+
Miland ?Mille? Petrozza, Sänger und Gitarrist von ?Kreator?

Mini-Festival in Frankfurt

Metal ist die neue Volksmusik

  • schließen

„Bloodbath“, „Hatebreed“, „Dimmu Borgir“ und „Kreator“ bespielten fünf Stunden lang die Jahrhunderthalle, um die Dämonen des Zeitgeists auszutreiben.

Es gibt Leute, die sagen, die neue Volkskultur sei die Metal Musik. So wie es in München ein Oktoberfest gebe, so gebe es in Wacken eben ein Metal-Festival. Und so wie man Blas- oder Schunkelmusik spiele, so spiele man Death Metal, Thrash Metal, Black Metal, Speed Metal oder sonstwelchen Metal. Beides gehöre eigentlich zusammen: Für die einen, sagen sie, singen Florian Silbereisen, Andreas Gabalier oder Andrea Berg, für die anderen „Slayer“, „Motörhead“ oder „Saltatio Mortis“. Wenn nun an einem Abend vier Metal-Bands unter dem Titel „European Apocalypse“ zu einem fast sechsstündigen Mini-Festival aufspielen, ist es für den Kunstfreund selbstverständlich, daheim die Adventskerze auszublasen und ihnen die Ehre zu erweisen.

Viel ist schon darüber geredet und geschrieben worden, dass der Metal, wie alle Volksmusik, im Grunde eine heile Welt herbeisehnt. Darum wirken Metal Konzerte oft wie eine Art von Satanismus, der finstere Dämonen beschwört. In Wahrheit geht es darum, sie auszutreiben. Tatsächlich beschäftigt sich die Metal Kultur mit allen Themen, die auch in den öffentlichen Debatten virulent sind: Veränderung der Gesellschaft, Religion, Zerstörung alter Strukturen, Gut und Böse, Fantasy. Und so weiter. Nur die Liebe kommt nicht so oft vor wie im Schlager.

Metal Freunde sind stets bestrebt, einen guten Eindruck zu machen. Sie wissen, dass für den „Zusammenhalt“, wie Frau Kramp-Karrenbauer sagt, gute Umgangsformen unerlässlich sind, ebenso wie identitätsstiftende Rituale und Symbole. Die Fans keines anderen Genres stehen vor dem Konzert so artig in der Schlange wie Metal Anhänger – „Damen“ werden herausgebeten und schneller dem Sicherheitscheck unterzogen. Nirgends sonst, selbst in der Oper nicht, läuft das Austreten nach dem anlassgemäß reichlichen Bierkonsum in der Pause so geordnet ab wie auch diesmal in der Jahrhunderthalle.

Musikalisch ohne Tadel

Auf dem Oktoberfest sitzt der Gast gern in der Tracht, Dirndl und Lederhosen etwa. Was dort der Janker ist, ist im Metal die Jeans- oder Lederjacke, bestückt mit den Aufnähern der Lieblingskünstler und Rock-Helden – sehr oft „Iron Maiden“ oder „Metallica“ – und starken Sprüchen, sowie das T-Shirt mit Schauer-Motiv und Tourdaten. Die XL-Größen von „Bloodbath“, „Hatebreed“, „Dimmu Borgir“ und „Kreator“ sind an diesem Abend ruckzuck ausverkauft. Natürlich ist auch im Metal nicht alles Gold, was glänzt. Dem Ensemble „Bloodbath“ aus Schweden zum Beispiel wünschte man weniger Mitgliederwechsel, dafür mehr Stunden im Probenraum, um die Beherrschung der Instrumente zu optimieren. „Hatebreed“ machen vieles durch Energie, Leutseligkeit und gute Laune wett. Nur wenige Fans haben schon von den Amerikanern gehört, obwohl die seit 25 Jahren dabei sind. Das macht aber nichts.

Ein Jahr länger sind die Norweger von „Dimmu Borgir“, benannt nach einer isländischen Lavaformation, auf Achse. Sie vertreten melodischen Black, Dark und Symphonic Metal. Die Mannen treiben düster-infernalischen Mummenschanz vor sakralen, mit geheimnisvollen Ornamenten verrätselten Kulissen, dazu gehört auch der gelegentliche Einsatz von Kunstnebel, Flammen und magischen Lichteffekten. Musikalisch ist das alles ohne Tadel: superschnelle, harte, psychedelisch dissonierende Gitarren-Riffs, grelle Arpeggios, pathetisch-orchestrale Keyboard-Cluster – fein abgestimmt, schaurig und schön. Stian Tomt „Shagrath“ Thoresen, der Sänger, verkörpert nicht nur mit seinem eigentümlich gutturalen Timbre, sondern vor allem als Erscheinung den Typus des finsteren Satansbratens auf die wünschenswerteste Weise. Mit den Jahren haben sich die Norweger der klassischen Musik genähert. Die Band gestaltete bereits mit dem Prager Nationalorchester in Wacken einen gelungenen Nachmittag. Das jüngste Album „Eonian“ ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Reitende Skelette

„Kreator“: Das Quartett zählt zu den ältesten deutschen Thrash-Metal-Ensembles. Seit 35 Jahren wirkt es im Dienste einer ebenso virtuosen wie rauen, ja brutalen Kunst. Die rasenden, ungemein wohlklingenden Soli des Finnen Sami Yli-Sirniö sind eine Zierde auch dieses Frankfurter Auftritts. Mit Miland „Mille“ Petrozza verfügt die Band über eine charismatische Persönlichkeit. Vormals sang der Mann gern von reitenden Skeletten, inzwischen erweisen sich die Lyrics als gedanklich ein wenig vertieft. Noch immer ein erhabener Moment ist es, wenn er die „Flag Of Hate“ schwingt. Die Ausschnitte aus dem jüngsten Album „Gods Of Violence“ zeigen die Mannschaft in erstklassiger Form: „Satan Is Real“, „Hail To The Hordes“ sind Edelsteine des Genres wie das ältere „Phantom Antichrist“. Mit Fallen Brother“ gedenkt die Band der Toten von Bowie bis Kilmister. Mittendrin teilt „Kreator“ Petrozza das Publikum wie ein Meer, um Platz für einen Moshpit zu schaffen, damit die Metalheads tanzen können.

Man wünschte sich in Frankfurt öfter derart beglückende Metal-Veranstaltungen. Schon allein, um den „Zusammenhalt“ zu stärken.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare