Hessische Festspielsaison

Mittsommernachtssexkomödien

  • VonMarcus Hladek
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Ob ein Charakterstück von Molière bei Barock am Main oder die Nibelungensage vor altem Domgemäuer: Die Freiluftsaison nimmt sogar das Schwere leicht.

Fußball-Begeisterte mögen die Freiluftsaison beim „Public Viewing“ der Europameisterschaft in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) zubringen, Schüler und Lehrer genießen das Freischul-Phänomen der Sommerferien. Wer Theater liebt, hat indes nur eines im Sinn: die Sommerfestspiele. Hier eine Auswahl dessen, was es demnächst zu sehen gibt zwischen Main und Rhein, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Bad Hersfeld

Seit Dieter Wedel, Fernsehspiel-Titan mit Sinn für Theater als gesellschaftliches Ereignis und Klotzen-statt-Kleckern, als Intendant von Worms nach Hersfeld wechselte, hat sich viel getan bei Nordhessens Festspielen. Sprechtheater in der Stiftsruine ist jetzt vor allem Wedels Regie zu Arthur Millers „Hexenjagd“ (vom 24. Juni an), in der sich die Polit-Parabel in Shitstorm und Mobbing spiegelt. Wedels Star-Ensemble umfasst allerlei bühnenfähige Filmgrößen wie Elisabeth Lanz, André Hennicke, Jasmin Tabatabai, Horst Janson, Motsi Mabuse, Richy Müller und Brigitte Grothum. Premiere feiern ferner Jordi Galcerans „Der Kredit“ (11. August), in Schloss Eichhof „Unsere Frauen“ von Éric Assous mit Mathieu Carrière (1. Juli) und „Laurel und Hardy“ (28. Juli). Als Musical gelangt erstmals „My Fair Lady“ auf die Hersfelder Bühne (8. Juli), mit Sandy Mölling von der früheren Popband „No Angels“ als Blumenmädchen Eliza Doolittle. Kinder- und Familientheater bietet Otfried Preußlers „Krabat“ (ab 28. Juni) und das Grimm-Märchen „Die Goldene Gans“ (ab 30. Juni im Theaterzelt). Außerdem gibt es das Verdi-Requiem mit dem neuen Festspiel-Chor (6. und 8. August) sowie Gastkonzerte.

Vom 24. Juni bis 28. August. Info, Karten (10–99 Euro): Telefon (06621) 64 02 00. Internet

Bad Vilbel

Die Burgfestspiele (vom 7. Mai an) glänzen weithin durch gute Eigenproduktionen. Die 30. Spielzeit in der Wasserburg zeigt den Komödien- und Hollywood-Klassiker „Mein Freund Harvey“ (ab 3. Juni), die Musicals „Evita“ (ab 10. Juni) und „Der kleine Horrorladen“ (ab 30. Juni) sowie Umberto Ecos Klosterkrimi „Der Name der Rose“ (ab 17. Juni). Für Kinder gibt es „Die Zauberflöte“, „Ronja Räubertochter“ und Michael Endes „Jim Knopf“. Im Theaterkeller kriecht Hitler aus seinem Höllenloch und wird symbolisch exorziert, frei nach Timur Vermes’ Romansatire „Er ist wieder da“ (ab 12. Juni). Die Beziehungskomödie „Mondscheintarif“ von Ildiko von Kürthy wird zur Suche nach der/dem Richtigen, Alfred Hitchcocks Thriller „Die 39 Stufen“ zum Viererstück.

7. Mai bis 11. September. Karten (7,50–42 Euro) und Info: Telefon (069) 13 40 400. Internet

Dreieichenhain

Das Gastspiel-Festival von Dreieichenhain lädt vier Stücke aus Bad Vilbel nach Burg Hayn: „Der Name der Rose“, „Evita“, „Jim Knopf“, „Ronja Räubertochter“. Frankfurts „Barock am Main“ darf Molières Charakterkomödie „Der eingebildete Kranke“ mit Hauptdarsteller Michael Quast entsenden, das exzellent arbeitende Landestheater Marburg Matthias Faltz’ Intendanten-Regie „Cinderella“, in der er das Aschenputtel-Märchen rockt. Aus Köln kommt ein „Michael Kohlhaas“ (nach Heinrich von Kleist) im Volkstheater-Schlüssel, vom „Neuen Globe Theater“ ein „König Lear“, von Walter Renneisen die Morgenstern-Hommage „Es war einmal ein Lattenzaun“, und mit Ulrike Neradt reisen die Hessen-Schnappschüsse „Isch glaab, dir brennt de Kittel“ an. Darüber hinaus bereitet Hobby-Astrologin Neradt gesungene Solo-„Sternstunden“, derweil das löbliche Neue Theater Höchst mit Akrobatik-Comedy „Varieté unter Sternen“ spielt. Der russisch-deutsche Schriftsteller Wladimir Kaminer aus Berlin liest. Dann eine Menge Musikkabarett: Sabine Fischmann mit Ali Neanders Band in „Alles muss raus“, Klassik-Sänger Thomas Quasthoff mit Michael Frowin, Bodo Wartke in zwei Klavierkabaretten, die Comedy-Männer Henni Nachtsheim und Rick Kavanian als Alternativ-Historiker der Hessen mit „Dollbohrer!“ und so fort. Pure Musik bieten eine Italienische Opernnacht, Stefan Gwildis und Konstantin Wecker.

4. Juli bis 21. August in Burg Hayn, Fichtestr. 50, 63303 Dreieich. Info und Karten (7–53 Euro) unter Telefon (06103) 60000. Internet

Frankfurt

„Barock am Main“ (Fliegende Volksbühne) spielt rund um ihren Erzkomödianten Michael Quast im Höchster Bolongarogarten Rainer Dachselts Landei-in-der-Großstadt-Komödie nach Molière: „Der Herr von Wutzebach“, zur Barockmusik Lullys und auf Hessisch (ab 13. Juli). Am 17. Juli kommt ein Kinderfest nebst „Der Zauberlehrling“ (frei nach Goethe) hinzu. Im Günthersburgpark feiert das Stalburgtheater sein „Stoffel“-Festival (15. Juli bis 14. August), im Grüneburgpark die „Dramatische Bühne“ ihr 14. Freilichtfestival (1. Juli bis 21. August), das insgesamt 18 Stücke zeigt. Der Mousonturm organisiert für die Reihe „Summer in the City“ im Palmengarten-Pavillon hochrangige Musik-„Acts“ zwischen Folk, Electronica und Avantgarde (19. Juli bis 23. August). Die amerikanische Rocksängerin Patti Smith zum Beispiel (9. August, mit Tony Shanahan und anderen) ist ein Muss! Mit ihren demnächst 70 Jahren ist die Punk-Interpretin so jung wie manch 30-Jährige nicht. Auch Sóley, Oum, Ineyi locken – im Ganzen ist sogar ein Konzert mehr dabei als noch im Programm des vergangenen Jahres 2015.

„Summer in the City“: 19. Juli bis 23. August. Karten (24–29 Euro, P. Smith 50–60 Euro, Festivalpass 99 Euro), Info: Telefon (069) 40 58 95 20. Internet . „Barock am Main“: 13. Juli bis 7. August. Karten (26–29 Euro, „Zauberlehrling“ 10 Euro): Telefon (069) 40 76 62 580. Internet . „Stoffel“ im Günthersburgpark: 15. Juli bis 14. August. Eintritt frei, Spende erbeten! Info: Telefon (069) 25 62 77 44. Internet . „Dramatische Bühne“ im Grüneburgpark: 1. Juli bis 21. August. Karten (16 Euro): Telefon (069) 13 40 400.

Hanau

Die 32. Brüder-Grimm-Festspiele (ab 13. Mai) berücksichtigen in der Reihe „Junge Talente“ erstmals Jugendliche statt nur Kinder und nutzen dazu die Ruine der Wallonischen Kirche. Da inszeniert Marco Krämer-Eis von Fitzgerald Kusz das Stück „Burning Love“ (23. Juli). Es ist die „brennende“ Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, die auf keinen Fall so werden wollen wie ihre Eltern. Vor allem möchten sie baldmöglichst die Provinz verlassen, in der ihnen alles erstickend eng vorkommt. Die Amphitheater-Bühne bleibt Grimm-Märchen vorbehalten: einem „Rapunzel“-Musical über das Mädchen mit den langen Jahren, das in einem Turm lebt, außerdem „Rotkäppchen“, das beim Besuch der Großmutter von dem bösen Wolf gefressen wird, und der comicartigen „Goldenen Gans“. Außerdem gibt es eine Shakespeare-Komödie: „Was Ihr wollt“. Darin trauert Viola nach einem Schiffbruch um ihren vermeintlich ertrunkenen Bruder Sebastian. Allein in der fremden Stadt Illyrien, gibt sie sich als Mann aus und schließt sich der Gesellschaft des Herzogs Orsino an, der sich vergeblich um die Gunst der Gräfin Olivia bemüht. Die Verkleidung Violas löst aber etliche Missverständnisse aus.

13. Mai bis 5. August. Info, Karten (13–32,50 Euro): Tel. (069) 1340400. Internet:

Heppenheim

Die 43. Festspiele im Amtshof legen zwei Eigenproduktionen auf: „Die Feuerzangenbowle“, den nostalgischen Pennälerschwank auf die zweite Bildungschance mit dem amourösen Happy-End, das man aus dem Film mit Heinz Rühmann kennt (ab 20. Juli), und ein Charles-Dickens-Musical mit Konstantin Wecker: „Oliver Twist: Tu doch, was Dein Herz Dir sagt“ (ab 19. August). Dieses Stück führt in das alte England, in dem die Armut der Arbeiterklasse und die der zahlreichen Waisenkinder besonders groß war. Oliver gerät in den Elendsvierteln der Großstadt London unter den unguten Einfluss einer Diebesbande. Mit „Pettersson, Findus und der Hahn“ nach dem gleichnamigen Buch ist im Marstall für Kinder ab drei Jahren gesorgt (ab 7. August). Dazu gibt es in Heppenheim etliche Comedy- und Konzertabende, wie dort üblich immer mit einem Glas Wein dazu.

20. Juli bis 13. September. Infos, Karten (15–45 Euro): Telefon (0180) 60 50 400. Internet

Oberursel

Nähere Informationen fehlen bislang. Doch hat sich der Regisseur und Organisator Andreas Walther-Schroth in Sachen „Theater im Park“ grundsätzlich für Conan Doyles Schauer-Kriminalroman „Sherlock Holmes und der Hund von Baskerville“ entschieden. Darin werden Detektiv Sherlock Holmes und sein Gehilfe Dr. Watson mit der Klärung des Mordes an Sir Charles Baskerville beauftragt.

Info, Karten: Telefon (06171) 50 24 67. Internet

Worms

Mit Albert Ostermaier als Autor setzt sich im zweiten Jahr der Intendanz Nico Hofmanns die vom Vorgänger Dieter Wedel begründete Nibelungenfestspiel-Tradition fort. Im Mittelpunkt des Programms steht Ostermaiers Komödie „GOLD: Der Film der Nibelungen“ (vom 15. Juli an), die das Gewicht des Nibelungenlieds am Kaiserdom in Spielereien mit dem Akt des Erzählens auflöst. Die Handlung: Ein Filmteam will den Lebenstraum des Produzenten Trauer (Uwe Ochsenknecht) auf die Leinwand bringen, da Nachwuchsregisseur Kubik am Dom den Königinnenstreit zwischen Kriemhild und Brünhild abfilmt.

Alles ist so überlebensgroß und echt gedacht, dass es die Rivalität der Actricen nur anheizen kann, so wie die vom Society-Reporter (Dominic Raacke) lancierten Bosheiten. Der blutige Stoff bricht aus dem „Nibelungen“-Drehbuch hervor wie das Verdrängte und macht das Team zu Marionetten. Im Ergebnis: ein Sittengemälde von Macht, Eitelkeit und Egozentrik, das zugleich die Sehnsucht nach heilender Utopie ahnen lässt. Da der reale, vielprämierte Regisseur Nuran David Calis und Videokünstlerin Geraldine Laprell den Theaterraum mit acht Kameras, Kamerafahrten und Videos auch als Filmraum definieren, rückt die Bühne ganz nah an die Zuschauer heran – so ist’s jedenfalls geplant. Insgesamt 15 Schauspieler und 10 Musiker können sich in den gläsernen Wohnwagen nie verstecken. Musikalisch ist die Stilbreite eben das: breit. Bleibt die Zukunft der Nibelungenfestspiele, wie der zuständige Kulturstaatssekretär meinte, auch nach der Intendanz von Wedel „Gold“?

Nico Hofmann ist zumindest ein guter Bürge. Der Münchner Filmproduzent und Mit-Geschäftsführer der Ufa-Gesellschaft in Berlin hat beste Kontakte zu Regisseuren und Schauspielern. So hat er für Worms auch noch Heiner Lauterbach aufgebracht. Der 63-Jährige ist als Bürgermeister in einem Video zu sehen, das als Teil des neuen Stücks gezeigt wird. Außerdem mit von der Partie: Vladimir Burlakov („Deutschland 83“) in der Rolle eines Nachwuchs-Regisseurs und Dennenesch Zoudé („Familiengeheimnisse“) als eine von zwei Brünhild-Darstellerinnen. Sascha Göpel verkörpert einen Schauspieler in der Rolle des Hagen, der Gunter-Interpret wird von Maximilian Laprell gespielt.

15. bis 31. Juli. Karten (29–99 Euro): Telefon (01805) 33 71 71. Internet

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