+
Wer würde hier nicht an Franz Marc und dessen farblich verfremdete Tiere denken? Johannes Brus hat sein ?Blaues Pferd? in den Jahren 1979/85 geschaffen, als Fotografie, die so bearbeitet wurde, dass sie wie ein altes Gemälde aussieht. Abbildungen: DZ-Bank

Ausstellung in der Frankfurter DZ-Bank

Mischwesen von Johannes Brus: Halb Foto, halb Skulptur

Um seinen Lichtbildern Tiefe zu verleihen, „misshandelt“ der in Essen lebende Künstler Johannes Brus sie chemisch. Das erstaunliche Ergebnis zeigt die DZ-Bank.

Die Arbeitsanleitung hat es in sich: „Fotos scharf oder unscharf abziehen; Flecken entstehen lassen durch unsauberes Arbeiten; Staub drauf fallen lassen und fixieren; mit dem Schwamm entwickeln; nochmals Zwischenbäder benutzen; lieber schlechten Entwickler benutzen als guten; solarisieren, manipulieren, interpretieren, zweimal belichten und Fotopapier dazwischen verrutschen lassen; Fotos auseinanderschneiden, Schnipsel verlieren und wieder zusammenkleben; Federn und Lackfarbe drauf; beim Sandwichverfahren nicht vergessen, etwas Wurst oder Käse zwischen die Negative zu schieben.“

Jedem Profi stehen bei so etwas die Haare zu Berge, gibt der Künstler freimütig zu. Freilich endet seine Anleitung so frech und abrupt, wie sie begonnen hat: „Fotos so lange misshandeln, bis auch der letzte Rest von Sonntagsanzugglanzabzug raus ist.“ Johannes Brus ist, so viel steht fest, kein typischer Fotograf, eher Maler oder Bildhauer. Das illustrieren jetzt zwölf teils kleinformatige, teils monumentale Fotos in der Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank. Die in den vergangenen 45 Jahren entstandenen Bilder sind bis zum 17. Juni zu sehen.

Tatsächlich kommt der 74-Jährige von der Bildhauerei. Die lehrte er von 1986 bis 2007 an der Akademie in Braunschweig, er lebt aber in Essen. Zu seinen bekanntesten Schülerinnen gehören Katharina Fritsch, Katharina Grosse und Karin Kneffel. Bis heute pendelt Brus zwischen Fotografie und Skulptur, aber auch zwischen figürlicher Darstellung und assoziativen Bildern. Seine Maharadschas, die einst mächtigen indischen Fürsten, hat er auf Reisen im Land von Abbildungen entnommen, sie in Lebensgröße auf Fotopapier belichtet, dann mit Entwickler- und Fixierflüssigkeit bearbeitet, schließlich mit Farbe eingetönt. Diese schillernden Foto-Gemälde lassen geheimnisvolle, fast geisterhafte Männergestalten auftauchen, die je nach Standort des Betrachters rasch wieder verblassen können.

Brus interessiert sich für die Oberfläche der Bilder. Zuerst belichtet er mehrfach das Motiv, das damit unscharf wird; dann bearbeitet er es chemisch, um es schließlich mit Farben in ein Fantasiegebilde zu verwandeln. Damit beginnen die Körper der Figuren und Tiere zu leuchten, während der Hintergrund zurücktritt oder als lichte Aura erscheint. So lässt der Bildhauer in einem Foto mehrere Ebenen oder Bildschichten entstehen, er formt sie geradezu mit seinen Eingriffen. Mit ihren Rissen und Flecken erinnern die Fotos an jahrhundertealte Gemälde, die mal dringend einen Restaurator zu Gesicht bekommen sollten.

Auch schwerfällig erscheinende Tiere wie das Nashorn oder der Elefant haben es Brus angetan. Die Masse des Körpers ist für ihn ein plastisches Vergnügen, wie das 13. Exponat zeigt, ein kleiner Gips-Elefant. Das pralle Volumen löst Brus fast auf, wenn er ein Pferd blau einfärbt – und erinnert damit an den 1916 im Krieg gefallenen Franz Marc, der Pferde oft in dieser kosmischen Farbe malte. Fotografien sind für Brus „ähnlich wie Erscheinungen“, sagte er jetzt vor der Eröffnung der Schau.

„Brus haut regelrecht Bildschichten heraus“, meint wiederum Christina Leber, die Leiterin der DZ-Fotosammlung, und spielt damit auf den Bildhauer an. Der war nach dem Studium in Düsseldorf mehr oder weniger ratlos. Studiert hatte er bei dem noch gegenständlich arbeitenden Bildhauer Karl Bobek; in der Nachbarklasse hingegen hinterfragte Joseph Beuys alles und ließ nichts mehr gelten. So flüchtete Brus in die Fotografie. „Das war eine leichtfertige Geschichte“, erinnert er sich heute. „Es war ironisch, man machte Witze und fotografierte sich gegenseitig. Daraus hat sich dann ein neuer Zugang zur Kunst entwickelt; da habe ich alles hinter mir gelassen, was ich an der Akademie in den ersten Semestern gelernt hatte.“ Heute reizen ihn mehr die vorgefundenen Aufnahmen, die er mittels Positiv-Negativ-Verfahren verwandelt. Anfangs zog er noch selbst mit der Kamera los und griff dabei zu allerlei Tricks.

Von dieser anarchischen Lust kündet die „Gurkenparty“ in Schwarz-Weiß von 1972, die Gurken in einem Garten erst tanzen und dann nach und nach verschwinden lässt, nebst einem großen Tisch. Eine witzige Fotostory in 27 Bildern – die Gurken hingen an Nylonfäden von einem Baum herab und konnten so scheinbar schwerelos schweben. Ein teils skurriles, teils spiritistisch angehauchtes Dokument seiner Zeit, das noch heute jedem Betrachter ein feines Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Art Foyer, DZ-Bank-Kunstsammlung, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage, Frankfurt. Bis 17. Juni, dienstags bis samstags 11–19 Uhr. Freier Eintritt. Telefon (069) 74 47 23 86. Internet

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare