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Gisbert zu Knyphausen ist zurück, mit Liedern, die Licht ins Dunkel dieser Welt tragen wollen.

Schlachthof

Der Melancholiker Gisbet zu Knyphausen macht den Menschen Mut

„Das Licht dieser Welt“ heißt das neue Werk des gebürtigen Wiesbadeners. Obwohl er seine Fans sieben Jahre darauf warten ließ, sind sie ihm treu geblieben. Gut 1700 feierten den Songpoeten.

Er hat schon das Gros seines 23 Lieder umfassenden Repertoires dieses Abends gesungen, da wendet sich Gisbert zu Knyphausen ans Publikum: „Entschuldigt, dass ich so wortkarg bin.“ Mit unschuldigem Blick zieht er die Schultern hoch. Als ob irgendjemand im weiten Rund des „Schlachthofs““ seine Maulfaulheit als fehlendes Mitteilungsbedürfnis oder gar Desinteresse an seinen Zuhörern missinterpretiert hätte.

Für den 38-Jährigen gilt das alte „Aerosmith“-Motto: „Let The Music Do The Talking“. Auch wenn nicht alle im Saal zu einhundert Prozent textsicher sind, so haben sie doch zumindest eine Idee davon, worüber ihr Antiheld singt. Denn das sind keine stromlinienförmigen Kleinster-gemeinsamer-Nenner-Songs, wie sie zuhauf in den Charts stehen. Wie hat er seine „bescheidenen Ziele“ (O-Ton zu Knyphausen im Interview mit dieser Zeitung) einmal beschrieben? Nie in die Breite, immer in die Tiefe gehen. Man hätte den Mann schon in den 60ern, nur mit einer akustischen Gitarre bewaffnet, auf die Bühne des Burg-Waldeck-Festivals stellen können. Da traten Degenhardt, Wader und Reinhard Mey kritisch und engagiert im Geiste des amerikanischen Folk und französischer Chansons als „Liedermacher“ an.

Mit diesem Etikett sah sich der Wahl-Berliner ein halbes Jahrhundert später tatsächlich konfrontiert. Obwohl eines seiner Stücke „Ich bin ein Freund von Klischees“ heißt, gilt es für ihn aber, alles Abgegriffene zu vermeiden. Schon die Wahl seiner handverlesenen Musiker signalisiert das. Florian Eilers spielt nicht nur für die wunderbare Sängerin Cäthe Bass. Tim Lorenz trommelte für die „Rainbirds“ und Udo Lindenberg. Trompeter Martin Wenk ist festes Mitglied der US-Band „Calexico“. Posaunist Michael Flury tourte mit Sophie Hunger. Und Jean-Michel Tourette (Gitarre, Keyboards) prägte schon den Sound von „Wir sind Helden“.

Bei zu Knyphausen bündeln die Musiker ihre unterschiedlichen Talente, harmonieren, als hätten sie sich in all den Jahren gesucht und gefunden und bereiten so ihrem Sänger, der akustische und E-Gitarre ebenso wie E-Piano spielt, ein sicheres Terrain. Der Einstieg vor dem CD-Cover-Motiv mit dem surrealistisch anmutenden Luftschiff im tropischen Ambiente als Bühnenhintergrund gelingt sehr atmosphärisch. „Tief in dir brennt ein Licht, das du nicht zu fassen bekommst“, singt zu Knyphausen, die Band groovt sich langsam zusammen mit der Stimme ein auf die folgenden Meditationen über Leben und Tod, das Suchen, Finden und wieder Verlieren. Knyphausen wechselt dabei immer wieder die Perspektive, den egozentrischen Ich-Erzähler mag er nicht geben. Das ist sympathisch unprätentiös wie sein Gesangsstil. Der hat etwas Beiläufiges. Das erinnert mitunter an Bob Dylan. So kann man – zumal in Popsongs – sogar Tabuhemen wie früher Kindstod, Demenz oder Sterbehilfe aufgreifen, ohne plakativ oder wohlfeil provokant zu erscheinen. Als tief traurig, ja geradezu beklemmend haben Kritiker das neue Album empfunden. Aber so wirkt die Performance des spielfreudigen Sextetts nie. Hier steht ein Melancholiker als Mutmacher am Mikrofon, der nicht nur die nachdenklichen Balladen beherrscht. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ groovt eher lässig zwischen Paul Simons „You Can Call Me Al“ vom „Graceland“-Album und Wüsten-Rock-Twang. Knyphausen ist ein verkappter Rock-’n’-Roller. Und er war das schon, bevor er mit dem früh verstorbenen Hamburger Nils Koppruch die Band „Kid Kopphausen“ gründete. Drei Mal klingen Lieder vom gemeinsamen Album „I“ an, auch das schlurfige „Hier bin ich“ und die herzerweichende Countrynummer „Haus voller Lerchen“ als Finale der zweiten Zugabe.

Überhaupt ist – nicht nur in den Lyrics – viel Poesie im Spiel. Hier mal ein kurzes Lapsteel-Motiv, da ein Glockenspiel. Vor allem die beiden grandiosen Bläser, Flury mit geschmeidiger Posaune und Wenk mit warmem Flügelhorn. Eine wehmütige Mundharmonika toppt das Ganze. Knyphausens erhebend unkitschiges Liebeslied heißt „Dich zu lieben ist einfach“. Das geben wir mit Dank und Gruß zurück.

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