+
Das Vorlesen in der Kita wird immer wichtiger, da Eltern zu Hause oftmals keine Gute-Nacht-Geschichten mehr erzählen.

Verlagswelt

Lesen wir bald keine Bücher mehr?

  • schließen

Dem Buch geht es nicht gut. Ist es zu retten, und wie? Vor einer Antwort auf die Frage muss ein anderes Rätsel gelöst werden: Warum geht es dem Buch nicht gut?

In jüngster Zeit kursieren unschöne Zahlen, und die Abgesänge auf die Buchkultur werden zahlreicher. . Viel schlimmer jedoch: Statistiken lassen vermuten, dass es heute in Deutschland sechs Millionen Leser weniger gibt als vor fünf Jahren.

Noch eine weitere Zahl geistert durch die Verlagswelt. Es ist zwar schwer, sie zu verifizieren, aber bemerkenswert, dass niemand widerspricht: Ein Buch zu bewerben bedarf heute des doppelten Aufwandes wie noch vor wenigen Jahren.

Um die 90 000 Bücher kommen jährlich auf den deutschsprachigen Buchmarkt, Tendenz: eher steigend. Der Umsatz liegt bei ungefähr neun Milliarden Euro. Eine Größe, die seit Jahren mehr oder weniger stabil ist. Siv Bublitz, seit September Programmgeschäftsführerin bei den S.-Fischer-Verlagen in Frankfurt, hat vor wenigen Wochen bei einer Frankfurter Podiumsdiskussion zum Thema gesagt, sie finde es „klasse, dass wir diese 9 Milliarden halten“. Und doch gibt auch diese Zahl Anlass, sich zu sorgen: Denn gehalten werden kann sie nur, indem immer mehr Bücher immer schneller auf den Markt geworfen werden. Entsprechend geringer ist ihre Haltbarkeit, vom Erlös gar nicht zu reden. Der Verleger Philipp Keel (Diogenes) hat die Folgen in der „F.A.Z.“ ebenso drastisch wie knapp beschrieben: „Es verdienen alle nur noch die Hälfte.“

Das ist ein Einbruch, bei dem in jeder anderen Branche die Sirenen laut losheulen würden. Die Buchbranche, die für das Jahr 2017 ein Umsatzminus von zwei Prozent bekanntgeben musste, hüllt sich in Schweigen. Zwar widerspricht Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und zugleich Geschäftsführer der mehr als 40 Osiander’schen Buchhandlungen, jeglichen Augurengesängen: „Wir machen unseren Umsatz nicht nur mit Kochbüchern“, sagte er auf der Frankfurter Podiumsdiskussion und verwies auf Belletristik und Jugendbuch als wichtigste Warengruppen. Und doch gibt auch er zu, „dass eine gewisse Trivialisierung des Buchmarkts stattgefunden hat“. Sprich: Gute Literatur ist allenfalls noch ein Nischenprodukt.

Ein Grund für das

Schweigen der Händler

dürfte sein, dass niemand weiß, warum das so ist. Die am häufigsten genannte Vermutung: Das Internet, ob am Smartphone oder Desktop, stiehlt uns die wertvolle Zeit, uns in ein Buch zu vertiefen. Zum jederzeit verfügbaren Bildschirm gehören Streaming-Dienste wie Netflix, die pausenlos neue spannende Serien in den Äther ballern. Dass die Lust am Internet-Fernsehen die Lust am Lesen ersetzt habe, ist die eine These. Jüngst hat sie Astrid Herbold im „Tagesspiegel“ vertreten. Die andere lautet, dass wir vielfach Abgelenkten nicht mehr in der Lage und auch nicht willens seien, uns der Anstrengung auszusetzen, einem Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu folgen. Die Aufmerksamkeitsspanne, die dies erfordert, dürfte um ein Vielfaches über dem Anklicken eines Kurztextes oder einer Bilderstrecke im Internet liegen.

Fast wie ein Trost wirkte in dieser Lage folgendes Zitat: „Das Buch gehört augenblicklich zu den entbehrlichsten Gegenständen des täglichen Lebens. Man treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abende am Radio oder im Kino.“ Ein Trost deswegen, weil es sich dabei um einen Befund von Samuel Fischer aus dem Jahr 1926 handelt. Von Siv Bublitz bei der erwähnten Diskussion vorgelesen, besagte er im Grunde: Seht her, so war es schon immer.

Doch taugt die Kontinuität der Klage, um über die

Brisanz der Lage

hinwegzutrösten? Dagegen spricht nicht nur die Macht, mit der sich unser aller Lese- und Lebensgewohnheiten in den letzten drei Jahrzehnten radikal verändert haben. Dagegen sprechen auch sehr alltägliche Erfahrungen. Sich über den „Tatort“ vom vergangenen Wochenende auszutauschen gelingt mühelos, und wer auf Partys über „House of Cards“ oder „Four Blocks“ spricht, findet jederzeit aufmerksame Zuhörer. Ein Buch zu finden, das als gemeinsames Gesprächsthema taugt, ist hingegen oft unmöglich.

Der Befund liegt auf dem Tisch. Grundsätzlich ändern daran auch Social-Reading-Plattformen und herkömmliche Lesekreise nichts. Jörg Sundermeier, Verleger des Berliner Verbrecher-Verlags und Mit-Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung, einer Interessenvertretung der unabhängigen Verlage, plädiert für eine Profilschärfung, bleibt dabei aber vage: „Auf gewisse Fragen haben Netflix oder Maxdome keine Antwort“, sagte er jetzt dem Deutschlandradio. Die Erklärung, welche das seien, blieb er allerdings schuldig. Jörg Bong, verlegerischer Geschäftsführer der S.-Fischer-Verlage, haut in dieselbe Kerbe, wenn er dem Buch, wie jetzt in einem „F.A.Z.“-Artikel, attestiert, anders als ein Tweet könne es „den Dingen auf den Grund“ gehen und einer „hyperkomplexen Realität“ genügen.

Doch auch Bong weiß nicht, wie man die Mühe, die das Lesen kostet, wieder schätzenswert und das Buch somit konkurrenzfähig macht. Dass kein Tweet je einem komplexen Buch das Wasser reichen kann, dürfte sogar Analphabeten einleuchten. Und trotzdem lassen sich Bücher nicht „verordnen“. Wo aber Verordnungen nicht greifen, bleibt nur die Arbeit der Erziehung und Überzeugung. Damit die aber gelingen kann, müssen wir genau wissen und erklären können, was das Buch besser kann als jedes andere Medium. Das herauszuarbeiten wäre das Gebot der Stunde. Die immergleiche Beschwörung von „Demokratie“ und „grundlegenden Werten“ bleibt viel zu vage.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare