Der Franzose Adrien (Pierre Niney) wird von Schuldgefühlen begleitet, als er Anna (Paula Beer) kennenlernt, die Witwe seines gefallenen Kriegskameraden Frantz. Noch schwieriger wird es, als sich Anne in ihn verliebt.
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Der Franzose Adrien (Pierre Niney) wird von Schuldgefühlen begleitet, als er Anna (Paula Beer) kennenlernt, die Witwe seines gefallenen Kriegskameraden Frantz. Noch schwieriger wird es, als sich Anne in ihn verliebt.

Interview mit François Ozon

"Lügen können auch heilen"

Regisseur François Ozon erzählt in „Frantz“ von einer deutschen Soldatenwitwe, die sich in einen Franzosen verliebt, angeblich Kriegskamerad ihres gefallenen Mannes.

François Ozon gehört zu den namhaftesten Filmemachern Frankreichs. Der Regisseur und Drehbuchautor hat kein bestimmtes Dauerthema. Seine Filme erzählen von verschwundenen Menschen („Unter dem Sand“), von verqueren Liebesbeziehungen („8 Frauen“) oder von Kindern, die sich in Engel verwandeln („Ricky – Wunder geschehen“). „Frantz“ ist nun eine Geschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert und deshalb in Schwarz-Weiß gedreht. Deutschland kurz nach dem Ersten Weltkrieg: Die junge Anna, gespielt von Paula Beer, die bei den jüngsten Filmfestspielen Venedig als beste Nachwuchsschauspielerin dafür ausgezeichnet wurde, hat ihren Ehemann Frantz in Frankreich auf den Schlachtfeldern verloren. Als sie den Franzosen Adrien kennenlernt, der vorgibt, mit Frantz befreundet gewesen zu sein, verliebt sie sich in ihn. Martin Schwickert sprach mit François Ozon (48) über diesen Film zum geschichtsträchtigen deutsch-französischen Verhältnis.

Monsieur Ozon, was hat Sie dazu gebracht, diese Geschichte um Trauer und Verlust nach dem Ersten Weltkrieg aus deutscher Perspektive zu erzählen?

FRANÇOIS OZON: Vor allem wollte ich zunächst eine Geschichte über Geheimnisse und Lügen in schmerzlichen Zeiten erzählen. Wir leben heute in einer Zeit, in der man besessen ist von Wahrheit und Transparenz. Ich wollte zeigen, dass Geheimnisse und Lügen durchaus auch heilsam sein können. Dann hat mich ein Freund auf das Theaterstück von Maurice Rostand hingewiesen, das auch schon von Ernst Lubitsch verfilmt wurde. Das hat mich anfangs abgeschreckt, aber als ich das Stück gelesen und den Film gesehen hatte, stellte ich fest, dass beide aus der Sicht des jungen Franzosen erzählen. Mich interessierte aber die Perspektive der jungen deutschen Kriegswitwe Anna sehr viel mehr. Ich wollte auf der Seite der Verlierer stehen und habe den erzählerischen Blickwinkel komplett geändert.

Ihr erster Film „Tropfen auf heiße Steine“ war eine Hommage an Rainer Werner Fasxbinder. Haben Sie ein besonderes Faible für deutsche Kultur?

OZON: Deutschland war das erste fremde Land, in das ich als Kind gereist bin. Wenn man die Sprache nicht versteht, ist so eine andere Kultur ja erst einmal ziemlich seltsam. Ich stamme aus einer Pariser Familie mit vier Kindern und kam in eine Hamburger Familie mit vier Kindern. Die lebten in einem großen Haus, das für mich wie aus einem amerikanischen Film aussah. Die Kinder waren viel freier, kamen mittags schon aus der Schule, machten viel Sport, aßen abends einfach belegte Brote und nicht ein komplettes Menü wie bei uns zu Hause. Das sind die Details, auf die man als Kind achtet, aber natürlich habe ich Deutschland seitdem ein wenig besser kennengelernt.

Was hat Sie an dieser besonderen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg interessiert?

OZON: Eigentlich war es weniger die historische Epoche, die mich reizte, als die Intimität zwischen den Figuren. Trotzdem habe ich natürlich ausführliche Recherchen gemacht. Der historische Zusammenhang musste stimmig sein, damit die Geschichte glaubhaft wird. Schuld ist die treibende Kraft in dieser Geschichte. Der junge französische Kriegsveteran Adrien wird von seinen Schuldgefühlen fast aufgefressen, bringt dadurch aber auch einen Versöhnungprozess in Gang... Adrien verharrt im Gefühl der Schuld. Eigentlich kommt er nach Deutschland, um sein Schuldgefühl zu befrieden. Aber letztlich ist er nicht in der Lage, sich von der Schuld zu lösen. Das hat fast etwas Neurotisches, wie er darauf beharrt. Das hindert ihn letztlich auch daran, Annas Liebe zu akzeptieren. Aber für mich ist dieses Verharren in der Schuld auch letztlich ein Ausdruck für die latente Homosexualität, die in der Figur steckt.

Obwohl der Vater von Frantz eigentlich nicht im Zentrum steht, scheint die Figur die stärkste Entwicklung durchzumachen...

OZON: Am Anfang ist der Vater von einer gewissen deutschen Strenge durchdrungen, aber diese Härte hat auch etwas mit seinen Schuldgefühlen zu tun. Schließlich hat er Frantz in den Krieg geschickt, obwohl sein Sohn eigentlich Pazifist war. Mit dieser Schuld muss er erst einmal klar kommen. Adrien wird für ihn dann eine Art Ersatzsohn. Für mich ist die schönste Szene des Films, wenn der Vater im Gasthof mit den anderen Vätern über die Schuld spricht, die sie als Generation auf sich geladen haben. Er macht deutlich, dass es auf deutscher wie französischer Seite die Väter waren, die ihre Söhne in den Tod geschickt haben. Diese Szene habe ich direkt aus Lubitschs Film übernommen, weil sie mir so gut gefiel.

Die Geschichte zeigt, dass diese Schuldkomplexe nie richtig aufgearbeitet wurden. Sehen Sie darin eine Ursache dafür, dass Deutschland 20 Jahre später in einen weiteren Weltkrieg gezogen ist?

OZON: Michael Hanecke hat ja in „Das weiße Band“ gezeigt, wie es zu dem Aufstieg des Nazismus in Deutschland gekommen ist. Soweit gehe ich mit meinem Film nicht, aber ich zeige gewisse Prämissen, die 1919 nach dem Ersten Weltkrieg gesetzt wurden. Mir war es wichtig zu zeigen, wie auf der einen Seite die Deutschen unter der Niederlage des Ersten Weltkrieges leiden und auf der anderen die Franzosen zwei Millionen Tote zu beklagen haben, sich jedoch als Sieger fühlen und einen starken Revanchismus vertreten.

Vom 29. September an in den Kinos

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