Es gab die heiteren Momente in der Frankfurter Batschkapp ? und die, in denen Sängerin Lena Meyer-Landrut die Tränen kamen.
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Es gab die heiteren Momente in der Frankfurter Batschkapp ? und die, in denen Sängerin Lena Meyer-Landrut die Tränen kamen.

Batschkapp

Lena Meyer-Landrut verabschiedet sich von Frankfurt

Verletzlich, emotional und grundehrlich: Lena Mayer-Landrut redet in der Frankfurter Batschkapp Tacheles.

Gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden. Kaum hat Lena Meyer-Landrut Adeles „My Same“ und ihre ESC-Nummer-eins „Satellite“ in etwas anders als gewohnten Arrangements abgehakt, versucht sie in der proppevollen Batschkapp mit aufgewühlter Stimme die Beweggründe für eine unbestimmte Auszeit, die sie sich nehmen will, zu erläutern.

Vorausgegangen waren im vergangenen November Meldungen über eine abgesagte Tournee im Frühjahr 2018 und ein zwar angekündigtes, aber nach wie vor noch nicht produziertes fünftes Studioalbum namens „Gemini“. Bei ihren Ausführungen über das Warum und Wieso greift die 26 Jahre alte Sängerin und Komponistin teils zu drastischer Wortwahl: „Ich will weder euch noch mich verarschen“, erläutert sie ihren Entschluss, erst einmal auf Tauchstation und in sich zu gehen.

Über Nacht ein Star

Als ihr während „Not Following“ die Tränen kommen, folgt ein minutenlanger Monolog über jene zwar nicht immer leichten, aber auch ziemlich erfolgreichen vergangenen sieben Jahre, wo aus der 19-jährigen Abiturientin aus Hannover über Nacht ein Star wurde.

Über das Für und Wider der Causa Lena Meyer-Landrut diskutierte seit ihrem Überraschungssieg beim ESC-Vorentscheid 2010 die Welt hierzulande und auch anderswo kontrovers leidenschaftlich. Selbst nachdem der Nachwuchs in Oslo endlich nach 28 Jahren den Jackpot Eurovision Song Contest für Deutschland knackte, wollten ewige Nörgler mit pingeliger Kleinkrämerseelenkritik nicht verstummen. Schön und gut zwar der Sieg, aber richtig gut singen könne sie halt nicht.

Einmal mehr fieses Gehetze entfachte sich durch die erneute Teilnahme als Titelverteidigerin am ESC 2011. Rasch geriet die im Turbomodus angetriebene Karriere von Null auf Hundert in einen unschönen Sog: Lena sah sich dem Druck ausgesetzt, den Über-NachtErfolg weiter zu maximieren und zu vertiefen. Als Künstlerin natürlich zu reifen, gestaltete sich unter diesen Umständen schwierig: Lena hier, Lena da, Gerüchte über Magersucht, eigenwilliges Querdenken und eine angestrebte Karriere als Laufstegmodel erfüllten keineswegs die hohen Erwartungen. Gaben gar jenen kritischen Stimmen Recht, die vermuteten, dass die Karriere vom Fräulein Wunder vorzeitig implodieren könnte. Nach vier Studioalben und mit jeder weiteren Tournee sich verkleinernden Konzerthallen wusste Lena zumindest eines: Es ist gar nicht so leicht, ein Shooting-Star zu sein.

Videoclips im Rücken

In der Batschkapp, die mit einer auf Partystimmung und Wir-wollen-unsere-Lena-sehen geeichten ziemlich jungen Fanschar sowie deren Eltern vollgepackt ist, steckt Lena abermals im Zwiespalt: Einerseits will sie verletzlich, emotional und grundehrlich ihre momentane Situation darlegen, andererseits aber auch nicht künstlerisch enttäuschen. Lena erfüllt beides mit Bravour. Mit kompetenter Band, darunter zwei Streicher und zwei Sängerinnen sowie zig Videoclips auf der Leinwand im Rücken, unterstreicht sie stimmlich souverän bei „End Of Chapter One“ ihre Professionalität. In strenger Chronologie streift sie durch ihre erstaunliche künstlerische Entwicklung von der durch Stefan Raab angetriebenen Marionette zur selbstbewussten eigenständig Denkenden. Wie bei einer multiplen Persönlichkeit schlummern in Lena facettenreich gleich mehrere unterschiedliche Charaktere: Von scheu introvertiert bis ausgelassen extrovertiert reicht da die Palette. Ob Pop, Folk, Rock oder gefühlvolle Ballade – Lena meistert sämtliche Varianten.

Als sie im fünften Block im Hier und Jetzt angelangt, gesellen sich Überrschungsgäste hinzu: Für „Lang lebe die Gang“ hakt sie sich bei den Rappern „Genetikk“ unter. Mit „Sing-meinen-Song“-Sangeskollege Moses Pelham bildet sie bei „Meine Heimat“ ein famoses Duo – so dass der Ex-Rödelheim-Hartreimer ein vom Auditorium schwer umjubeltes Frankfurt-Heimspiel genießt.

Im akustischen Zugabenteil im Gespann mit Support Act Louka dominiert Weihnachtliches: Mariah Careys „All I Want For Christmas Is You“ folgen ein behutsames „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in Zeitlupe sowie das hymnische „Happy Xmas (War Is Over)“ von John Lennon und Yoko Ono. „Kein Bullshit, das verspreche ich euch!“, lautet die Botschaft einer einmal mehr den Tränen nahen Lena zum Abschied.

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