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Die britische Indie-Band The xx stand am Sonntag (26.02.2017) in der Jahrhunderthalle in Frankfurt auf der Bühne.

Sanfter Elektro-Pop in Frankfurt

The XX live in Frankfurt: Liebe liegt in der Luft

Über den Düster-Pop von „The XX“ sprechen derzeit alle. Zu Recht! Jetzt hat das Trio ein himmlisches Konzert in der aus allen Nähten platzenden Jahrhunderthalle abgeliefert.

Irgendwas hat sich im Sound von „The XX“ verschoben: Bisher war das britische Trio für Trauerflor und Depressions-Bewältigung bekannt. Dezenter Beat, traurige Gitarren, sanfter Gesang – zwei Alben ging das so, rund acht Jahre lang, und die Jugend flippte im Internet aus. Millionenfache Klicks und Kommentare unter Videos und Facebook-Postings.

„The XX“ waren Trendsetter für die neue Innerlichkeit in der Popmusik. Traurigkeit war nun wieder das Maß der Dinge – vielleicht ein bisschen so, wie man das einst mit „The Cure“ erlebt hatte. Plötzlich liefen alle wieder mal in Schwarz herum und guckten bei Konzerten auf ihre dunklen Turnschuhe. Die Spezialisten nannten diese Musik „Schlagzeuglosen Post-Punk“. Selbst Karl Lagerfeld war Fan und spannte die blutjunge Gruppe für Mode-Zwecke ein.

Der Schock dann jetzt im Januar: „The XX“ veröffentlichen mit „I See You“ ein einigermaßen fröhliches Album. Unsicherheit weicht Selbstbewusstsein, aus Selbstzweifel wird Selbstgewissheit. Dazu die unverschämt souveränen und cremigen Stimmen von Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist Oliver Sim, die sich plötzlich sogar an süßliche „Beach-Boys“-Melodien wagen und über Liebe statt Leid singen.

Aber – die Wege der Pop-Musik sind unergründlich – auch die neue Linie funktioniert. Grandios sogar: „The XX“ landeten mit ihrem dritten Album auf dem ersten Platz der deutschen Charts und, na klar, das Konzert in der Jahrhunderthalle war ratzfatz ausverkauft. Und um gleich mal klar zu machen, dass das keine Depri-Veranstaltung wird, tänzeln „The XX“ in Frankfurt auf die vernebelte Bühne, recken die Hände in die Höhe und spielen als Eröffnung ihren neuen Hit „Say Something Loving“. Das Publikum hüpft, juchzt, feiert. Hier ist niemand gekommen, um Frust zu schieben. Die Leute wollen einen fröhlichen Abend verbringen.

Diese Erwartung wird erfüllt, denn „The XX“ haben die Seiten gewechselt. Die flotten Breakbeats von Elektro-Tüftler Jamie Smith gehen nach vorne, die Gitarre von Romy Madley Croft hat einen schönen Hall-Effekt. Dazu macht Oliver Sim interessante Tanzbewegungen. Die Musik ist klassischer Blue-Eyed-Soul in zeitgeistiger Produktion. Wäre Oliver Sim in den Vierzigern auf die Welt gekommen, er würde mit Van Morrison um die schönste Watte-Stimme konkurrieren. Und so ist das Frankfurter Konzert von „The XX“ ein rund zweistündiger Siegeszug. Selbst die dunklen Songs der ersten beiden Alben „XX“ (2009) und „Coexist“ (2012) haben eine überraschende Leichtigkeit und liegen plötzlich nicht mehr so schwer im Magen.

Die Bühne ist schick eingerichtet: An der Seite stehen gigantische Silber-Stehlen, die sich munter drehen.

Neonlichter leuchten

, und von irgendwo kommt immer ein bisschen Nebel her. Romy Madley Croft bewegt sich grazil, ihre starke Stimme reicht aus, um in einem kurzen Solostück sämtliche Männerherzen zu brechen. Und das will auch die Musik von „The XX“: bezaubern, einnehmen, überwältigen. Da ist so viel Positives in der Luft während dieses Konzerts, man möchte vor Glück seufzen. Und das ist dann auch das Wunderbare, denn: Damit war nicht zu rechnen. Bisher kannte man das Trio als Leisetreter, die bei Konzerten nur verhuschte Ansagen ins Mikrofon nuscheln. Und jetzt das: „Frankfurt! We love you!“ Dazu ein vergnügtes Grinsen.

Zum Abschluss lässt es Jamie Smith von seiner DJ-Kanzel aus noch mal so richtig krachen: Der Beat wird lauter, übersteuert, überdreht. Szenen wie in einem Techno-Club. Doch plötzlich schält sich die unverschämt eingängige Melodie des Liebeskummer-ist-vergessen-Songs „On Hold“ aus dem Rhythmus-Gewitter und noch einmal singt die gesamte Jahrhunderthalle: „I don’t blame you / We got carried away“. Das ist wunderschön. Am Ende liegt sich das Publikum vor Freude in den Armen.

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