Atelierbesuch

Malen im früheren Bullenstall

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Die Grafikdesignerin hat in Frankfurt studiert, in Los Angeles und zuletzt Kronberg ausgestellt und sich an ihrem Wohnort eine weitläufige Werkstatt geschaffen.

Die riesige hölzerne Haustür mit Klopfring und Blumenkranz öffnet sich, und eine Frau vom Typ Veronica Ferres tritt dahinter hervor. Schwarzgemustertes Flatterkleid, Glitzerschläppchen, hochgestecktes wildes Blondhaar, Handy in der Hand. Die angerauhte Stimme würde ebenfalls zu einer gefragten Schauspielerin passen. Zumal Malerinnen sonst weite farbbekleckste Hosen und Arbeiterschuhe mit Schutzkappen tragen. Aber die Türöffnerin muss tatsächlich Tanja S.F. Hoffmann sein. Dochdoch, die Adresse stimmt.

Die energiegeladene 50-Jährige ist keine Frau, die Andere dafür bräuchte, ihre Welt auszuschmücken. Ihr Zuhause ist selbstgeschaffen: umgebautes altes Wohnhaus samt gepflastertem Hof mit geschnitzten Bänken unter Weinblättern, dazu eine ehemalige Scheune und ein früherer Bullenstall in der Rheinstraße, Götzenhain. Alles mit alten Materialien und höchstem Stilempfinden erneuert, modernisiert, verschönert. Kreativität bis ins Kleinste. Designermöbel. Erlesener Geschmack. Der Turm der Götzenhainer Kirche schaut in den Garten herein, nicht weit von hier liegt auch Gut Neuhof und insofern etwas Landgräfliches in der Luft. „Little Beverly Hills“, sagt Tanja S.F. Hoffmann. Passt nicht ganz, aber man versteht schon, was sie meint. Eine Zuflucht nahe der Großstadt, mit höchsten Grundstückspreisen, fast wie im Taunus, und dazu kleinodisches Dorfgefühl.

Die Kaffeemaschine ist kaputt, aber das Mineralwasser perlt in der feinen Karaffe, und die Künstlerin sprudelt. Namen, Begriffe, Beschreibungen, Gefühle quellen geradezu hervor, wenn die Malerin und Grafikerin am riesigen, grobgezimmerten Holztisch erzählt, wie sie schon immer was mit Kunst machen wollte und am Anfang nur nicht wusste, ob sie vielleicht Richtung Mode gehen soll. Jetzt weiß sie mehr, sitzt inmitten ihrer Staffeleien im ausgebauten ehemaligen Bullenstall, dessen Höhe an die Malersäle in den Kunstakademien denken lässt. „Atelier“ ist das einzige richtige Wort dafür. Auch die Künstlerin selbst ist ein Phänomen: Mutter von vier Kindern, lange alleinerziehend, jetzt zusammen mit einem Lebensgefährten, der seine zwei Abkömmlinge sowie zahlreiche Oldtimer mit in die Kombi-Familie gebracht hat. In der einen Hälfte des Bullenstalls stehen zwei Mercedes-Modelle, ein Austin und ein Land Rover. Vor dem Stall ein roter Alfa Romeo Spider. „In dem fahr ich wie Mrs. Robinson“, gurrt die Dame des Hauses.

Frau Hoffmann ist eben keine gelangweilte „Gattin“, keine Hobbykünstlerin, die sich musisch betätigt, weil’s dem Wohlbefinden dient. Die ausgebildete Kunstwerkerin hat Grafikdesign in Frankfurt studiert, denn das mit der freien Kunst bei Hermann Nitsch an der Städelschule ist dann doch nichts geworden. Sie war Art Directorin der weltweit tätigen Werbeagentur Saatchi & Saatchi, hat in New York und Los Angeles ausgestellt, bei der Frankfurter Galerie Wild und zuletzt in einer Kronberger Zahnarztpraxis. Ihre Hauptmotive sind Menschen und Tiere. Die interessieren sie mehr als Innenräume und Landschaften. Deshalb fertigt sie Porträts nach Fotovorlagen an, meist von Weltpolitikern und großen Künstlerpersönlichkeiten. Marilyn Monroe, Sophia Loren, Jimi Hendrix, Frida Kahlo, John F. Kennedy, Keith Richard, Johnny Depp, Maria Callas. Dazu ein ganzer Zoo aus Elefanten, Ziegen, Stieren, Schweinen, in kraftvollen Pinselschwüngen mit Ölfarbe und Acryl auf die Leinwände gebannt. Pop-Expressionismus mit Effekt.

Ein Bild kostet zwischen 2500 und 8000 Euro. Regelrechte Auftragsporträts macht Tanja S.F. Hoffmann nur mit Einschränkungen, „da muss ich mich schon inspiriert fühlen“. Dass immer wieder Leute in ihr Atelier kommen, die sich gleich beim Betreten entschuldigen „Ich verstehe ja nichts von Kunst“, findet sie rührend. Sie selbst verstehe ja auch von so vielem nichts. Regelrecht lebensuntauglich finde sie sich manchmal, wenn sie keine Ahnung habe, wie man was am Computer macht. Doch gleich weiß sie wieder, dass sie Glück mit sich hat. „Ich rede ja sehr viel. Bin extravertiert. Da haben es viele Künstler schlechter. Die sind introvertiert. Darauf angewiesen, dass man sie entdeckt.“ Tanja Hoffmann hat sich selbst entdeckt, und sie kann sich nicht nur beschreiben, sondern auch einordnen. Andy Warhol und Damien Hirst sind ihre Bezugsgrößen. So ungefähr jedenfalls.

Manchmal liegt Götzenhain gar nicht so weit von New York.

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