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Der Philosoph Leon Joskowitz (36) macht Pause. Der Autor arbeitet in einer Gärtnerei: Dort findet er, was er zum Kochen braucht.

Serie

Leon Joskowitz will Geist und Genuss in seinem Leben miteinander verbinden

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Leon Joskowitz.

„Ich folge meiner Neugier“, sagt Leon Joskowitz. „Im Moment interessiert mich vor allem das Gärtnern, das Schreiben und die Philosophie“, fügt er hinzu. Seit März 2017 arbeitet er zehn Stunden wöchentlich in der Gemüsegärtnerei „Bärengarten“ im Frankfurter Stadtteil Oberrad. Dort pflegt er Kräuterbeete, führt Schulklassen und Erwachsene durch den Betrieb des Integrationsunternehmens. Im „Bärengarten“ werden Obst, Gemüse und Kräuter angebaut und verkauft. An einem sonnigen Nachmittag sitzt Joskowitz an einem großen Holztisch in der Gemüsegärtnerei. Nach der Arbeit hat er sich umgezogen und raucht eine Zigarette. Vogelgezwitscher, krähende Hähne, Flugzeuglärm.

Leon Joskowitz ist Philosoph. Er wurde 1982 in Frankfurt geboren und hat in Lissabon, Freiburg und Berlin studiert. Joskowitz wirkt verbindlich und zugewandt. Bei allem intellektuellen Ernst hat er etwas Heiteres. Was bringt ihn dazu, einen Teil seiner Arbeitszeit dem Gärtnern zu widmen? „Ich mache das, was mich interessiert“, sagt er. Das Gärtnern stehe für ihn im Zusammenhang mit Naturphilosophie und der Frage, wie wir als Menschen zur Natur verhalten.

Joskowitz neigt dazu, philosophische Fragen konkret und praktisch anzugehen. „Das ist für mich eine Konsequenz aus dem Leerlauf der akademischen Philosophie, den ich am Ende meines Studiums beobachtet habe“, sagt er.

Nach dem Abschluss des Studiums ging Joskowitz zunächst auf eine kulinarische Wanderschaft. Er arbeitete bei der Weinlese und der Olivenernte. In Südtirol kochte er in einem Hotel, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben. Er habe eine eher einfache Küche gekocht, erinnert sich Joskowitz. Aber mit guten Zutaten. „Der beste Weg, die besten Zutaten zu haben, ist, sie selber anzubauen“, glaubt er. Da ist es nicht weit zur Gärtnerei. Eigentlich wollte Joskowitz auf eine Alm, um dort Käse zu machen. Durch die Anregung einer Freundin fuhr er nach Island, das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011, um die dortige Küche kennenzulernen. Joskowitz entwickelte die Idee, Köche des jeweiligen Gastlandes zur Buchmesse einzuladen. Er gründete das „Kulinarische Festival Frankfurt“. Dieses Jahr betreut Leon Joskowitz den kulinarischen Auftritt des Buchmesse-Ehrengasts Georgien.

Wie vielseitig Joskowitz’ Interessen sind, zeigt sich an seinen jüngsten öffentlichen Auftritten. Es ist noch nicht lange her, da moderierte er die zweite Ausgabe des von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt initiierten „Philosophischen Salons“. Mit der streitbaren Philosophin, Literaturkritikerin und Autorin Thea Dorn sprach Joskowitz über ihr neues Buch „Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. Zuletzt lud er ins Restaurant „Emma Metzler“ zum „Philosophischen Dinieren“. Die geladenen Gäste kosteten gemeinsam thailändische Küche und sprachen darüber. „Es ist ein außerakademischer Seminarraum“, sagt Leon Joskowitz über das ungewöhnliche Format. Beim gemeinsamen Speisen, Nachdenken und Sprechen entstehe eine Gemeinschaft. Joskowitz: „Für mich hat das gute Leben sehr viel mit Gemeinschaft zu tun, mit der Präsenz der Menschen in einem Raum und mit dem Austausch, der damit einhergeht.“ Für ihn ist das ein Weg, philosophische Fragen aus dem Elfenbeinturm herauszuholen und zugänglich zu machen. Er will die Philosophie ins Leben holen, sagt Joskowitz. „Philosophisch Dinieren“ ist für Leon Joskowitz auch ein Weg, über eine sinnliche Ästhetik nachzudenken, eine Verbindung kulinarischer und philosophischer Fragen herzustellen. Gerade arbeitet er an einem Buch zum Thema. Seit kurzem hat Joskowitz auch eine private kulinarische Gemeinschaft etabliert. Freitags lädt er Freunde zum Essen und Kerzen anzünden ein – „als Form des Zusammenseins, der Beruhigung, des guten Essens und des Weins“. Nicht zufällig nennt er den Schabbat, den jüdischen Ruhetag, der am Freitagabend beginnt, als Bezugspunkt. Joskowitz stammt aus einer jüdischen Familie, er ging in die Lichtigfeld-Schule der Jüdischen Gemeinde im Frankfurter Nordend: „Das Jüdische ist für mich ganz normal.“ Wenn andere hören, dass er jüdisch ist, beobachtet Joskowitz „eine Mischung aus Begeisterung, Neugierde und Irritation“. Antisemitismus habe er nie erlebt. Er habe deshalb auch keine Angst davor. Die religiöse Dimension des Judentums ist Joskowitz indes fern: „Ich bin Philosoph, ich glaube nicht an einen Schöpfer, der die Welt gemacht hat.“ Gleichwohl beeindruckt es ihn tief, wenn er darüber nachdenkt, welch große Geister Juden waren.

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