Mainzer Staatstheater

Der Mörder kommt in den Beichtstuhl

  • VonMarcus Hladek
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K. D. Schmidt inszenierte seine Fassung eines Films über pädophile Priester: „Am Sonntag bist du tot“ am Staatstheater Mainz lässt niemanden kalt.

Wie ein verrottender Schiffskiel liegen Planken auf der Bühne. Gut für Auftritte durchs Schiffsgerippe ist Thomas Dreschers Bühnenbild (mit Videos hinten: Brandung, Großfeuer, Flughafen) auf jeden Fall. Binnen zweier Stunden drängt sich aber auch die Allegorie der Kirche als Schiff auf, szenenweise dient das Gebilde als Brandruine einer Kirche – oder einfach als Pub. Zudem erwähnt der Text allerlei Meeresungeheuer – Jonas’ Walfisch, den Leviathan, Moby Dick. Ist das Gerippe ein gestrandeter Wal?

Kindesmissbrauch lautet das herbe Thema der irischen Filmvorlage „Calvary“, deren Drehbuch (John Michael McDonagh) Regisseur K. D. Schmidt eigens bearbeitet hat. Film wie Stück befleißigen sich ungewohnter Fairness, verzichten also darauf, Tatsachen und Schuldanteile in Sachen pädophile Priester aus Sensationsgier zu vereinfachen. Der monströse Missbrauch ist vorausgesetzt und legt einen Schleier aus Trauer und Wut über die Handlung, doch ist Pfarrer James Lavelle selbst (Martin Herrmann) gänzlich unschuldig, ja fast ein Gerechter in den Farben Graham Greenes.

Wohl darum erleidet dieser spätberufene Geistliche, ein ehemaliger Alkoholiker und verwitweter Vater, einen Rückfall im Pub. Allerdings hat Pfarrer Lavelle ein Missbrauchsopfer in seiner Gemeinde, das sozusagen durchdreht. Im Beichtstuhl kündigt der Mann an, Lavelle zur Sühne für andere in einer Woche ermorden zu wollen.

Begegnung mit dem Tod

So geschieht es denn auch, was den sieben Tagen bis dahin den Takt einer Gegen-Schöpfung unterlegt. Obwohl Lavelle einen Revolver auftreibt, seinen Bischof informiert und beinahe flieht, geht er zuletzt zum Stelldichein mit dem Tod. Vorher bringt er noch vieles in Ordnung. Lavelle ermutigt den kranken Schriftsteller Gerry (Armin Dillenberger) und einen zum Maler berufenen Messdiener (Till Raskopf). Den untauglichen Kaplan (David Schellenberg) motiviert er zum Amtsverzicht, sucht im Gefängnis den irren Mörder Freddie (Denis Larisch) auf, tröstet das verhurte Prügelopfer Veronica und die trauernde Französin Teresa (Ulrike Beerbaum). Beim Arbeiter Simon (Joél Sansi) und dem Metzger Jack, seinem Mörder, legt er ein Wort für Veronica ein und stellt sich dem unappetitlichen Krisengewinnler Michael Fitzgerald. Clemens Dönicke spielt diesen genau wie Jack.

Vor allem vertieft Lavelle die Beziehung zur selbstmordgefährdeten Tochter Fiona. Martin Herrmann und Antonia Labs geben dieser Zweierbeziehung die anrührendste Darstellung. Herrmanns Pater ist so klischeefrei, menschlich und dicht, wie die stets grauslichen Kirchenschmonzetten im deutschen Fernsehen es niemals hergeben. Selbstmord macht einen relevanten Seitenstrang aus, sogar Dorothy Parkers Gedicht „Resümee“ wird rezitiert: „Rasierklingen schmerzen; Flüsse sind klamm; Säure macht Narben; Drogen ’nen Krampf. Knarr’n sind verboten; Stricke reißen; Gas stinkt erbärmlich; So lass es halt sein.“

Die Regie ist so effizient wie die schnellen Dialoge und Figurenbilder, inklusive des Martin-Wuttke-haften Hundes Bruno – Klaus Köhler gibt außerdem den Bischof und einen ungläubigen Arzt. Gut die pfiffig-wandlungsfähige Beerbaum, grell und unsympathisch Sebastian Brandes’ Diptychon aus Milo und dem Stricher Leo, während Dillenbergers schwuler Inspektor und knorziger Schriftsteller sich zum feinen Kontrastporträt summieren. Sabine Böings Kostüme bemerkt man gleichsam gar nicht (außer Lavelles abgetragene Soutane), und das ist ein Lob für sich.

Bewegter Beifall am Ende.

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