Frankfurter Positionen

Lohnsklaven, Schwarzarbeiter, Billiglöhner bei Positionen-Biennale

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Das „Festival für neue Werke“ widmet sich von Januar an Dialog und Sprachlosigkeit in der Gesellschaft unserer Tage.

Sechzehn Tage, vom 24. Januar bis 8. Februar 2019, währt das Festival. Es stellt neue Auftragswerke von Künstlern zum Thema „Grenzen der Verständigung“ vor, ergänzt um Vorträge im Rahmen einer „Langen Nacht der Sozialforschung“ (1. Februar) und im Mousonturm („Frankfurter Positionen Extra“). 2001 begründet, findet die „Positionen“-Biennale in neunter Auflage statt: im Künstlerhaus Mousonturm, Schauspiel Frankfurt, Frankfurt-LAB und MMK Museum für Moderne Kunst. Als Produzenten sind auch Theater von Berlin über Marburg bis Stuttgart beteiligt.

Zu erleben sind elf Ur- und Erstaufführungen: vier Theaterstücke, zwei Theater- und eine Tanz-Performance, ein Tanzstück, zwei Konzerte, eine Ausstellung der 28-jährigen Amerikanerin Bunny Rogers im Zollamt MMK (Eröffnung 25.). Die Auswahl der Künstler oblag Fachjurys, die sich auf Themen-affine Künstler verständigten und diese um Beiträge baten.

„SKLAVEN LEBEN“ von Konstantin Küspert zum Beispiel (26. und 27., Schauspiel). Zerstoben scheint der Optimismus der 1960/1970er, als man Sklaverei als Anachronismus sah, der bald völlig verschwinde. Küspert, zugleich Dramaturg im Schauspiel Frankfurt, lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass in der Welt von heute wirklich Sklaven leben, dass auch im Westen viele Menschen auf ein Sklavenleben reduziert sind. Manche verkommen als „Freie“ oder Schwarzarbeiter ohne Tarifbindung zu echten Lohnsklaven. Zimmermädchen gelten nicht wenigen Hotelgästen in den Metropolen als Reservoir für Sexarbeit. „Ich hab’ noch nicht einen Sklaven in Katar gesehen“, zitiert Küspert den WM-Apologeten Beckenbauer – ein bequemes Missverstehen, das er ebenso problematisiert wie die Arbeiterheere und Arbeitslager Asiens, die unsere Pullover und andere Waren herstellen.

Die Perspektive auf Demokratie und Wahrheit am Institut für Sozialforschung erweitert sich Richtung Kunst, wenn Festivalkünstler als Gastdozenten der Goethe-Universität und der Hochschule für Musik und Darstellende Künste (HfMDK) fungieren. Unter den Theaterstücken sind Ferdinand Schmalz’ „Der Tempelherr“ (im Schauspiel), Jetse Batelaans Jugendstück „(. . .)“ (Mousonturm) und Nis-Momme Stockmanns „Das Imperium des Schönen“ (Schauspiel). Mal geht es da, vielleicht in Anspielung auf Lessings „Nathan “, um einen Tempelbau, mal um jugendliche Schwellenängste, dann um ein „Lost-in-Translation“-Gefühl reisender Brüder und Frauen in Japan, das sich eng am Thema mit der „Fake-News“-Polemik berührt. Theatermacher Daniel Cremer bastelt in „Das Wunder der Liebe“ (Mousonturm) an deren Einsatz als Mittel zu einer Gemeinschaft kollektiven Nicht-Verstehens. Nicolas Henry reagiert in „A Place in the Sun“ (Frankfurt-LAB) auf Kostümparaden in New Orleans und Namibia, wo rückblickend Unterdrückte Unterdrücker mimen. Bei Susanne Zaun und Marion Schneider schlüpft ein Frauenchor in die Haut Helmut Kohls, denn: „Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen“ (Mousonturm). Lia Rodrigues’ Tanzstück „Fúria“ eröffnet das Festival am 24. im Mousonturm (auch am 25., 26.).

Der Komponist Pascal Dusapin nutzt mit Ensemble Modern und „Ircam“ siebzig Lautsprecher, um in „Lullaby Experience“ Wiegenlieder aus aller Welt ertönen zu lassen (im LAB). In „Crossing Roads“ (Mousonturm) tut sich das Ensemble mit „Bridges“ zusammen, damit zeitgenössische Musik mit Klängen aus Syrien, Iran, der Mongolei und Eritrea die Grenzen der Verständigung teste.

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