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In Denpasar auf Bali wurde vor wenigen Tagen wie jedes Jahr wieder das "Bali Art Festival" von balineischen Tänzerinnen eröffnet. Nicht nur literarisch, sondern auch kulnarisch und künstlerisch wird sich Indonesien vom 13. bis 18. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.

Buchmesse in Frankfurt

Land aus tausenden von Inseln

Im Oktober ist der Vielvölkerstaat Ehrengast in Frankfurt – eine Chance, die das Land jedoch auch mit den Gräueln der eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Von Thomas Maier (dpa)

Beim berühmten indonesischen Puppenspiel kämpft stets Gut gegen Böse. Die Vorlagen für das Marionettentheater (Wayang), wie es in Jakartas Altstadt gezeigt wird, entstammen den altindischen Epen. Über Jahrhunderte hinweg haben diese Geschichten die Bewohner des erst 1945 gegründeten Vielvölkerstaates Indonesien geprägt.

Auch in der politischen Wirklichkeit des Landes geht es derzeit um die Frage nach Gut und Böse – und Opfern und Tätern. 50 Jahre nach dem Militärputsch von General Suharto, bei dem in der Folge nach Schätzungen bis zu einer Million Menschen ums Leben kamen, rühren Schriftsteller am weiterhin stark tabuisierten Thema. Es sind erstaunlicherweise mehrere Bücher von Frauen, die dem eigenen Land den Spiegel vorhalten.

„Die Massaker von 1965 gehören zu den größten politischen Genoziden im 20. Jahrhundert“, sagt die Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak in Jakarta. Neben Kommunisten und Intellektuellen habe der Massenmord den ethnischen Chinesen gegolten. „Das wissen die meisten nicht, nicht nur im Ausland.“

Indonesien, mit 250 Millionen Menschen weltweit an vierter Stelle, ist 1998, nach 30 Jahren Diktatur, zur Demokratie zurückgekehrt. Doch bis heute wird in Schulbüchern daran festgehalten, dass das Militär mit seinem blutigen Putsch nur einem Staatsstreich der Kommunisten zuvorkam, die in Indonesien einst mehrere Millionen Mitglieder hatten.

In ihrem im September bei Ullstein erscheinenden Roman „Alle Farben Rot“ widmet sich die 43 Jahre alte Pamuntjak den Folgen von 1965 in einem großen Epos. Nach Jahrzehnten sucht eine Frau nach ihrem Geliebten, der 1965 auf die berüchtigte Gefangenen-Insel Buru verschleppt wurde.

In Indonesien ist das Buch vor drei Jahren ein Bestseller geworden. Das Interesse am Thema ist da, zumindest in der an Büchern interessierten oberen Mittelschicht. Doch die Regierung ist noch lange nicht so weit. Auch weil in Ministerien, Wirtschaft und Medien noch viele Leute sitzen, die damals selbst an den Säuberungen beteiligt waren. Und in den Dörfern wohnen die Opfer weiter neben den Tätern.

Das hat der US-Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer im preisgekrönten „Act of Killing“ (2012) und danach in „Look of Silence“ thematisiert, den in den vergangenen Monaten in Indonesien in kulturellen Vorführungen mehrere hunderttausend Menschen sahen. Auch in Frankfurt waren die bestürzenden Filme kürzlich zu sehen – und werden im Oktober, wohl vor der Buchmesse, wiederholt. In kommerziellen indonesischen Kinos dürfen beide Filme nicht gezeigt werden.

„Wir wollen das Thema vergessen, aber nicht lösen“, kritisiert das der Filmemacher Alex Sihar, Generalsekretär eines Kulturzentrums in Jakarta. „Ich beneide Deutschland“, fügt er mit Blick auf die Aufarbeitung der NS-Verbrechen hinzu. Goenawan Mohamad, Galionsfigur der Literatenszene und Organisator des Auftritts in Frankfurt, ist weniger pessimistisch. „Das Tabu ist längst nicht mehr so stark, wie es war“, sagt der 73-Jährige, der selbst unter Suharto zeitweise inhaftiert war. Die Autoren dürften das Thema aber nicht der Regierung überlassen.

Der im vergangenen Oktober mit viel Vorschusslorbeeren angetretene neue Präsident Joko Widodo, der erstmals nicht den alten Eliten entstammt, hat zwar eine Aufarbeitung der Vergangenheit angekündigt. Viele Studenten und Intellektuelle sind aber frustriert, weil bisher nichts passiert ist. „Keiner hat ein Interesse, sich selbst verurteilen zu müssen“, stellt nüchtern die deutsche Journalistin Christina Schott fest, die seit Jahren in Indonesien lebt. „Der Präsident muss sein Versprechen einlösen“, fordert Oppenheimer. Eine Versöhnung müsse neben einer Entschuldigung auch ein Ende der Immunität für die Verbrechen des Militärs bedeuten.

Zum 50. Jahrestag der Massaker wollen Juristen vom 10. bis 13. November in Den Haag ein „Tribunal“ zu den damaligen Ereignissen organisieren. Vorher wollen sie auf der Buchmesse auf ihr Thema aufmerksam machen.

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