sich in dieser Hinsicht verändert.

Von Jens Albes (dpa)

Dürfen wir über Adolf Hitler lachen? Das fragt am heutigen Samstag eine Tagung in der Gedenkstätte KZ Osthofen im Kreis Alzey-Worms. „Humor und Satire als Mittel der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie aktuellem Rechtsextremismus“ lautet der Untertitel. Es geht um die Frage, wie diese Ironie für die politische Bildung von Jugendlichen genutzt werden kann, wie der Referent und Mainzer Germanist Carsten Jakobi (46) der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. „Die Satire über Hitler hat zugenommen. Interessant ist aber, dass er dabei mehr als Vehikel auftritt, mit dem die Kritik an anderen Themen formuliert wird.“

Seit 70 Jahren tot

Ein gutes Beispiel sei ein Titelbild der Satirezeitschrift „Titanic“ von 2002 mit der Frage „War Hitler Antisemit?“ unter einem Bild des Diktators – eine Anspielung auf die damalige antiisraelische Kritik des 2003 gestorbenen FDP-Politikers Jürgen Möllemann.

„Hitler ist seit 70 Jahren tot. Mit dieser zeitlichen Distanz rückt der öffentlich-mediale Umgang mit ihm in den Vordergrund satirischer Kritik“, erläuterte der promovierte Literaturwissenschaftler Jakobi. Es gebe inzwischen eine Flut von satirischer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die auch Jugendliche erreiche.

Armes Deutschland?

Der Germanist nannte als Beispiel Timur Vermes’ Roman „Er ist wieder da“. Darin erwacht Adolf Hitler mitten in Berlin aus einem tiefen Schlaf und spaziert durch die Hauptstadt. Er wundert sich, wie sehr sich sein Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Das Buch wird derzeit mit Oliver Masucci vom Wiener Burg-Theater verfilmt und kommt am 8. Oktober in die Kinos. Der Komödiant Christoph-Maria Herbst hat das Hörbuch eingelesen und spielt auch in dem Film mit. Regie führt David Wnendt, bekannt geworden mit dem Neonazi-Porträt „Kriegerin“. Das Besondere an „Er ist wieder da“ ist, wie der Leser sich bei vielen Alltagsbeobachtungen Hitlers einig mit dessen Einschätzung der heutigen Zeit fühlt und sich dabei ertappt, offenbar selber ein kleiner Hitler zu sein.

Als weitere Beispiele für Hitler-Satiren der heutigen Zeit nennt Jakobi die Kurzclips „Obersalzberg“ und „Goodbye Großdeutschland“ in der Pro-Sieben-Fernsehserie „Switch reloaded“ sowie „Die deutsche Kochschau“ auf You-Tube vom Satirikerduo Stermann & Grissemann.

Davon streng unterschieden werden muss laut Jakobi natürlich die Ironie aus der heutigen braunen Ecke: „Auch Neonazis verwenden Satire – zum Beispiel lassen sie Wehrmachtssoldaten Juden die Schläfenlocken rasieren und schreiben ,Pippi Langstrumpf’ darunter. Davor ist nur zu warnen.“ Es gelte zudem stets, die Grenze zu wahren zwischen gelungener Satire und der Verharmlosung des Nationalsozialismus. „Wo eine solche vorkommt, hängt dies aber nicht von der satirischen Form, sondern von dem ihr zugrundeliegenden politischen Urteil ab.“

Vor Hitlers Tod 1945 war die Satire gegen den Diktator noch ein Kampfmittel gegen eine unmittelbare Bedrohung gewesen, wie Jakobi erklärte. Diese Tradition reiche erstaunlich weit zurück: „Schon 1923 erschien kurz vor dem HitlerPutsch Ernst Tollers Komödie ,Der entfesselte Wotan’. Da tritt unter anderem Namen eine erkennbar nach Hitler gezeichnete Hauptfigur auf.“

Der große Diktator

Berühmt ist auch Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“. In der amerikanischen Kinoproduktion aus dem Jahr 1940 ist der englische Stummfilm-Komiker zwar zurechtgemacht wie Hitler und trägt auch das charakteristische Oberlippenbärtchen, aber einen anderen Namen: Anton Hynkel. Er herrscht im erfundenen Staat Tomanien und bereitet hinter dem Rücken des Herrschers von Bakteria namens Benzino Napoloni den militärischen Überfall auf das Nachbarland Osterlitsch (gemeint ist Österreich) vor.

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