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Die Liebe ist schön und gefährlich

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Von: Michael Dellith

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Die Neuinszenierung der „Carmen“ am Frankfurter Opernhaus spielt gekonnt mit den Erwartungen des Publikums und verzichtet fast ganz auf Folklore-Tand.

Es sollte eine „Carmen“ werden, „wie man sie noch nie gesehen hat“, prophezeite Regisseur Barrie Kosky vor der Premiere. Und genau so war es denn auch: Wer eine feurige Zigeunerin mit schwarzen Haaren und Ohrringen erwartet hatte, der wurde gewiss enttäuscht von Koskys Frankfurter Neuinszenierung dieses Opern-Klassikers. Kosky, gefeierter Intendant der Komischen Oper Berlin, abstrahiert den „Carmen“-Stoff fast ganz vom spanischen Kolorit, verzichtet auf überflüssigen Folklore-Tand und überführt die tödlich endende Geschichte um Liebe, Leidenschaft und Eifersucht ins Zeitlose, ins Allgemeingültige. Und das funktioniert hervorragend – dank einer ausgefeilten, von der Musik inspirierten Personenführung, einer überschäumenden Spiellust von Chor, Kinderchor und Solisten, hochkarätigen Gesangsleistungen, einem ebenso grandios wie klanglich feinsinnig aufspielenden Opernorchester und raffinierten Tanzeinlagen.

Riesige Besetzung

Kosky und seiner Bühnenbildnerin Katrin Lea Tag, die auch die schwarz-weißen Kostüme entwarf, die bei den Damen nur in Andeutung das Spanien-Flair mit den typischen Volants zitieren, reicht eine breite Treppe als Kulisse. Sie ist Zuschauertribüne und Showtreppe zugleich und bietet genügend Raum, die riesige Besetzung sinnvoll auf der Bühne zu verteilen. Dabei haben Kosky und sein Team sich von den Ursprüngen der „Carmen“-Oper inspirieren lassen, die ja in der Pariser Opéra Comique uraufgeführt wurde – vor einem Publikum, das vor allem unterhalten werden und auch etwas zu lachen haben wollte. Diesen Ansatz verfolgt Kosky bei seiner Frankfurter Inszenierung konsequent, wenn er die Oper in Revue-artigen Szenen auf die Bühne bringt. Es wird gesungen, getanzt und gejuchzt, was das Zeug hält, bis hin zur Persiflage auf das Torero-Lied – aber immer passend zur Musik, die auch einige Nummern bietet, die sonst nie gespielt werden.

Faszinierend wirkt auch die Frauenstimme aus dem Lautsprecher-Off, die statt der Rezitative die Handlung erzählt. Doch Koskys „Carmen“-Revue ist keine oberflächliche Unterhaltungsshow. Immer wieder bricht der Ernst ins turbulente Treiben ein – dann, wenn echte Gefühle mit ins Spiel kommen. Und in diesen Momenten laufen die Sänger zur Höchstform auf, allen voran Paula Murrihy in der Titelrolle, die ihre Partie als Femme fatale nicht aufgesetzt, sondern ganz natürlich interpretiert. An ihrer Seite braucht Joseph Calleja als Don José auch keinen übertriebenen Heldentenor zu mimen. Vielmehr nimmt Calleja mit lyrischer Emphase und Ausdruckskraft ein. Mit liebreizender Anmut gibt Karen Vuong das unschuldig in Weiß gekleidete Bauernmädchen Micaëla, und Daniel Schmutzhard verleiht seinem Stierkämpfer Escamillo im Sinne der Regie zuweilen parodistische Züge. Wunderbar quirlig agieren Kateryna Kasper und Elizabeth Reiter als Frasquita und Mercedes. Sebastian Geyer, Michael Porter und Kihwan Sim ergänzten die kleineren männlichen Rollen fabelhaft. Ein Riesen-Kompliment gebührt den Tänzern für ihre akrobatisch-witzigen Einlagen in der Choreographie von Otto Pichler!

Behutsame „Habanera“

Welche Stimmkraft, aber auch welches Feingespür für kultiviert-differenziertes Singen in den Frankfurter Opernchören steckt, das zeigten der von Markus Ehmann bestens vorbereitete Kinderchor und der von Tilman Michael exzellent betreute Erwachsenen-Chor. Das höchste Lob bei dieser Premierenaufführung aber geht an Constantinos Carydis am Dirigentenpult, der das Opernorchester zu knackig-schmissigem Aplomb, vor allem aber zu dynamisch und klanglich sensibler Ausgestaltung anspornt. Schlager-Nummern wie etwa die „Habanera“ werden ganz behutsam entwickelt und nicht dem billigen Effekt geopfert.

Am tragischen Ende der Oper, die ja zeigen will, wie schön, aber auch wie gefährlich Liebe sein kann, setzt Kosky eine inszenatorische Pointe, die hier freilich nicht verraten wird. Der stürmische Applaus des Publikums für diesen „Carmen“-Geniestreich kannte kaum ein Halten, und die Buhrufe für das Regie-Team wurden vom allgemeinen Bravo-Jubel übertönt.

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