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Sidonie-Gabrielle Colette (Keira Knightley) schreibt in ihren ?Claudine?-Romanen ihre eigenen Erlebnisse auf, die allerdings unter dem Namen ihres Mannes veröffentlicht werden. So lange, bis die junge Ehefrau sich dagegen zu wehren beginnt.

Neues im Kino

Colette: Mädchen vom Land kommt nach Paris

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Der amerikanische Regisseur Wash Westmoreland erzählt, wie die Pariser Schriftstellerin sich aus ihrer unglücklichen Ehe löst und zur Erfolgsautorin wird.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das Schriftstellern ein Männerberuf. Zwar gab es im 18./19. Jahrhundert berühmte Ausnahmen. In Frankfurt etwa spitzte Bettina von Arnim den Federkiel, in Weimar Goethes Herzensfreundin Charlotte von Stein. Im benachbarten Frankreich brachte die geistreiche Madame de Staël Literarisches zu Papier. Doch allein die Tatsache, dass noch die französische George Sand, bekanntermaßen Lebensgefährtin des Komponisten Fréderic Chopin, sich einen männlichen Vornamen gab und Herrenanzüge trug, um ihre Romane überhaupt angemessen veröffentlichen zu können, macht klar: Die Hosen hatten seinerzeit in Wahrheit ganz andere an.

Dass Sidonie-Gabrielle Colette, geboren 1873, überhaupt zur berühmtesten, beliebtesten, verehrtesten, meistgelesenen und meistverkauften Schriftstellerin Frankreichs wurde, hat sie allein sich selbst, ihrer Unbeugsamkeit und ihrer schöpferischen Kraft, zu verdanken. Nur so lässt sich ihr Erfolg erklären, und nur so ergibt er auch einen Sinn in dem Film „Colette“, der die Autorin durchs Leben begleitet, von der Kindheit in einem Dorf in Burgund bis zu den großen Auftritten in der mondänen Hauptstadt Paris mit seinen Salons, seinen Bällen, seinen Champagnerfesten, seinen gesellschaftlichen Aufstiegen und Abstürzen.

Großes Staatsbegräbnis

Colettes letzte Jahre samt der schweren Krankheit und der Zusammenarbeit mit namhaften Autoren wie ihrem Zimmergenossen Jean Giraudoux hätten sich dramaturgisch zwar noch gut angefügt, bleiben aber ausgespart. Warum, ist nicht ersichtlich. Die Schriftstellerin starb mit 81 Jahren 1954 in Paris. Als erste Frau Frankreichs erhielt sie ein Staatsbegräbnis.

Eheliche Kränkung

„Vertrau auf dich selbst“, rät Mutter Colette, eine beherzte Offiziersehefrau, ihrer Tochter, als deren Ehe mit dem selbstherrlichen Autor und Verleger Gauthier-Villar, genannt Willy, ins Unglück führt. Doch da ist es schon zu spät für die Ermunterung. Colette (Keira Knightley) hat bereits jahrelang auf Geheiß ihres Mannes (Dominic West) ihre autobiografischen „Claudine“-Romane geschrieben, Willy sie unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, den riesigen Erfolg für sich allein eingeheimst und das damit verdiente Geld nach Belieben (für sich selbst) ausgegeben.

Erst im letzten Moment setzt Colette, zwischenzeitlich durch den Produktionsdruck fast schon zur Kunstfigur ihrer selbst erstarrt, den außerehelichen Liebschaften ihres Mannes die lesbische Liebe zu einer Marquise entgegen und beginnt, sich aus der anhaltenden ehelichen Kränkung zu lösen.

Im wunderschönen Dekor der Belle Epoque spielt sich eine Handlung ab, die emanzipatorischen Anspruch ausstrahlt und von dem amerikanischen Regisseur Wash Westmoreland behutsam mit Bezügen zum Heute ausgestattet wurde. Colette, so zeigt sich nach und nach, erschafft die erste Buchreihe für junge Mädchen und Frauen überhaupt und beeinflusst mit „Claudine“-Kleidern, „Claudine“-Frisuren“ und „Claudine“-Seife die Mode und Lebensart ihrer Zeit so sehr, wie es erst für die spätere Popkultur selbstverständlich werden sollte. „Claudine erwacht“, „Claudine in der Schule“, „Claudine in Paris“ und „Claudine geht“ heißen die fünf Bände, ohne die auch die zehn Bände von Else Urys Backfisch-Romanen um das „Nesthäkchen“ Annemarie gar nicht denkbar wären. Wie diese berühmten Bücher der Berliner Autorin zu Kaiser Wilhelms Zeiten entstanden und im damaligen Deutschland millionenfach Verbreitung fanden, wäre auch eine interessante, aber ganz andere Geschichte, die es erst noch in einem gesonderten Kinofilm zu erzählen gilt. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinema (D+OmU), Metropolis (OF)

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