?Brothers in Tub? heißt diese Aufnahme von Hanne van der Woude. Sie zeigt Ben Joosten und dessen Brüder beim Baden in einem alten Zuber. Ländliche Szenen wie diese hat die Fotografin van der Woude viele aufgetan bei ihren Besuchen in dem Ort Dodewaard, wo Ben und dessen Frau Emmy wohnen. 	Abb.: Van der Woude
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?Brothers in Tub? heißt diese Aufnahme von Hanne van der Woude. Sie zeigt Ben Joosten und dessen Brüder beim Baden in einem alten Zuber. Ländliche Szenen wie diese hat die Fotografin van der Woude viele aufgetan bei ihren Besuchen in dem Ort Dodewaard, wo Ben und dessen Frau Emmy wohnen. Abb.: Van der Woude

Ausstellung im Frankfurter Fotografie-Forum

Männer in Badewannen

Die junge Niederländerin Hanne van der Woude zeigt im Fotografie-Forum ihre Aufnahmen von einem betagten Paar in Ergänzung zum diesjährigen Buchmesse-Schwerpunkt Holland und Flandern.

Drei alte Männer, ganz offensichtlich Brüder, blinzeln vergnügt in die Kamera. Mit ihren grau-weißen, wallenden Bärten und den nackten Oberkörpern sehen sie wie Althippies aus. Dieses Foto zeugt von Freude, Lebenslust und Unbekümmertheit – alles Dinge, die man eher von jungen Menschen kennt. Keine Spur von Gram findet sich in den Gesichtern, die freilich vom Leben gezeichnet sind. Aber Hanne van der Woude hält auch die tiefe Nähe zwischen dem ältesten Mann Ben und seiner Frau Emmy fest, die 50 Jahre miteinander verheiratet waren. Vor sechs Jahren fiel der 28-jährigen Fotografin der 78-jährige Ben Joosten auf der Straße ins Auge, der sich auch gleich bereitwillig fotografieren ließ. So entstanden nach und nach Hunderte Fotos von Ben und Emmy, den Brüdern und ihrem Leben in Dodewaard, einem Ort in der östlichen Mitte der Niederlande.

Weit ab, in Dodewaard

Jetzt ist eine Auswahl von 44 Farbfotos und 18 kurzen Videos im Frankfurter Fotografie-Forum bis 4. Dezember zu sehen. Die Schau ist ein Beitrag zum diesjährigen Ehrengastprogramm „Flandern & die Niederlande“ der hiesigen Buchmesse. Hanne van der Woude hat sich mit dem Paar angefreundet, es oft und für längere Zeit besucht, sogar auf einer Reise begleitet. Von der Stadt Arnheim, wo sie lebt, sind es nur knapp 30 Kilometer bis Dodewaard. Van der Woude arbeitet gern länger an Projekten, sie dokumentiert Menschen in ihrer natürlichen Umgebung. Bereits 2008 erregte sie viel Aufsehen, auch international, mit einer Serie über rothaarige Menschen.

Eine Welt für sich

Auch „Emmy’s World“, so der Titel des jetzigen Projektes, ist mehr als eine bloße Porträtserie. Ohnehin kamen dabei drei Künstler zusammen. Die heute 85-jährige Emmy Eerdmans hat Kunst studiert und zeigt jetzt im Foto-Forum Proben ihres malerischen und zeichnerischen Könnens. Obwohl sie keine Auftragskünstlerin ist, hat sie die Kinder von Königin Beatrix gemalt. Vor fünf Jahren waren ihre Porträts im Haus van der Grinten im nordrhein-westfälischen Kranenburg zu sehen. Die van der Grintens gelten als frühe Förderer von Joseph Beuys. Auch Ben Joosten hat seine Kunst in Deutschland präsentiert, kurz vor seinem Tod 2013 in einer Galerie in der Nähe von Oldenburg. Ben betrieb mit seinen Brüdern lange Jahre eine Bronzegießerei und sammelte nebenher alte Buchdruckpressen. Erst später nutzte er die Buchstaben aus Holz und Blei, um daraus prägnante Grafiken und Plakate zu machen. Auch die Fotografin hat er auf diese Weise 2010 humorvoll porträtiert. Ihr schwarzer Körper ähnelt einem Fotostativ, darüber sind zwei kleine blaue Augen und ein liegendes „O“ für ihre langen Haare – die Kamera aber fehlt. Emmys nebenan hängendes Gemälde wiederum zeigt die Fotografin in ihre Kamera vertieft.

Viel Einfühlung war auch nötig, um in die Märchenwelt des Paares einzutauchen, einem alten Schulhaus mit verwildertem Garten, der Emmys Reich ist. Emmy ist eine Frau, die ihr Leben lebt, ohne sich darum zu scheren, was andere über sie denken. „Ich empfinde Emmys Leben als eine Art Traumwelt, weit weg von der Wirklichkeit, und so wollte ich sie auch porträtieren“, meint die Fotografin im Rückblick. Dass ihr das so markant gelungen ist, liegt auch an der Arbeit mit der analogen Kamera, die mehr Ruhe verlangt, aber dafür bessere Bilder zeitigt. Während Woude die drei Brüder rasch zum Posieren in einem alten Badezuber bringt, ist Emmy anfangs viel verschlossener. Sogar im Garten versteckt sie sich, stellt sich hinter einen Baum oder taucht in die verknoteten Sträucher wie ins Meer ein. Doch in Emmys Umgang mit Ben ist eine anrührende Nähe spürbar. Das zeigt sich an kleinen Gesten, wenn sie sich gegenseitig bei unsicheren Wegen stützen oder auf einer Reise von Etagenbett zu Etagenbett plaudern. Und als der jüngere Bruder Egbert erkrankt, holen sie ihn zu sich und pflegen ihn.

Wenig später trifft die Krebsdiagnose auch Ben. Emmy pflegt ihn aufopferungsvoll, macht sogar eine Serie von Fotos. Diese Nachtaufnahmen verwackelt sie, da sie nicht mit der Kamera vertraut ist – aber die unscharfen Bilder passen zum Sujet eines siechenden und langsam entschwindenden Menschen. Auf einigen Fotos scheint sich der Körper aufzulösen, der Kopf nur noch ein Schädel ohne Augen und Mund zu sein. In diesem intimen, letzten Raum belegen zudem Skizzen von Emmy, dass sie mit dem Bleistift furios-fulminante Porträts hinwerfen kann.

Hanne van der Woude sensibilisiert den Betrachter für das lust- und leidvolle Leben im Alter. Und sie gibt den alten, oft abschätzig betrachteten Menschen ihre Würde zurück. Ein guter Auftakt für Woudes erste Einzelausstellung in Deutschland. Eine junge Frau, ein betagtes Paar, zwei Brüder – selten gehen Bilder so nah.

Fotografie-Forum, Braubachstraße 30–32, 1. Stock. Bis 4. Dezember, dienstags und donnerstags bis sonntags 11–18 Uhr, mittwochs 11–20 Uhr. Englichsprachiger Katalog 30 Euro. Eintritt 6 Euro. Telefon (069) 29 17 26. Internet

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