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Das Leben auf dem Prüfstand

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Von: Dierk Wolters

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Die Österreicherin schreibt in ihrem jüngsten Roman „Das menschliche Gleichgewicht“ über einen denkwürdigen Septemberurlaub in Kroatien.

Wenn eine Autorin eine einsame Insel in Dalmatien zum Handlungsort ihrer Geschichte macht, hat sie jede Menge Möglichkeiten, für Stimmung zu sorgen: mit romantischen Bildern von Sonnenaufgängen, Schilderungen des zahmen oder wilden Meeres an zerklüfteten Klippen oder sanften Stränden. Es ist bezeichnend für Margit Schreiner, dass sie sich all dem verweigert, nichts davon nutzt. Ihr Stil ist präzise, aber karg. Umstandslos schreibt sie. Schroff und geradezu antiliterarisch wirkt ihr Roman, den sie pragmatisch wie ein Tagebuch arrangiert: „Vor der Abreise“ heißt das erste Kapitel, „Überfahrt und erste Tage auf der Insel“ das nächste.

Die Situation: Zwei befreundete Paare mit zwei halbwüchsigen Mädchen wollen, wie schon seit Jahren, den Sommerurlaub gemeinsam auf einer Insel fernab der Zivilisation verbringen. Sehr unterschiedlich sind die vier Erwachsenen, das eine Paar turtelt miteinander wie am ersten Tag, das andere will seine Ruhe haben. Kurz vor der Abreise kündigt sich Sarah an, eine junge Frau aus Israel, Tochter einer Freundin der Schriftsteller-Erzählerin, die vor einigen Jahren ums Leben gekommen ist. Sarah hat nicht nur ihre Eltern, sondern danach auch ihren geliebten Bruder verloren, der sich selbst das Leben nahm. Ein solchermaßen vom Schicksal gebeuteltes Mädchen kann man schlecht stehen lassen, ohne zu helfen. Und so wird Sarah kurzerhand mitgenommen. Was in den folgenden 30 Septembertagen geschieht, ist Inhalt des Romans.

Ziellos, scheint es zunächst, wird über dieses und jenes Ferienereignis berichtet, doch bald erweist sich: Alles hat seinen Sinn und Platz. Was zunächst karg und spröde erscheint, entwickelt einen starken Sog. Die Gespräche über die Vergangenheit, aber auch, was in ihnen ausgespart wird – alle heiklen Themen nämlich, vor allem der Tod von Sarahs Bruder – spielen eine Rolle in dieser sehr fragilen insularen Versuchsanordnung, in der ein paar ältere Menschen sich mit allen Errungenschaften der Zivilisation wappnen wollen gegen mögliche Unbilden der Natur.

Doch diese Natur ist es, die immer wieder hervorbricht, sich ihren Weg bahnt in den Alltag – und wenn es nicht das Meer ist, der Sturm oder der entlaufene Hund, dann sind es die Seelenabgründe der menschlichen Natur, die sich nicht einmal mit dem kistenweise mitgebrachten und überreichlich genossenen Alkohol bezähmen lassen.

Margit Schreiner erzählt keine hübsch verpackte Geschichte, sondern vielmehr das Gegenteil: Ein scheinbares Idyll wird enttarnt, und zum Vorschein kommt der ziemlich zerbrechliche Kern einer Gruppe, die in Wahrheit nur von einem sehr dünnen zivilisatorischen Firnis zusammengehalten wird.

Sarah mit ihrer ungeheuerlichen Leidensgeschichte, die wiederum als Tagebuch innerhalb des Tagebuchs der Erzählerin ausgebreitet wird, wirkt wie ein Fremdkörper, der seine ganze Umwelt auf Echtheit, man könnte auch sagen: Authentizität, prüft.

So erweist sich gerade der rohe, wie unbehauen wirkende Stil der seit vielen Jahren eigenwillig kompromisslos schreibenden Margit Schreiner als überaus kunstvoller Weg, um ins Innere der Menschen vorzudringen. Dorthin, wo es wirklich interessant wird.

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