Theater in Mainz

Ein molliger Modegeck im antiken Panzerhemd

  • vonMarcus Hladek
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Marcus Lobbes inszenierte am Mainzer Staatstheater den selten gespielten „Oedipus“ des altrömischen Philosophen und Kaiserlehrers Seneca.

Lucius Annaeus Seneca (4 v. bis 65 n. Chr.) stieg als Konsul und Erzieher Neros zur Macht im römischen Imperium auf, bis ihn der Kaiser als Verschwörer in den Selbstmord schickte. Seneca vollzog ihn mit demselben Overkill, den er sprachlich anzuwenden vermochte: unter drei suizidären Methoden zugleich machte er’s nicht. Sein Nachleben als Dramatiker geriet so außerordentlich wie zwiespältig. Seine neun Tragödien nach griechischer Vorlage sind die einzig erhaltenen aus römischer Zeit, blieben in der Antike aber ungespielt, weil römische Vergnügungen einem ganz anderen Geschmack folgten. Und doch ist ihre Wirkung immens, zumal auf die Tragödien Corneilles und Racines in Frankreich, auf Shakespeare und das elisabethanische sowie aufs Barocktheater.

Die Handlung um den Vatermörder und Muttergatten „Oedipus Rex“ folgt der des „Oidipos tyrannos“ des Sophokles, allerdings ergeht sich der Spieltext in Alois Swobodas Übersetzung aus der Romantik im I. und III. Akt in langen elegischen Reden, denen sich hier und im II. Akt überlange Chorpartien beigesellen. Dass der quasi aufgeklärte Stoiker Seneca auf praktische Ethik, moralische Ermahnung und das Staatswohl setzte, romantisiert den Mythenstoff, bis man mitten im beredsamen Schmerz hohen Stils den vernünftigen Seneca zu hören wähnt, je deutlicher es um Intrige, verbissenen Machterhalt und kranke Leidenschaften geht.

Oedipus: das abschreckende Beispiel. Neu ist auch das mächtig aufgepeppte, grausige Orakel- und Opferschau-Theater nebst Totenbeschwörung, das die römische Seherkunst rein sprachlich breit entfaltet.

Lobbes’ Regie und Bühnenbild und die Figurenanlage in den Kostümen Miriam Grimms gefallen und überzeugen. Indem Lobbes den Palast in aller steinernen Symmetrie, Pracht und Eleganz bis hin zu den Kerzenlichtern an der Wand sichtbar macht, lässt er sich zeitlich und in Sachen Herrscher-Milieu auf ein Interieur der Macht ein, das man mit Neros „Goldenem Haus“ oder mit der französischen Klassik identifizieren mag.

Der Stil kippt ins Klischee

Er nimmt das Klassische und Hohe also erst einmal ernst, auch wenn man irgendwann die Adidas-Streifen am königlichen Schuhwerk bemerkt: eine stark visuelle Inszenierung, die das marmorne Weiß und teils dezente, teils übertriebene Gold, die bronzenen Metallicfarben und das edle Fell bricht und ins Spiel mit Klischees treibt. Dass ein Bett vorn in der Mitte steht und vielfach zum Schauplatz wird, sei es dass Nero, Verzeihung: Oedipus mit Iocaste schäkert oder die exotisch blau-metallen kostümierte Seherin Manto (Antonia Labs), Tochter des Teiresias (Armin Dillenberger), ihre blutigen Tieropfer mit Sex am König kombiniert, wäre im 17. Jahrhundert natürlich undenkbar. Für Seneca stehen aber römische Bretterbuden-Sitten im Hintergrund, und die kannten laszive Actricen jederzeit und nackte Kaisermütter mitunter.

Der „Versprecher“ von Oedipus und Nero hat Sinn in dieser Regie, die Oedipus mit einem molligen Lockenkopf (Daniel Friedl) besetzt, der sein Panzerhemd als Modegeck spazieren führt und auf stämmigen Beinchen Amüsement erregt. Vom römischen Mimus her mag das kunterbunte Gewand des Sehers mit dem kreuzestarrenden Umhang gedacht sein. Mit am schönsten ist aber die Interpretation des Thebanerchores.

Die späteren Darsteller des dramatischen Kleinpersonals an Boten und Hirten (Denis Larisch, Vincent Doddema) sprechen ihn als, wahlweise, Statuen in ihren Mauernischen und/oder Spiegelwesen: je näher die Katastrophe rückt, umso mehr ersetzt Farbe ihre Steinstaubfarbe, genau gegenläufig zu Oedipus und seiner Iocaste (Leoni Schulz). Eine hochinteressante Inszenierung, die uns trotzdem unschlüssig zurücklässt, ob Seneca hier dem Bühnenleben wiedergewonnen wurde oder nicht.

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