Theater

Marburg startet mit Friedrich Schiller fulminant in die neue Saison

Ist „Maria Stuart“ schon keine leichte Kost, setzte die Regisseurin Eva Lange mit Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ noch eins drauf – und verlangte Publikum wie Ensemble einiges ab.

Sie wollen Großstadtniveau in Marburg etablieren, bekundeten Eva Lange und Carola Unser in einem Interview mit der „Deutschen Bühne“. Ein ehrgeiziger Anspruch, den das neue Leitungsteam des Hessischen Landestheaters gleich mit seiner Eröffnungspremiere untermauerte.

Es dürfte wohl einmalig in der deutschen Theaterlandschaft sein, dass ein Haus von einer weiblichen Doppelspitze geleitet wird. In Marburg hat man diesen Schritt gewagt, und schon jetzt – das ist an diesem Premierenabend im Erwin-Piscator-Haus deutlich zu spüren – schlägt den beiden Intendantinnen eine Welle der Sympathie entgegen. Carola Unser (44) und Eva Lange (45) kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit an der Landesbühne Wilhelmshaven und konnten sich mit ihrem Konzept gegen 58 Mitbewerber durchsetzen.

Die Erwartungen sind hoch, schlingerte das Theaterschiff doch zuletzt unter seinem vorherigen Intendanten Matthias Faltz etwas profillos im Fahrwasser der regionalen Kulturszene. Eva Lange wird gleich mit der ersten Regiearbeit in Marburg ihrem eigenen hohen Anspruch gerecht.

Sauber und exakt führt sie das größtenteils neu engagierte Ensemble durch den Schulstoff-Klassiker. Dabei gelingt es ihr auch dank des klugen Bühnenbilds von Carolin Mittler, den schwierigen Raum der spröden Stadthallenbühne ästhetisch zu füllen. Aber auch sie kann die akustischen Probleme des Hauses – trotz Richtmikrofonen von oben – nicht gänzlich lösen.

Mittler hat auch die geschmackvollen Kostüme entworfen, die in der ausladenden güldenen Robe Elisabeths ihren optischen Höhepunkt finden. Mechthild Grabner gibt ganz die kühle Regentin in erstarrter Haltung, die sich die Macht von ihrer vermeintlichen Gegnerin Maria Stuart nicht entreißen lassen will. Zenzi Huber spielt mit der Jugendlichkeit ihrer Figur, zeigt die Unbezähmbare, Unangepasste, die lieber den Tod wählt, als sich unterzuordnen. Und sie präsentiert sich gleich zu Beginn der dreieinhalbstündigen Inszenierung als ausdrucksstarke Sängerin. Denn Lange bettet sowohl Schillers Tragödie wie Jelineks Zeitstück in einen Klangteppich ausgewählter Hits von John Lennon („Give peace a chance“) bis zu den „Bee Gees“ („Staying alive“) ein.

Geschmeidig gelingen die szenischen Übergänge, bei dem die dreiseitige Mauer im Baukastensystem die passenden Schlupflöcher und Beobachtungsposten für das höfische Personal bietet. Der intriganten Männerriege verleihen Metin Turan (Graf von Leicester), Christian Simon (Mortimer), Camil Morariu (Graf von Shrewsbury), Sven Brormann (Amias Paulet) und Jürgen Helmut Keuchel (Baron von Burleigh) ihre entsprechende Kontur. Saskia Boden-Dilling gibt Maria Stuarts Vertraute Hanna Kennedy.

Alles fließt, wenn auch bei Schiller manchmal etwas mäandernd. Und plötzlich – irgendwann nach der Pause und dem Todesurteil, das Königin Elisabeth nun endgültig über Maria Stuart gefällt hat – ist man bei Elfriede Jelinek angekommen.

Welch ein Unterschied in der Sprache! Statt einzeln wird nun im Chor schwadroniert. Die gepflegten Anzüge werden gegen Hippie-Kleidung getauscht. Willkommen im Happening der 68er Jahre, in dem die Literaturnobelpreisträgerin (köstliche Persiflage: Simon Olubowale) auf ihre ganz spezielle Art den Machtkampf zwischen den RAF-Terroristinnen Gudrun Ensslin (Mechthild Grabner) und Ulrike Meinhof (Zenzi Huber) verwurschtelt. Die Parallele zu Schiller: Zwei Frauen ringen mit allen Mitteln um die Vorherrschaft.

Die Regisseurin hakt die Jelinek’sche Version in einer Dreiviertelstunde ab. Vergnüglich anzuschauen, doch dramaturgisch verzichtbar. Ob Biedenkopf dies schon geahnt hat? Der Abstecherort des Landestheaters – so war in der „Deutschen Bühne“ zu lesen – hat vorsorglich schon mal nur den ersten Teil der Inszenierung, also Schillers Klassiker, gebucht.

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