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HANDOUT - Juan (Mahershala Ali) bringt dem jungen Chiron (Alex R. Hibbert) das Schwimmen bei - eine Szene des Films "Moonlight". Das Drama ist für acht Oscars nominiert. (zu dpa "Countdown zur Oscar-Vergabe - Stimmzettel werden ausgezählt" vom 22.02.2017) ACHTUNG: Verwendung nur zu redaktionellen Zwecken in Verbindung mit der Berichterstattung über diesen Film und nur bei Nennung Foto: David Bornfriend/DCM/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

„Das hat es noch nicht gegeben“

Michael Kinzer vom Frankfurter Filmmuseum über die Oscar-Nacht

Das „schwarze Hollywood“ obsiegt: Trotz sechs Oscars für „La La Land“ wurde „Moonlight“ des Afroamerikaners Ben Jenkins zum Gewinnerfilm. Deutschland ging leer aus.

Das mit einem Budget von nur fünf Millionen Dollar gedrehte Kinodrama „Moonlight“ von Barry Jenkins (Deutscher Kinostart: 9. März) ist mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnet worden und damit der Sieger der 89. Oscar-Verleihung in Los Angeles. Der Film über einen heranwachsenden homosexuellen Schwarzen gewann insgesamt drei Oscars. Wegen einer Verwechslung der Preisumschläge war zuvor irrtümlich der Musicalfilm „La La Land“ als Preissieger verkündet worden (siehe Artikel unten). Der Musicalfilm von Damien Chazelle gewann sechs Oscars statt der möglichen vierzehn. Emma Stone, die darin eine Theaterschauspielerin darstellt, wurde als beste Hauptdarstellerin mit einem der Preise belohnt. Zum besten Hauptdarsteller wurde Casey Affleck für seine Rolle in „Manchester by the Sea“ ernannt. Die deutschen Hoffnungen wurden auch dieses Jahr wieder enttäuscht. Die Vater-Tochter-Komödie „Toni Erdmann“ war zwar als bester nicht-englischsprachiger Film für den Auslands-Oscar benannt, wurde aber übertrumpft von dem iranischen Beitrag „The Salesman“ von Asghar Farhadi. Michael Kluger fragte Michael Kinzer vom Frankfurter Filmmuseum, was er von den diesjährigen Oscar-Entscheidungen hält. Kinzer hat in Mainz Filmwissenschaften studiert und seine Abschlussarbeit über die Gewinnmechanismen bei der Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester Film“ verfasst. 2012 hat er die große Oscar-Ausstellung im Filmmuseum mitgestaltet.

Herr Kinzer, hat es eine solche Panne wie diesmal die Vertauschung der Gewinner in der Oscar-Geschichte schon gegeben?

MICHAEL KINZER: Nein, nicht in der Form. 1932 wurde im Laufe der Verleihung nachträglich Wallace Beery als zweiter Gewinner des Oscars für den besten Schauspieler verkündet, da man beim Nachrechnen der Stimmen festgestellt hatte, dass dieser nur eine Stimme weniger hatte als der Preisträger Fredric March, was nach den damaligen Regeln als Gleichstand galt. Aber das ist natürlich nicht ansatzweise ein so peinlicher Vorfall wie der in der jetzigen Oscar-Nacht.

Hat denn der beste Film gewonnen?

KINZER: Ich habe „Moonlight“ leider noch nicht gesehen. Die anderen acht nominierten Filme dieses Jahres habe ich gesehen, und sie haben alle eine sehr hohe Qualität und starke Momente. Da fällt es schwer, den Besten herauszupicken.

Hätten Sie sich bei den Darstellerpreisen andere Namen gewünscht?

KINZER: Nein, alle vier haben ihren Oscar auf jeden Fall verdient. Ich hätte mir höchstens noch mehr Namen gewünscht, so viele der Nominierten haben eine grandiose Schauspielleistung abgegeben. Aber es kann eben leider nur eine/n Gewinner/in pro Kategorie geben.

Wie haben Sie die Oscar-Nacht erlebt? War sie anders als andere?

KINZER: Sie wirkte irgendwie entspannter als in den vergangenen Jahren, trotz oder vielleicht gerade wegen der angespannten politischen Situation in den USA. Möglicherweise lag das auch am Host Jimmy Kimmel, der sich von den ganzen Hollywood-Größen nicht beeindrucken ließ und sehr relaxt durch das Programm geführt hat. Insgesamt war die Show für mich aber eher Durchschnitt.

Alle Welt hat ja auf ein klares Signal Hollywoods gegen Trump gewartet, auf ein Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie. Es hieß, diese Verleihung werde so politisch wie nie zuvor. Von wegen! Warum ist da nicht mehr passiert?

KINZER: Ich denke, die meisten Preisträger und Präsentatoren haben sich gedacht: Das haben wir gar nicht nötig! Wir wissen alle ganz genau, welches der richtige und welches der falsche Weg ist, den ein Land bzw. dessen politische Führung gehen kann. Wir sind eine große Gemeinschaft Gleichgesinnter trotz unterschiedlicher Nationalität, Religion, Hautfarbe etc. Wir drehen weiter unser Ding und werden mit unserer Arbeit, unserer Kunst immer wieder zeigen, wie wichtig Freiheit und Demokratie sind. Dazu braucht es keine Wutreden, wie sie zu Bush-Zeiten noch Michael Moore (unter Protesten und Buhrufen) bei den Oscars gehalten hat.

Reicht es, wenn der Moderator Jimmy Kimmel ein paar Witzchen macht?

KINZER: Die Academy versteht sich als apolitische Institution, und auch wenn sie dieses Jahr die Nominierten sogar zu politischen Statements ermutigt hat, ist diese Veranstaltung eigentlich nicht der richtige Ort für große politische Abrechnungen.

Das stärkste Statement kam von dem iranischen Regisseurs Ashgar Farhadi, der am Ende für „The Salesman“ den Auslands-Oscar bekam, aber nicht bei der Verleihung dabei war. Ist das nicht blamabel für die reichen Filmstars Amerikas?

KINZER: Es gibt schon einige Stars, die sich politisch auf unterschiedlichste Art und Weise engagieren. Ich weiß nicht, ob sie mit einem flammenden Appell bei der Oscar-Verleihung tatsächlich mehr bewirken könnten. Vieles, was bei so einer Verleihung passiert und gesagt wird, verpufft auch wieder ganz schnell. Die diesjährige Show wird als jene Verleihung in Erinnerung bleiben, bei der die Gewinnerumschläge vertauscht wurden.

Hat Hollywood vielleicht auch schon Angst vor Trump?

KINZER: Angst ist ein zu großes Wort. Unsicherheit, ja, auf jeden Fall. Auch die Hollywood-Community weiß noch nicht, was die nächsten Jahre auf sie zukommt. Umso wichtiger ist es für sie, sich bei der Verleihung gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und zu der eigenen Arbeit zu bekennen: The show must and will go on.

Warum ist der deutsche Beitrag „Toni Erdmann“ von Maren Ade am Ende doch nicht zum Zuge gekommen?

KINZER: Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieser Film auf ein Hollywood-Publikum wirkt, auf Filmschaffende, die am Strand von Malibu leben und millionenschwere Blockbuster produzieren, wie dessen schräger Humor, dessen ungewöhnliches Konzept in den USA funktionieren soll. Er ist schlicht zu originell für Hollywood. „The Salesman“ hat da sicher eine stärkere emotionale Wirkung auf die amerikanischen Zuschauer, da die Konflikte, die er beschreibt, leichter zugänglich und verständlich sind. Das Drama in „Toni Erdmann“ ist sehr spezifisch.

Warum schneiden deutsche Filme meistens so schlecht ab?

KINZER: Das tun sie gar nicht. Drei Oscars und 19 Nominierungen in der Kategorie „Fremdsprachiger Film“ ist kein schlechter Schnitt im weltweiten Vergleich. Hinzu kommen einige deutsche Kurzfilme, die gewonnen haben, und ein paar deutschsprachige prämierte Schauspieler. Der allererste Schauspieler, der je einen Oscar gewonnen hat, war der deutsche Emil Jannings. Ich bin ziemlich sicher, dass der Oscar für „Das Leben der Anderen“ nicht der letzte gewesen sein wird. Wenn das Niveau der deutschen Filmproduktion so hoch bleibt wie es ist und so einzigartige Filme wie „Toni Erdmann“ produziert werden, wird es sicher bald mal wieder heißen „And the Oscar goes to Germany“.

Haben Oscars denn heute noch die Bedeutung von früher?

KINZER: Die Einschaltquoten bei den Verleihungen sinken zwar, aber noch immer bedeutet ein Oscar für den Gewinner viel Ruhm und Prestige, lukrative Angebote und höhere Gagen. Der Sieg wirkt vielleicht nicht mehr so nachhaltig, da auch die Filme nicht mehr das gleiche Kaliber haben wie in der Ära des Classical Hollywood. Während ein Epos wie „Vom Winde verweht“ noch Jahrzehnte später groß als der Gewinner von zehn Oscars beworben wurde, werden sich in zehn, fünfzehn Jahren wohl nur wenige an die drei Oscars von „Moonlight“ erinnern.

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