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Liebe, Sex und Eifersucht

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Ensemblemitglied Paula Murrihy gibt ihr Carmen-Debüt.
Ensemblemitglied Paula Murrihy gibt ihr Carmen-Debüt. © Barbara Aumüller

Georges Bizets populäres Musikdrama "Carmen" wird an der Frankfurter Oper neuinszeniert. Die Titelpartie übernimmt die Mezzosopranistin Paula Murrihy.

Von BIRGIT POPP

Wenn am kommenden Sonntag die Oper „Carmen“ von Georges Bizet (1838–1875) als Neuinszenierung auf die Bühne der Oper Frankfurt kommt, dann hat eines der seit seiner Pariser Uraufführung 1875 weltweit meistgespielten Opernwerke Premiere. Kaum eine andere Oper dürfte auch denen, die keine Klassikfans sind, zumindest vom Namen her so geläufig sein wie die „Carmen“. Bereits bei der Programmvorstellung der laufenden Spielzeit hatte der Frankfurter Intendant Bernd Loebe darauf verwiesen, dass beim Leitungsteam mit Constantinos Carydis (Musikalische Leitung) und Barrie Kosky (Regie) keine traditionelle „Carmen“-Inszenierung zu erwarten sei.

Dabei war Bizets Oper bereits zahlreichen, teils freiwilligen, teils erzwungenen, Bearbeitungen durch den Komponisten unterzogen worden, bevor sie am 3. März 1875 mit wenig Erfolg an der Pariser Opéra Comique uraufgeführt wurde. Zu schockierend war die für die damalige Zeit „unmoralische“ Handlung dieser tragisch endenden Oper. Erst nach weiteren Überarbeitungen und der Umwandlung der Dialoge in Rezitative trat die Oper mit ihren mitreißenden und eingängigen Melodien ihren weltweiten Siegeszug an, den der drei Monate nach ihrer Uraufführung verstorbene Bizet aber nicht mehr miterleben konnte.

Bandit und Mörder

Die freiheitsliebende, feurige, spanische Zigeunerin wurde zum Sinnbild der verführerischen Femme fatale. Dabei hatte Bizet, vor allem aus dramaturgischen Gründen, gegenüber der Novelle „Carmen“ (1845) von Prosper Mérimée, die die Geschichte aus der Sicht des zum Tode verurteilten, aus Liebe zu Carmen vom Militär desertierten und zum Banditen und Mörder gewordenen ehemaligen Sergeanten Don José (in Frankfurt gesungen von Joseph Calleja) erzählt, einige nicht unerhebliche Änderungen vorgenommen. So wurde von Bizet Don Josés Jugendliebe Micaëla (Karen Vuong) und der Stierkämpfer Escamillo (Daniel Schmutzhard) hinzugefügt.

Für Paula Murrihy ist die Premiere der „Carmen“ zugleich ihr Rollen-Debüt als Titelfigur. Die gebürtige Irin, Anny-Schlemm-Preisträgerin von 2011 und seit 2009 Ensemblemitglied des Hauses, hat bereits große Erfolge an der Oper Frankfurt gefeiert, etwa als Dido in „Dido and Aeneas“ oder als Octavian in Strauss’ „Rosenkavalier“. Ihre Begeisterung und Leidenschaft für Musik und Schauspiel kann Paula Murrihy als Carmen, in einer Oper, die nicht nur vom damaligen Spanien-Faible der Franzosen, sondern auch vom beginnenden Verismo geprägt ist, vollends ausleben. „Es ist toll und macht so viel Spaß und Freude, als Schauspielerin Carmen auf die Bühne zu bringen“, sagt sie.

Brutal und machtbewusst

„Gemeinsam mit Regisseur und Dirigent entwickeln wir eine vielschichtige Figur und keine stereotype, wie das häufig bei Carmen der Fall ist“, so Murrihy. „Ich bin überzeugt, dass sie einen sehr facettenreichen Charakter hat. Carmen ist nicht nur gut aussehend, sexy, brutal und machtbewusst. Wir versuchen, die vielen Seiten von ihr herauszuarbeiten. Und natürlich benutzt sie ihr eigene Stärke und ihren Charme, um ihre Ziele zu erreichen.“

Bis zu einem gewissen Grad, so ist Paula Murrihy überzeugt, liebt Carmen Don José auch wirklich. „Wenn sie singt ,Je suis amoureuse‘ (Ich bin verliebt), dann ist sie dies auch wirklich“, so Murrihy. „Ich denke, sie liebt in diesem Moment einen Teil von Don José. Aber ich glaube nicht, dass es echte Liebe ist, auch nicht zu Escamillo“, gibt die Interpretin zu bedenken. „Carmen liebt Freiheit, Natur, Unabhängigkeit. Sie ist eine sehr spontane Person. Für den Moment findet sie aber etwas sehr Faszinierendes an Don José.“ Eine Figur auf der Bühne zu verkörpern, von der jeder eine ganz konkrete Vorstellung besitzt, der Gedanke war auch für Paula Murrihy anfangs nicht einfach. „Als ich vor drei Jahren angefragt wurde, diese Rolle zu singen, da fand ich das ganz toll. Aber andererseits war natürlich auch eine gewisse Angst und auch Druck da“, so Murrihy. „Was denkt man über diese Frau? Wie kann man sie darstellen?“

Aber dann ist Paula Murrihy zur Überzeugung gelangt: „Ich kann nur ich selbst sein, und ich muss meinen Weg finden, Carmen zu interpretieren.“ Und den hat die Sängerin auch gefunden. „Ich habe mich der Figur vom Text her genähert“, erzählt sie. „Bei einer Oper wie ,Carmen‘ ist der Text besonders wichtig. Über den Text wurde die Rolle zu meiner.“

Spontan und verwundbar

Musikalisch sei Carmen gar keine Einzelgängerin. Vielmehr sei sie in zahlreiche Ensemblenummern, Quintette und Duette eingebunden, so Murrihy. „Sie ist eine von der Truppe, keine Heldin.“ Paula Murrihys Carmen trägt deshalb sehr menschliche Züge. „Sie liebt das Leben. Sie besitzt eine wunderbare Energie. Sie liebt es, im Moment zu leben, spontan zu sein, das ist faszinierend“, beschreibt die Sängerin ihre Rolle. „Aber eine ihrer Facetten ist auch die Verwundbarkeit. Carmen fühlt sich, zumindest zeitweise, sehr einsam“, so Murrihy. „Sie würde auch gerne die wahre Liebe finden, aber das ist ihr bisher noch nicht gelungen. Vielleicht glaubt sie es für einen Moment in der Taverne, als sie mit Don José alleine ist. Aber dann ertönt der Zapfenstreich, und Don José sagt, er müsse nun gehen. Da ist sie wirklich enttäuscht und wütend“, beschreibt Paula Murrihy eine Schlüsselszene der Oper.

Ein anderer Moment, in dem die verwundbare, menschliche Seite von Carmen hervorkommt, sei die „Karten-Arie“. „Hier hat Carmen auch eine gewisse Angst vor einer unheilvollen Bedrohung, wie, wenn eine Gewitterwolke aufzieht“, sagt Murrihy. „Aber ihr Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit ist stärker.“

Oper Frankfurt, Willy-Brandt-Platz. Premiere 5. Juni, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen bis 16. Juli. Karten von 19 bis 165 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94. Internet

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