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Matthias Politycki ? seit vier Jahrzehnten auf der ganzen Welt unterwegs.

Reisen weitet den Horizont

Matthias Politycki hat ein Buch über seine Erlebnisse in fernen Ländern geschrieben

In „Schrecklich schön und weit und wild“ erzählt Matthias Politycki von seiner Reiselust und dem Antrieb, immer mehr und immer entlegenere Ziele in der Welt zu sehen. Dierk Wolters hat mit ihm über sein Buch gesprochen.

Herr Politycki, was suchen Sie, wenn Sie reisen?

MSATTHIAS POLITYCKI: Oh, das verändert sich im Lauf des Lebens. Wenn man sich abnabelt von den Eltern, sucht man zunächst das Abenteuer – alles hinterm Horizont ist aufregender als das Zuhause. Man ist neugierig auf die Welt, ganz einfach deshalb, weil sie da ist und soviel größer als der Kreis, in dem man aufwuchs. Im Lauf der Jahre kam bei mir ein Interesse an fremden Kulturen hinzu. Und schließlich das Interesse an deren Alltagsleben. Manchmal schüttle ich darüber den Kopf, manchmal staune ich und sage mir: Ah, so geht das auch. Beides mitzunehmen ins eigene Leben und Denken weitet den Horizont.

Sind Ihre Ziele immer exotischer geworden, weil Sie die Fremde suchen?

POLITYCKI: Seit der Jahrtausendwende hat sich die Weltlage dramatisch verändert, ist die Welt für den Reisenden immer kleiner geworden. Da fahre ich lieber in exotische Gegenden, solange sie noch halbwegs sicher sind. Zeit, die Côte d’Azur besser kennenzulernen oder Kopenhagen, so denke ich, ist später immer noch, das gehört ja zu unserer europäischen Heimat. Reisen, wohin auch immer, ist ein verfluchter Wettlauf gegen die Zeitläufte, auch gegen die Begrenztheit des eigenen Lebens.

Was hat sich am meisten verändert beim Reisen in den letzten Jahren?

POLITYCKI: Die Tourismusbranche hat unsere Sehnsüchte immer perfekter für uns vororganisiert. Auch für den Individualtouristen ist das Reisen nicht mehr der existenzielle Akt, der es früher mal war. Heutzutage ist man nie wirklich weg, sondern bleibt immer vernetzt mit der Heimat. Das Fremde hat nicht mehr dieselbe Wucht wie früher, Reisen ist beiläufiger geworden. Hinzugekommen ist bei mir auch eine gewisse Sorge. Ich weiß gar nicht, ob es so etwas wie Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes früher gab.

Wie hat die digitale Zeit das Reisen verändert?

POLITYCKI: Nichts schlimmer, als wenn Reisende alter Schule nur herabblicken auf Internet & Co. Wer aber stets mit Handy und Internet reist, läuft Gefahr, die Welt nur in den Ausschnitten wahrzunehmen, den die digitalen Scheuklappen freigeben. Wer sich der Fremde dagegen uneingeschränkt aussetzt, bekommt sie auch in ihrer Totalität zu spüren. Das ist deutlich anstrengender und tut auch oft weh, am Ende sind die überwundenen Schwierigkeiten aber vielleicht das Wertvollste einer Reise.

Wenn man das Handy auf eine solche Reise nicht mitnimmt, dann fehlen einem auch Dinge wie GPS oder ein digitaler Stadtplan . . .

POLITYCKI: Ich selber bin begeisterter Kartenleser, Old School. Ein unschätzbarer Vorteil des Stadtplans aus Papier ist die Gesamtorientierung, er weiß nicht nur einen Weg, sondern eine Fülle an Möglichkeiten. Eine Karte, das ist ja fast schon wie eine Modelleisenbahn von oben, da kann man sich viel ausmalen! Städte wie Kalkutta, London oder Osaka habe ich nur begreifen können, weil ich deren Flächen mit einem Stadtplan in der Hand abgelaufen bin. Die verschlungenen Wege, die ich dabei gehen musste, waren oft mehr wert als der Ziehbrunnen oder der Pub, den ich erreichen wollte.

Etwas Besonderes bedeutet Ihnen auch der Blick von oben auf die Welt.

POLITYCKI: Weil er mir einen Überblick und damit eine erste Orientierung verschafft! Eine große Stadt zu Fuß zu erkunden ist eine echte Herausforderung, oft verbunden mit der melancholischen Anwandlung: Eigentlich ist das gar nicht zu schaffen. Mich im Regenwald zurechtzufinden fällt mir tatsächlich leichter. Wie also gewinnt man den Mut für den ersten Schritt in eine Megacity? Ich finde ihn, sobald ich mir die Stadt von der Aussichtsplattform eines Fernsehturms betrachte – und mir dabei richtig Zeit lasse.

Reisen heißt auch, Klischees zu begegnen, die sich erfüllen oder die man widerlegen möchte. Wie gehen Sie damit um?

POLITYCKI: Natürlich möchte man den Klischees entrinnen! Leider wird man da und dort wieder von ihnen eingeholt. Man guckt als Intellektueller gern herab auf Klischees, als wären das Platitüden aus dem Volksmund, die man gar nicht ernst nehmen bräuchte. Aber diese Arroganz steht uns nicht gut an. Der akkumulierte Volksmund hat auch seine Wahrheit und seine Weisheit. Wider Willen muss man anerkennen, das vieles, was politisch inkorrekt und also suspekt ist, trotzdem einen wahren Kern hat.

Und mitunter führt das dazu, dass Sie in einem fremden Land lauthals schimpfen. Weil es, wie Sie schreiben, oft besser ist, seinen Standpunkt vehement zu verteidigen, als sich zu fügen und sich übers Ohr hauen zu lassen.

POLITYCKI: Als Reisende sind wir zwangsläufig Sonderbotschafter unserer Kultur, ob wir das wollen oder nicht. Europa als Inbegriff von Wohlstand und Frieden ist ein Sehnsuchtsort für viele; trotzdem werden wir, die Europäer mit ihren europäischen Werten, in gewissen Ländern auch tief verachtet. Das bekommt man dann auf Reisen zu spüren. Man muss diese Chance nutzen und Flagge zeigen, sich den Respekt täglich neu erkämpfen. Vor ein paar Monaten habe ich das gerade wieder in Indien erlebt: Je lauter ich mein Gegenüber beschimpfte, der mich als Fremden tätlich angegriffen hatte, desto gastfreundlicher wurde er. Da wird das Reisen dann politisch.

Haben Sie denn als Profi-Reisender auch einen Ratschlag für all diejenigen, die in den nächsten Wochen mit Familie oder Partner in den Jahresurlaub fahren? Oder zählt das für Sie gar nicht?

POLITYCKI: Doch, doch, für mich zählt alles – wenn man erschöpft ist, braucht man Urlaub, keine Frage. Wenn man hingegen voller Energie drauflosreisen kann, sollte man sich genau befragen, was man sich zumuten und welche Reise-Intensität man bewältigen kann. Und vor Ort dann das Fremde an der Fremde auch zulassen. Denn genau das, was uns ärgert, aufhält, zur Last fällt oder zur Verzweiflung treibt, soll uns ja auf neue Ideen bringen.

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