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Mainzer Tassel, entstanden vermutlich im Rheinland Ende des 10. Jahrhunderts und gefertigt aus Gold mit Saphiren, Amethysten, Perlen und Glas.

Ausstellung

"Mainzer Goldschmuck": Zum Teil echt, zum Teil plump imitiert

Vor 100 Jahren galten die 21 Stücke als Schmuck einer Kaiserin des Mittelalters. Doch das Geschmeide ist nur teils echt, teils aber gefälscht – zu überprüfen im Darmstädter Landesmuseum.

Verworrener könnte die Geschichte nicht sein, schon seit 1880: Damals wurde bei Bauarbeiten in Mainz eine mittelalterliche Adlerfibel gefunden, eine goldene Gewandnadel mit einem abgebildeten Adler oder einem Pfau. Freilich wurde der Fundort des Objektes dreimal korrigiert, von einem Mainzer Vorort über Ingelheim bis zur Mainzer Innenstadt. Doch der Kunstkrimi beginnt jetzt erst, denn 1886/87 tauchten weitere Stücke bei Wiesbadener Kunsthändlern auf, darunter Ohrgehänge, Ringe, Goldketten und eine kleinere Adlerfibel.

Erworben hat all das der Darmstädter Baron Maximilian von Heyl. Der kunstsinnige Millionär gab sich mit der Behauptung zufrieden, dass es sich wohl um den Schmuck einer Fürstin oder Kaiserin aus dem 11. Jahrhundert handele. Beweise forderte er nicht. Aber der Baron hat ein gutes Geschäft gemacht. 18 000 Reichsmark hatte er für den Schmuck bezahlt, der ihm 1912 von Stiftern für das Deutsche Museum in Berlin abgekauft wurde – für 300 000 Reichsmark. Der Berliner Museumsmann Wilhelm von Bode hatte das Ensemble als Schmuck der Kaiserin Gisela (um 990-1043) deklariert, der Ehefrau von Kaiser Konrad II.

Aus der Sensation wurde bald ein Mythos: Die Krone des Römischen Reiches lag zwar in Wien, aber der Schmuck einer Kaiserin in Berlin. Heute ist unklar, wer den „Giselaschmuck“ tatsächlich getragen hat. Dafür ist klar, dass einige Stücke verfälscht oder gefälscht wurden. Und selbst die echten Stücke entstanden über einen Zeitraum von 150 Jahren, sie zählen aber „zu den besten Goldarbeiten des 10. bis 12. Jahrhunderts“, meint Theo Jülich, Chef des Darmstädter Landesmuseums. Dort sind jetzt alle 21 Objekte bis 11. März wiedervereinigt. Das meiste kommt aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum; Mainz hat noch die große Adlerfibel, Darmstadt zwei weitere Fibeln.

Schon seit 1999 weiß man, dass die zwischen 1880 und 1904 aufgetauchten Schmuckstücke nicht als gemeinsamer Hortfund in Mainz anzusehen sind, vielmehr von Kunsthändlern aus Mainz, Wiesbaden und Frankfurt zusammengetragen wurden. Aber erst jetzt ergaben technologische Untersuchungen, dass zwei große Halsketten aus vielen neuen und wenigen antiken oder mittelalterlichen Elementen kombiniert wurden. Und die kleine Adlerfibel ist eine arg plumpe Imitation der großen Fibel. Aus alt mach neu – so lässt sich der Kunstkrimi auf eine prägnante Formel bringen.

Freilich wird nicht jeder Besucher sofort zwischen echten und falschen Geschmeide unterscheiden können. Zumindest der fast 35 Zentimeter lange Brustschmuck entpuppt sich als grobe Zusammenstellung – schade um das zarte Gehänge, konstruiert aus einem in alle Richtungen beweglichen Gitter aus Ketten. Als Vorbild dienten byzantinische Motive, die Ausführung aber geriet schlampig. Der Halsschmuck hingegen erinnert nur vage an byzantinische Objekte, ist jedoch sauber ausgeführt. Aber viele der Steinfassungen sind entweder leer oder billiger Ersatz.

Fast alle anderen Objekte scheinen bisher über jeden Zweifel erhaben. Zwar ähneln sich die Ziermittel, aber die Ausführung spricht für verschiedene handwerkliche Traditionen, etwa bei den Fibeln und Ohrgehängen. Allerdings wurden auch einige Stücke beschädigt, als sie während des Zweiten Weltkrieges in einem Flakleitbunker ausgelagert waren, in dem dann ein Brand ausbrach. Auch die Verschleppung 1946 in die Sowjetunion als Trophäen wird den Stücken zugesetzt haben.

Das prächtigste Stück ist die in Berlin befindliche Buckelfibel mit Trommelkranz, die aus dünnem Goldblech aufgebaut ist. Über dem äußeren Kranz sitzt eine filigran gearbeitete Schirmkuppel, der sogenannte „Buckel“; darüber wölbt sich ein kreisförmiger Emaillerand mit viereckigem Stein in der Mitte. Ohnehin ist die Fibel reich bestückt mit Bergkristallen, Perlen, Amethysten und Glassteinen – eine reine Augenweide. Nicht so üppig geschmückt, aber ein ähnlich prachtvolles Beispiel mittelalterlicher Handwerkskunst ist die „Große Adler- oder Pfauenfibel“, die im Fränkischen um 975 bis 1025 entstand. Es könnte also ein Mischwesen sein, eine

Erfindung der Handwerker

. Bei der Deutung sind sich die Forscher nicht einig, aber das macht gerade den Reiz aus.

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