+
Uraufführung der ?Verunsicherung? mit Kronleuchter.

Schauspiel Frankfurt

Die Lage ist bestens, wenn auch hoffnungslos

  • schließen

Sebastian Hartmann inszenierte sehr frei „nach“ Nikolai Gogol die Groteske über arbeitsscheue und bestechliche russische Staatsbeamte.

Unendlicher Spieltrieb und Spielintelligenz prägen die Regie und ihre acht (neun mit Gitarrist Steve Binetti) Darsteller. Sebastian Hartmann inszenierte äußerst frei „nach“ Gogol. Sein Bühnenbild, im Spiel als „LSD-Palast“ bezeichnet, bedient sich der gegenläufigen Drehbühne und beweglicher Wände in Zebrastreifen, geometrischen und Fließmustern. Aus einer Wand werden derer viele, die mitunter Räume bilden. Zuletzt entschwindet das Bühnenbild an Stahlseilen und komplettiert so den planvollen Abriss des Stücks. Ruhelose Bewegung prägt den Rhythmus.

Adriana Braga Peretzki kleidet das Frauen-Trio (Katharina Bach, Franziska Junge, Linda Pöppel) sowie Sascha Nathan, Max Mayer, Jan Breustedt, Isaak Dentler und Holger Stockhaus in Smoking und Zylinder: nonchalante Zauberkünstler, die im Publikum weiterzaubern. Später kommen bunte Kleider und Perücken, Fett-Anzüge und Zimmermädchen-Habit hinzu, ferner Kostüme für den Moment (androgyner Tänzer, Banknoten-Anzüge, Torero).

Eingangs rennen die Smokingträger in clownesker Unschuld hin und wider. Es setzt ein permanentes Nacherzählen und Summieren, Weiterspinnen und Ersetzen ganzer Akte durch unerschöpfliche Einfälle ein: eine oft kalauernde Meta-Regie, welche die Groteske präsent macht. Erst am Schluss nimmt Hartmann es genau mit einem Text, jedoch dem Heiner Müllers: „Hamletmaschine“ in Wechselrede. Wie eine implantierte Regie-Poetik revidiert sie den „Revisor“ von innen her und führt die Instanz des Autors und der Bühnenfigur als jemanden vor, der „keine Rolle mehr spielt“. Musizierend im schummrigen Licht stehen alle zwischen Leuchtbuchstaben, die sich aus „REVISOR“ anagrammatisch in „SORRI EV“ verwandeln. An der Rampe wird jemand oder etwas zu Grabe getragen.

Stellenweise zieht sich die Kommentar-Bespaßung in die Länge, dafür nimmt sie den Zuschauer immer für voll. Selbst das Naive verschwindet nicht im Nichts, sondern wird eher ausgefällt und zieht sich in pures Spiel zurück. Immer passiert etwas, und sei es, dass Stockhaus schlicht das „Nischt“ (Nichts) besingt. Im vierten Akt spielt das Ensemble das „Schlüsselloch“ an und stellt sich davor in Reihe, als pflanze sich die Ansicht durch Augen, Gedärm und hinterwärts zu uns fort. Auch im Jahr 10 n.Sp. (nach der „Spiralblock-Affäre“ im Februar 2006: Folge einer Hartmann-Regie) liebt Hartmann weiterhin die Provokatiönchen und lässt etwa Jan Breustedts Phallus blitzen. Eine erzkomische und „lesbare“ Inszenierung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare